Polka spielen wie die Profis, unterschiedliche Techniken

  • Hätte da mal eine Frage an die Blasmusikfraktion unter euch.


    Wie man auf Videos immer wieder sieht, spielen viele Profis, in den Stellen ohne geschlagenes Becken, scheinbar auf der Snare mit der Führhand die 1/8 durch und setzen mit der anderen Hand den Nachschlag, evtl sogar als Flam.
    Ist das tatsächlich so, eher Show, oder was machen die da genau und warum?


    Gut zu sehen hier bei der "Südböhmischen", gespielt von den Innsbrucker Böhmischen mit m Kollegen Rabanser
    https://www.youtube.com/watch?v=7e8O1ikazrA


    Oder hier beim "Buntspecht" mit m Holger Müller
    https://www.youtube.com/watch?v=Rm3F-wIVrwY


    Nach Noten spielt man die böhmische, egerländer und mährische Polka ja eh nicht, damit es richtig groovt und nicht langweilig klingt, aber was macht ihr generell so???
    Unterscheidet ihr auch eure Technik, Dynamik in der Spielweise der jeweiligen Polka???


    :thumbup:

  • Hallo Drumhart,


    nach dem ich im Rahmen meines Dirigentenkurses ein Polka Seminar mit Franz Watz besuchen durfte spiele ich nur noch so.
    Es ist hilfreich die Achtel mit der Führungshand durchzuschlagen, weil so der Polka-Groove besser gelingt.
    Das schwierige ist der Groove selbst, denn die Führungshand, wie auch die Hand welche den eigentlichen Nachschlag spielt, sollten verzögern, also irgendwo zwischen gerade und triolisch liegen.
    Wichtig ist, dass auch die Nachschlaginstrumente im Ensemble den Nachschlag genau so verzögern. Man sollte sich hier Zeit nehmen und sich richtig Eingrooven (Stichwort: tiefes Blech + Schlagwerk Satzprobe). Noch schwieriger wird es, wenn große Trommel und Snare Drum von verschiedenen Trommlern bedient werden.


    Kumpan und Konsorten sind nur bedingt nah am Original, denn früher waren eigentliche gar keine Schlagzeuger dabei ;) .


    O-Ton von Franz Watz:
    "Der Holger Müller hat das von mir!"

  • Ich spiele hauptsächlich Egerländer Blasmusik, deswegen mal meine Meinung:


    Das Durchschlagen der Achtel mache ich auch so und habe es bei einigen Profis (u.a. Holger Müller, Michael Klostermann ...) so gelernt. Im Prinzip dient das Ganze dazu, dass der Nachschlag präzise dahin kommt, wo er hin soll, und es dementsprechend besser groovt (man könnte sagen, es klingt gleichmäßiger). Immer schön am Rand und möglichst leise spielen - man soll das "Durchschlagen" nicht hören, sondern eben nur den Nachschlag. Prinzipiell gibt es davon zwei Arten, wie man das umsetzen kann (ich geh jetzt mal davon aus, du bist Rechtshänder. Für Linkshänder gilt das Ganze entsprechend umgekehrt):


    1) Man spielt den Nachschlag grundsätzlich mit links durch und die vollen Schläge (quasi die 1 und die 2) mit rechts.


    2) Man spielt den Nachschlag grundsätzlich mit links durch und spielt mir rechts aber alle Achtelnoten (das muss aber extrem präzise kommen, es dürfen keine Flams zu hören sein). Diese Variante hat den Vorteil, dass man die Verzögerung etwas besser dosieren kann, v.a. bei langsamen Polkas (z.B. "Der Strohwitwer") sehr nützlich.


    Bzgl. des "Nach-Noten-Spielens" kann ich deiner Aussage nicht ganz zustimmen. Grundsätzlich hast du recht, wenn es um beispielsweise um Beckeneinsätze oder kurze Wirbel geht (oder auch sonstige Verziehrungen). Den Rhythmus des Nachschlags würde ich aber möglichst spielen wie er notiert ist - auch hier gibts Ausnahmen. Hat einfach den Hintergrund, dass die Posaunen in den allermeisten Fällen denselben Rhythmus notiert haben und es einfach besser klingt, wenn sich beide Instrumentengruppen decken.


    Ich hoffe, dir etwas geholfen zu haben :)

  • Dynamik nicht außer acht lassen.
    Das Ganze lebt vor allem von der Dynamik, d.h. im Trio mal ordentlich reinknallen und dann wieder schön runterfahren, die 2. Wiederholung etwas mehr Gas geben und nach hinten raus "gib ihm" (ordentlich aufs Ride zimmern). So kenn ich das zumindest und das hat immer ordentlich Spaß gemacht, sei es in einer 5er Besetzung oder mitm Blasorchester. Auf keinen Fall stumpf in einer Lautstärke durchspielen, sondern sich an den Mitspielern orientieren. Polkas sind, wie Märsche auch, zu 99% identlisch aufgebaut, da hat mans irgendwann einfach im Urin wann man zurück muss mit der Lautstärke und wann mans krachen lassen darf ;)
    Das ist eben doch anderes Musikzieren als mit einer Band, wo jeder seine Lautstärke weitestgehend beibehält, Blasmusik ist deutlich dynamischer was laut/leise angeht.

  • Hallo,


    Auch ich spiele gerne Polka, und kann meinen Vorschreibern nur zustimmen. Exaktes Spiel und Dynamik
    sind meiner Meinung nach das a und o bei der Blasmusik.


    Zur Geschichte des dezenten Führen mit der rechten Hand habe ich von Holger Müller folgendes erfahren:
    Die Musiker bei Ernst Mosch spielten ja mehrheitlich bei Erwin Lehn im Südfunk Tanzorchester.
    Da war der Schlagzeuger in der Swing Musik mehr gefordert und hat sich bei der Blasmusik bestimmt etwas
    gelangweilt. Um aber den Swing in die Blasmusik zu bekommen hat er die Viertel- oder achtelnoten
    vom Ridebecken auf die Snare übertragen.


    Überhaupt hat das Spiel in der Blasmusik einiges vom BigBand Drumming.


    MfG
    Christian

    Das Leben ist zu kurz um Blended Whisky zu trinken !

  • Jetzt gebe ich auch mal meinen Senf dazu.


    Ich spiele regelmäßig Blasmusik in einer 35-Mann-Kapelle, einer 8-Personen-Kombo und diversen Projekten.
    Das Repertoir geht von Böhmisch, Märisch, Bayerisch bis zu tschechischen Originalkompositionen.


    Das A und O ist dabei Dynamik und Tempo. Du musst wissen was du willst. Ich sehe das Schlagzeug "nur" als Begleitstimme,
    die in manchen Situationen die Führung übernimmt, Akzente setzt und eben den Bläsern "zeigt, wo es lang geht".


    Ich bin auch kein Freund vom "Achtel-Metronom", bei dem die Achtel nur stur durchgeschlagen werden. Lieber etwas verzögert
    Das muss dann aber auch von allen so mitgetragen werden. Aber das wurde ja schon erwähnt.


    Wichtig ist auch die Art der Polka. Eine mährische Polka ist anders zu spielen als eine böhmische. Ich durfte schon diverse
    Kurse bzw. Workshops mit bekannten Schlagzeugern aller Richtungen besuchen. Das hat mir geholfen verschiedene Stile
    zu erlernen. Ich persönlich halte das für wichtig, um aus dem "Einheitsbrei" herauszukommen und der jeweiligen Polka
    den Rahmen zu geben den sie verdient. (Gott, hört sich das an ... aber so unterschreibe ich das gerne)


    Aber wie immer: Erlaubt ist, was (dir, deinen Mitmusikern und den Zuhöreren) gefällt

  • Ich gebe zu, dass ich von Blasmusik wenig Ahnung habe, aber von Bands schon, und dieser Satz ist -freundlich ausgedrückt- grober Unfug.


    Ich vermute hier eher ein Missverständnis.
    Seit über 15 Jahren spiele ich in verschiedenen Besetzungen (von 3-80 Personen) Trompete und gelegentlich auch Schlagzeug. Das ist von der Dynamik eine ganz andere Anforderung (ppp-fff) an den Drummer als in einer 0815Hobby(!)-Band, die Rock- und Popklassiker intoniert, so zumindest meine Erfahrung. Das heißt nicht, dass man in einer Band nicht auch dynamisch spielen muss und sollte... aber es ist ne andere Sache und das ist auch nicht das Thema dieses Threads. Mein Hinweis war allgemeiner Natur, dass gerade die Blasmusik, die hier genannt wird, von der Dynamik lebt (eben auch aufgrund des Aufbaus der Stücke)
    Zudem muss man nicht immer jedes Wort auf die Goldwaage legen und ein Haar in der Suppe suchen. Gerne entschuldige ich mich, wenn ich mich zu salopp ausgedrückt haben sollte, ich wollte die Leistung eines jeden hier nicht im geringsten schmälern ;)

  • !!!Off-Topic!!!


    Hi,


    ich glaube zu wissen, was DrummmerinMR meinte - der dynamische Rahmen in einer Band (Rock- und Popmusik - ein weites Feld) ist sicherlich schon eingeschränkt(er). Das mag in unterschiedlichen Kontexten, also z.B. bei rein akustisch gespielter Musik bzw. dann eben auf der "großen" Bühne nochmal was anderes sein, aber im großen und ganzen macht zu viel Dynamik z.B. beim Backbeat die Musik auch eher kaputt, als dass es förderlich wäre. Ich höre oft von Kollegen "unser Drummer spielt nicht so dynamisch" und die machen dann so Funk à la Nils Landgren Funkunit. Sorry, aber wenn man sich da mal die Liveaufnahmen anhört, dann wird ein dynamischer Effekt eher über das wechseln der Instrumente oder das Weglassen erzielt und nicht über das bewusste leise spielen von Snare oder Bassdrum z. B.


    Natürlich kann das schnell mal als Ausrede herhalten, trotzdem brauchen im Gesamtklang einer Band in diesen Stilistiken manche Teile des Instruments eine gewisse Energie, die nicht unterschritten werden kann. Sonst klingt es einfach nicht mehr nach dieser Art von Musik. Das da trotz allem noch Spielraum für Dynamik ist und man sich da grundlegend vor Verallgemeinerungen hüten sollte, steht wie gesagt auch nochmal auf einem anderen Blatt Papier.


    Trotzdem bleibe ich dabei: Die dynamische Spannbreite, in der Rock- und Popmusik funktioniert ist nicht so groß wie z.B. in der Klassik oder eben in der Blasmusik.


    Nur meine Erfahrungen.



    Grüße

    Lässig kommt von Lassen. Klingt komisch - ist aber so!

  • Wow, hätte jetzt nicht gedacht, dass auf dem Forum sich soviel Blasmusiktrommler bewegen.
    DANKE für eure wirklich hilfreichen Beiträge.


    Weiß jemand wann mal wieder ein Workshop im Bereich Schwaben/Bayern angeboten wird oder hat eine Seite wo solche Termine stehen?
    Würde zugern mal einen besuchen.

    Einmal editiert, zuletzt von Drumhart ()

  • Gut zu sehen hier bei der "Südböhmischen", gespielt von den Innsbrucker Böhmischen mit m Kollegen Rabanser
    https://www.youtube.com/watch?v=7e8O1ikazrA


    Der Trommler lässt bei 1:45 den Chapin und bei 2:30 den Rich raus. Geil!


    Liegt wahrscheinlich auch an unserem Dirigenten.


    Beim Lesen des Threads musste ich beim Thema Dynamik gleich auch an Dirigenten denken. Bei Tanzmusik, Pop und Rock wird man seine Kollegen nur schwer zu einem Pianissimo bekommen. Meine beste Erfahrung mit wirklich guter, schöner und breiter Dynamik war in einer Blaskapelle mit einem pensionierten Dirigenten vom Konservatorium. (Es geht auch ohne, wie z.B. "Trio in Tokio" von Petrucciani/Gadd/Jackson beweist, aber das ist ja schon wieder Jazz von Leuten, die der Gedankenübertragung fähig sind.)


    M.

  • Weiß jemand wann mal wieder ein Workshop im Bereich Schwaben/Bayern angeboten wird oder hat eine Seite wo solche Termine stehen?
    Würde zugern mal einen besuchen.

    Der von mir angesprochene Workshop mit Franz Watz ("Heidrun Polka", "Ein halbes Jahrhunder", uvm.) wird regelmäßig im Frühjahr von der Musik-Akademie des Blasmusikverbands Baden-Württemberg angeboten. Der Sitz der Akademie ist in Kürnbach zwischen Bretten und Eppingen. Die Teilnahme ist nicht auf Verbandsmitglieder beschränkt. Franz Watz bietet diese Workshops auch für Vereine oder andere Gruppierungen an, sofern es terminlich möglich ist (und gegen Vergütung, selbstverständlich).


    Ich konnte in diesem Seminar unglaublich viel lernen, denn Franz ist gebürtiger Rumäne und kommt damit aus dem Heimatland der Polka. Das Seminar hat zudem auch einen theoretischen Teil, bei dem Franz fundiert und mit Witz die Traditionen erklärt und verschiedene Beispiele vorstellt. Im Laufe des Seminars haben wir dann auch als Gruppe mal eben "Hänschen klein" als Polka gespielt. Das werde ich nicht mehr so schnell vergessen.
    Typischerweise ist das Seminar offen für alle Instrumentengruppen und die Kursteilnehmer sind gleichzeitig auch die Instrumentalisten. Die Mehrheit ist auf hohem Amateur-Niveau.

  • So jetzt ist fast eine Saison vergangen als ich euch um euren Rat, Meinung, Kommentar gebeten hatte. Wir haben das zwischenzeitlich sehr oft eingesetzt und mittlerweile ist es "wie nie was anders gespielt", bekomme sehr viel positives Feedback.
    Ich möchte mich deshalb an dieser Stelle einfach nochmals für die hilfreichen Tipps von euch bedanken.
    :thumbup:

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