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Sonntag, 12. April 2009, 10:12

Jost Nickel - Den Beruf als Privileg empfinden

Groove und Dynamik
An einem wunderschönen Herbsttag unterhielt ich mich mit Jost Nickel. Er war zu einem Workshop im Drumladen nach St.Leon-Rot gekommen. Während des Interviews liefen wir durch das angrenzende Gewerbegebiet und genossen die Sonne. Vielen Dank an Jost und an das Team vom Drumladen.



DF: Seit wann spielst du Schlagzeug und warum ausgerechnet dieses Instrument?

JN:
Ich spiele, seitdem ich 11 bin. Auslöser war das Kinderschlagzeug eines Freundes. Er spielte zu "Ich kauf mir 'ne kleine Miezekatze" von Wum und Wendelin und ich war völlig fasziniert.
Danach nervte ich meine Familie solange, bis meine Mutter mir ein sehr günstiges Drumset kaufte, da meine Oma absolut recht hatte mit der Aussage, dass ohnehin alles immer teurer würde.

DF: Seit wann professionell?

JN:
Nach dem Abi ging es 1991 zum Drummers Collective nach New York. Anschließend habe ich ganze zwei Tage BWL in Münster studiert, was mir eindrucksvoll vor Augen führte, was ich wirklich wollte.
Also ging ich in meinem Proberaum und übte, übte und übte. Ich bewarb mich dann für den Popkurs an der Musikhochschule in Hamburg und bin dort genommen worden. Der Schlagzeugdozent dort war Udo Dahmen.
Mir haben Hamburg als Stadt und die Musiker, die ich im Rahmen des Kurses kennen gelernt habe, so gut gefallen, dass ich spontan beschloss, meinen Wohnsitz nach Hamburg zu verlegen. Dort ging alles sehr schnell. Innerhalb von Wochen hatte ich meine ersten professionellen Bands.
Seit dieser Zeit lebe ich vom Schlagzeug spielen.



DF: Was sind die Vorteile und die Nachteile deines "Jobs"?

JN:
Ich empfinde meinen Beruf als Privileg, wenn man so will, da ich mit der Musik eine Sache gefunden habe, in der ich voll aufgehe. Wenn ich zum Beispiel bei einem großen Drumfestival wie dem Meinl Drum Festival spiele und entsprechend nervös bin, dann stelle ich mir vor, wie das war, als ich angefangen habe.
Ich freue mich dann ganz einfach über die Tatsache, dass ich zu solchen Anlässen spiele. Ein anderes Beispiel wären die großen Gigs mit Jan Delay. Da sind dann Fernsehkameras, die Anspannung ist groß, aber letztendlich ist es einfach super, dass ich als Schlagzeuger mein Geld verdiene.
Ein negativer Aspekt des Berufes ist, dass es der Musikbranche immer schlechter geht. Dadurch, dass so viele Leute das Gefühl haben, es sei okay, wenn man sich Musik umsonst besorgt, haben die Plattenfirmen weniger Geld, um Musikern und Produzenten Arbeit zu geben.
Sei es, dass weniger CDs aufwendig – also mit Livemusikern- produziert werden, oder dass es seltener passiert, dass in noch unbekannte Künstler investiert wird, indem man die mal auf Tour schickt. Deswegen brenne ich überhaupt keine CDs! Selbst, wenn diese CD von einem Megaseller ist. Denn mit diesem Geld werden andere Projekte und auch Jobs bei den Plattenfirmen finanziert.
Ein weiterer Nachteil ist vielleicht, dass du als Musiker keine Gewerkschaft hast. Du musst dich mit anderen Musikern zusammentun oder für dich alleine kämpfen. Das ist manchmal anstrengend.
Generell überwiegt aber die Liebe zur Musik. Dazu gehört das Spielen und für mich auch das Üben. Man könnte sagen: So lange ich inspiriert bin, ist alles in Ordnung!

DF: Was bedeutet das Instrument heute für dich?

JN:
Es ist immer noch so, dass ich eine geradezu kindliche Freude am Spielen empfinde. Ich habe irgendwo gelesen, dass Glück ist, wenn jegliches Zeitgefühl verschwindet. Wenn ich folglich nicht darüber nachdenke, was gleich ist oder gestern war, sondern im Augenblick bin. Beim Musik machen erlebe ich genau diesen Zustand immer wieder.

DF: Würdest du aufhören, wenn du das nicht mehr fühlen könntest?

JN:
Am Anfang meiner Laufbahn habe ich im Prinzip erst einmal alles Mögliche gemacht, was dazu geführt hat, dass ich auch bei Sachen dabei war, wo die Musik nicht mein Geschmack war. Da dachte ich nur, super, ich gehe jetzt auf Tour unter tollen Bedingungen, mache interessante Erfahrungen und verdiente auch noch viel Geld.
Da war ich sehr tolerant, was die Musik anbelangte. Aber nach mehreren Jahren merkte ich dann, dass ich gewisse Touren nicht mehr spielen wollte. Deswegen habe ich diese Sachen abgesagt. Ich habe mich gegen das Geld und für die Musik entschieden, was im Ergebnis dazu geführt hat, dass ich jetzt Musik spiele, die genau mein Ding ist und wo alle Bedingungen bestens sind.
Ich habe immer versucht, finanziell möglichst unabhängig zu sein, d.h. nicht alles Geld auszugeben, sondern Rücklagen zu schaffen. So konnte ich dann Zeiten überstehen, in denen ich die eine oder andere Schlagertour finanziell durchaus hätte gebrauchen können. Da war Udo Dahmen maßgeblich, der hat immer gesagt, dass ich zusehen sollte, dass ich auch mal eine längere Zeit ohne große Einnahmen überbrücken kann.



DF: Ist das eine privilegierte Situation als Künstler?

JN:
Einerseits, ich habe natürlich Glück gehabt, aber andererseits auch darauf hingearbeitet. Ich habe immer sehr selbstkritisch meine Schwächen analysiert und diese Dinge dann geübt, was mit der Zeit sehr positiv wirkt.

DF: Was macht für dich einen guten Schlagzeuger aus?

JN:
Das Spiel des Drummers muss mich auf einer körperlichen Ebene ansprechen. Das heißt, es muss grooven und ich muss mitgehen, ohne darüber nachzudenken. Aber, es interessiert mich auch, wie dynamisch jemand spielt, wie Figuren z.B. auf der Hihat gespielt werden. Das inspiriert mich wieder.
Wenn ich aber merke, dass jemand Fills und Licks nur um ihrer Selbst willen spielt, dann schalte ich sofort ab oder analysiere nur noch und das Gefühl bleibt auf der Strecke.
Technik muss immer Mittel zum Zweck sein. Natürlich, wenn man noch nicht solange Schlagzeug spielt, muss man sich diese Technik erarbeiten. Aber je länger ich spiele, desto mehr tritt die Technik in den Hintergrund.
Natürlich übe ich Technik, aber beim Spielen versuche ich überhaupt nicht an Technik zu denken. Ich versuche, mich durch die Musik inspirieren zu lassen.

DF: Wie steht es mit dem Ego beim Drummer?

JN:
Ich habe das Gefühl, wenn ein Schlagzeuger es so empfindet, dass er nicht zum Zug kommt, weil er "nur" vermeintlich einfache Grooves spielen darf, dann ist er auf dem Holzweg.
Die Kunst beim Spielen liegt für mich immer darin, das passende Tempo und Feel eines Songs zu treffen. Die Menge an Noten ist dabei völlig uninteressant.
Ich versuche immer, mit den Leuten in einem Team zusammen zu arbeiten. Wenn mir ein Sänger, für den ich spiele, sagt, dies oder jenes hätte er gerne in einer bestimmten Art und Weise gespielt, dann fühle ich mich überhaupt nicht auf den Schlips getreten.
Ganz im Gegenteil möchte ich unbedingt, dass mir meine Mitmusiker ein ehrliches Feedback geben, auch wenn ich vielleicht mal anderer Meinung bin. Grundsätzlich ist das sehr bereichernd.
Bei Workshops ist natürlich das Schöne, dass ich alles frei gestalten kann. Das macht mir viel Spaß, mich dabei auf anderen Ebenen voll zu entfalten.
Aber wichtiger ist für mich, dass ich mit anderen zusammen spiele; das hat Priorität.



DF: Wie siehst du die Zukunft der Musikindustrie?

JN:
Ich bin natürlich kein Hellseher. Aber er ist nicht zu leugnen, dass es immer schwieriger wird, mit Cds Geld zu verdienen. Wirklich schade ist, dass in der Folge so viele Studios kaputt gehen. Da geht viel Knowhow verloren und um die Studiobetreiber tut's mir leid, da die ja genauso wie Musiker ihre Sache lieben und mit viel Herzblut dabei sind.
Von Seiten der Plattenindustrie wurden Fehler gemacht, aber nur, weil einer sein Auto nicht abschließt, muss ich es ja nicht klauen, oder?!
Es ist natürlich viel Mist produziert worden, aber das rechtfertigt noch lange nicht, dass ich die Musik, die ich mag, klaue. So kam mal ein Schüler von mir mit einer gebrannten "Matalex"-CD zum Unterricht. Ich dachte nur, wir haben da soviel Arbeit und Mühe reingesteckt und du klaust dir das Ding einfach!

DF: Wie nutzt du das Internet?

JN:
Ich habe meine eigene Homepage und meinen MySpace-Account und freue mich sehr über Gästebucheinträge oder Feedback im Allgemeinen.
Wenn mir jemand schreibt, dass ihm meine Arbeit gefällt, dann bedeutet mir das viel, weil ich von mir selber weiß, wie toll es ist, von anderen inspiriert zu werden.
Außerdem nutze ich das Internet wie viele Andere: Ich bin ein Fan von E-Mails und schaue mir gerne Musik-Videos an, besonders von Live-Konzerten.



DF: Gibst du noch Unterricht?

JN:
Nicht mehr regelmäßig, aber ich bin beim Popkurs in Hamburg Dozent. An der Popakademie in Mannheim unterrichte ich auch von Zeit zu Zeit.
Wenn Leute mich nach Privatunterricht fragen, dann mache ich das abhängig von meinem Terminkalender in Hamburg in meinem Proberaum. Das richtet sich allerdings an Fortgeschrittene. Ich muss ehrlich sagen, für Anfänger bin ich nicht der Richtige.

DF: Dein Tipp für junge Drummer?

JN:
Ich frage zurück, wenn Leute mich fragen, wie man Profidrummer wird, ob derjenige gerne übt. Wenn du das wirklich willst, dann musst du sehr viel üben. Wenn der Drang, sich unglaublich viel damit zu beschäftigen, nicht da ist, dann kann das Schlagzeug auch ein schönes Hobby sein.
Da spricht überhaupt nichts dagegen. Ich finde es toll, wenn die Leute ein schönes Hobby haben, das sie leidenschaftlich betreiben.
Für eine professionelle Ausbildung ist ein guter Lehrer eine wichtige Grundlage. Notenlesen ist sehr wichtig und unbedingt in einer oder mehreren Bands spielen!
Stilistisch gesehen sollte man offen für alles sein. Wobei ich das einschränken möchte, denn es gibt Schlagzeuger, die wissen mit 15, dass sie nur Metal machen wollen. Also sollen sie das tun. Die versuchen eine Karriere in ausschließlich dieser Szene zu machen.
Natürlich bekommt man auch als Metaldrummer viele Anregungen durch die Beschäftigung mit anderen Stilistiken.

DF: Was steht als Nächstes an?

JN:
Wir spielen mit Jan Delay auf einigen sehr großen Festivals und im Spätsommer erscheint dann unsere neue CD, mit der wir dann im Oktober auf Tour gehen werden. Das wird ein großer Spaß. Herrlich!

Weitere Infos: http://www.jostnickel.com oderhttp://www.myspace.com/jostnickel