wolle70: Yamaha Recording Custom Restaurationsorgie oder "Support your local Music Club" (Seite 30)

  • Hi Wolle,


    nachdem ich jetzt mit Sabbern fertig bin (ja, ich bin alt genug, um mich an den Simmons-Wahnsinn zu erinnern) kann ich mich anschließen, Dich zu begrüßen und zu den schönen Sets zu beglückwünschen.


    Beste Grüße, S.

  • Ich fühle mich manchmal missverstanden (bitte Mitleid jetzt!). Ich habe in meinem Leben noch kein Simmons live gespielt, höchstens mal spielen lassen. Im Gegenteil bin ich überzeugter A-Drummer, zumindest live, ergo macht es Sinn, an dieser Stelle mein Arbeitsgerät mal vorzustellen:


    Pearl BLX in Sequoia Rot in folgenden Kindergrößen:
    18" Bassdrum
    10" Tom
    13" Tom
    14"x6,5" Pearl Free Floating Snare mit Lunar Maple Kessel


    Becken:
    14" Sabian AAX Studio HH
    15", 17" Zildjian K Dark Crash
    22" Zildjian Impulse Ride (das lauteste Ride daß ich je gehört habe)





    Und warum diese Kindergrößen? Ich bin sehr pragmatisch veranlagt. Das Set hatte urspünglich die Standardgrößen 22, 12, 13, 16. Alles BLX, alles Sequoia Rot. Man schrieb das Jahr 1989. Ich verdiente mir bei einem heute nicht mehr so bedeutenden Leverkusener Chemie Giganten das nötige Kleingeld. Natürlich eine super Kiste. Auch ich war in meinem jugendlichen Leichtsinn auf dem höher-schneller-weiter Tripp, also gleich das 10" Tom und eine zweite Bassdrum, die 18er draufgepackt. Warum ich eine 18er genommen hatte weiß ich heute nicht mehr genau. Altersdemenz. Aber mit den Gigs kam die Schlepperei, also machte ich mir zwei Sets aus dem ganzen Trommelpool: 22, 12, 16 und 18, 10, 13. Die erste Variante spielte ich etwa die nächsten 10 Jahre. Dann hatte ich aber Lust auf Veränderung und ausserdem dachte ich, daß es sogar sehr showy sein könnte, als 1,90m Mensch am Kinderset zu performen. Also weg mit den Eimern, ab dann nur noch Kinderkonfektion. Klingt natürlich nicht so mächtig wie Männergrößen, aber mit der richtigen PA und dem richtigen Personal, das immer mitreiste war das kein Problem. Mittlerweile habe ich mir als Zweitset noch ein Taye ProX Deluxe zugelegt, diesmal in 22, 10, 12 14, 14. Meiner Meinung nach einer der unterschätztesten Hersteller zur Zeit. Vielleicht mach ich davon auch mal ein paar Bilder.


    Und wo wir gerade lustig dabei sind noch mein drittes ich:


    Eine bunt gewürfelte E-Kiste zum Austoben:
    Alesis I/O
    14" Stahl Snare mit Truss Schiene,
    3x Roland PD-8 Tom Pads
    Roland KD-7 Kick Pad
    Roland CY-12H HiHat
    Roland FD-8 HH Controller
    Roland TD-12 Rack (kaiser09 abgeschwatzt...)
    Toontrack Superior 2 mit allen derzeit verfügbaren EZX und SDX Erweiterungen




    Das ist wirklich nur eine Kiste zum Austoben. Die Superior Sounds verwende ich auch in meiner Produktionsumgebung, da hab ich die Drum Tracks aber besser und schneller programmiert als am Set eingespielt.


    So, jetzt ist es raus, mein Zweit- und Dritt-Ich

  • Man kann ja von Ebay halten was man will. Aber die meisten von Euch haben bestimmt schonmal DAS Teil dort entdeckt, für das man vieles zu geben bereit gewesen wäre oder war. So oder so ähnlich oder in sehr extrem ging es mir auch vor ca. 3 Wochen, als ich auf Ebay UK ein steinaltes und höchstseltenes SDSV Pad Set entdeckt hatte. Eigentlich habe ich da schon mehr als reichlich von, aber diese hier waren schon um einiges interessanter. Ganz offensichtlich (zumindest für einen Insider und Sammler) ein Vorserien Modell, von Hand zusammengezimmert von Dave Simmons persönlich, sowie ein ebenso offensichtlich einzelnes Prototyp Pad, welches statt aus Acryl aus Massivholz geschnitzt und gespachtelt war, und zwar ein Modell für den damaligen Katalog. Ohne allzusehr ins Detail zu gehen: Für mich so etwas wie der Goldzahn von Elvis, die Brille von Buddy Holly oder... na, ihr wisst schon


    Die Auktion war, wie könnte es anders sein, nur für Selbstabholer. Ach, egal. Manchmal muß man für eine Devotionalie eben auch einen gewissen Kreuzweg erdulden. Vorab beim Verkäufer schonmal angefragt, wo genau denn das Set und der Prototyp abzuholen seien: Im Norden von London, *urghs*. Ich besann mich darauf, daß die alten (3) Produktionsstätten von Simmons allesamt in St. Albans nördlich von London lagen, per Zufall nur 30 km nördlich vom Abholungsort. Warum nicht auch dort mal vorbeischauen? Wollte ich doch eh immer mal. Also habe ich vor Auktionsende bereits generalstabsmäßig eine Blitzvisite nach London und St. Albans im Geiste und per Google Streetview geplant.


    Budget... Ach ja, das kostet ja auch was... Also fix in den Keller gerannt und mal nachgeschaut, was ich alles noch kurzfristig liquidieren könnte: Roland PD-80 Pads, braucht keine Sau, raus damit. Und schwupps waren schonmal die Fahrt- und Fährkosten im Sack. Jetzt musste ich nur noch die Auktion gewinnen. Mit dem festen Willen und der Bereitschaft, für ein Traumset eine echte Stange Geld auf den Tisch zu legen fieberte ich endlose 10 Tage dem Ende der Auktion entgegen.


    Der Augenblick der Wahrheit: noch 1 Minute bis Auktionsende. Der Preis liegt erst/schon bei 170 Pfund. Gut, daß das Pfund gerade im Keller ist... 30 Sekunden... ich gebe mein Maximalgebot schonmal ein (welches ich aus Furcht vor Einweisung hier nicht preisgebe), 10 Sekunden ... 5 Sekunden ... FEUER!!!!!!! Augen zu ... Augen auf ... Gewonnen!!!!!! 540 Pfund... *kotz* ... Egal. Eigentlich ein Schnäppchen für einen Traum. Hätte schlimmer kommen können.


    Am selben Abend mache ich einen Abholungstermin in London klar: Mittwoch 28. April, 15:00. Fähre buchen, 1 1/2 Tage Urlaub nehmen, Babysitter engagieren. Noch 10 Tage warten. Das Kind in mir ist völlig durchgebrochen... Wie weit ist London eigentlich? 700km? Kleinigkeit: 9 Stunden inkl. Fähre. Eigentlich bin ich doch ein halber Trucker?!


    *10 endlose Tage später*


    Heute ist der große Tag. Das erste Etappenziel heißt Dünkirchen in Frankreich. Start ist 6:00 morgens in Leverkusen. Die Fähre legt planmäßig um 12:00 ab.



    Eigentlich sind die Äpfel ein Fake. Aber die Snickers und Karamellwaffeln hatte ich zum Zeitpunkt des Fotos schon alle aufgefressen. Die Äpfel hab ich immer noch.



    Der Hafen von Dünkirchen. Glücklicherweise blieben mir Staus weitgehend erspart. Bei Brüssel war's mal kritisch aber planmäßig um 11:00 checke ich an der Fähre ein. Kaiserwetter! Die 5 Stunden Fahrt bisher kamen mir eher wie 1 Stunde vor.



    Auch die Fährüberfahrt ist entspannt. Hat 'was von Urlaub, obwohl es sich hier ja nur um eine 24 Stunden Reise handelt, bei der ich 20 Stunden im Auto oder auf der Fähre verbringe. Glücklicherweise verschafft mir die Zeitverschiebung eine Stunde Luft, als ich in Dover ankomme. Ich habe also 2 Stunden Zeit, den Abholungsort in London zu erreichen. Ist natürlich eine Milchmädchenrechnung. Das Navi findet zwar die Zielstraße, diese wird aber von einer Hauptverkehrsader geteilt und ich lande mitten im Londoner Berufs(und Links-)verkehr am falschen Ende der Straße. Ich frage einen Passanten, der mich leider auch in den Wald schickt. Der Verkäufer lotst mich per Handy (ich "freue" mich schon auf die Handyrechnung). Für die letzten 2 Kilometer benötige ich also genau soviel wie zuvor von Dover nach London: 1 1/2 Stunden. Alles wird gut...


    Und alles wurde gut. Die Verkäuferfirma ist spezialisiert auf den Handel mit gebrauchtem Studioequipment. Freundlich werde ich vom Juniorchef mit einem fürchterlichen Instant Kaffee begrüßt und der Belegschaft vorgestellt. "He came all the way from Cologne". Kirchern macht sich unter den Anwesenden breit ... Zwischen Stapeln edelster SSL Konsolen warten meine Pads auf ihren neuen Papa. Die kamen aus dem Studio von keinem geringeren als Trevor Horn. Ich kann kaum erahnen, welche heiligen Trommlerhände/-füße schon auf welchen heiligen Produktionen auf meinen heiligen Pads getrommelt haben müssen! Huuu, sogar noch der sechseckige Originalkarton! Ein Schnäppchen! Dann doch! Alle packen beim Verstauen mit an. Um 17:00 geht es dann über in Teil 2 meiner Reise



    18:00: St. Albans. Eine steinalte schnuckelige Ortschaft knapp nördlich der Londoner Stadtgrenze. Hier sieht es teilweise noch so aus wie im Mittelalter. Ich habe den Eindruck, als würden jeden Moment Ritter um die Ecke galoppieren. Hier sollen die E-Drums ihren Durchbruch erlebt haben?



    Im historischen Stadtzentrum liegt die Kathedrale, gleich daneben eine alte Schule mit einer Durchfahrt in die Abbey Mill Lane. Hier wurden in einer alten Mühle die SDSV und der SDS6 Step Sequenzer zusammengebaut (die kleinen Fotoauschnitte sind dem "Complete Simmons Drumbook" bzw. einem Prospekt von 1984 entnommen):



    genauer gesagt hat Simmons dort nur das obere Stockwerk angemietet. Die Mühle (Abbey Mill) liegt direkt an einem malerische See. Heute ist sie ein Ausflugsziel und Bed & Breakfast Unterkunft. Aber ich muss weiter, ist eh schon spät...


    als nächstes liegt auf meiner Route Hatfield Road 176. Hier hat Simmons seine Frühwerke entwickelt und von hier aus vertrieben: Die ersten analogen Claptraps (Klatsch Synthesizer) sowie die Vorgänger des SDSV und die ersten handgefertigten SDSV Modelle wie das von mir eben abgeholte:



    ein wirklich nicht gerade vertauenserweckendes Einfamilienhäußchen kurz vor dem Einsturz. Stellt Euch vor, das TD-20 wäre in einem Lebkuchenhaus entwickelt worden, so ungefähr kam mir das vor. Als das SDSV aber steil ging und seinen Siegeszug antrat bzw. die Nachfolger schon in den Startlöchern standen wurde die Produktion von Abbey Mill in ein nahgelegenes Industriegebiet, den "Alban Park" an selbiger Hatfield Road verlegt:



    Das sieht schon eher nach Serienproduktion aus. Abgesehen von SDS7 und SDS8 sind hier auch 15000 SDS9 vom Stapel gelaufen. Heute dient das Gebäude als Lager für einen Süßigkeiten Importeur


    19:00 Jetzt aber Hoppa, ich muss um 21:00 wieder in Dover an der Fähre einchecken. Jetzt darf nichts mehr schiefgehen, sonst habe ich Problem



    aber alles ging glatt. Kein nennenswerter Verkehr. Die Sicherheitsbeamten warfen am Dock noch einen Blick in den Kofferaum. "Electronic Drums? Aha..." und ließen mich weiter zum Check-In ziehen. Jetzt konnte eigentlich nichts mehr schiefgehen. OK, ich war schon einigermaßen platt. Aber das Adrenalien hielt mich wach. So kam ich dann müde aber um eine grandiose Devotionalie reicher morgens um 5:30 wieder daheim in Leverkusen an. Schlafen? Ach was. Erst mal sehen was wir haben:



    Eine Augenweide. Zeit für die Kinder zum Aufstehen. Also die Babysitterin verabschiedet, die Kinder versorgt und in den Kindergarten gebracht und dann: Ab in die Kiste. Gute Nacht und träum was schönes...

  • Sowas finde ich super. Ich mag Sammlertypen. Als grosser 80er Electro-Fan würde ich nur zu gerne Mal auf deinen sechseckigen Schätzchen trommeln. Simmons hat einfach unglaublich viel Stil.
    Wer behauptet, dass die 80er NUR Geschmacklosigkeiten hervorgebracht haben, liegt einfach völlig daneben. Dein Galeriethread ist ein Traum und ich freu mich über deine neuste Eroberung.
    Es fühlt sich gut an, wenn man weiss, dass solch erlesene Instrumente bei einen gut aufgehoben sind. Viel Spass und stell hier bitte, bitte, bitte ein Video von den futuristischen Holzplatten rein.
    Ich verneige mich vor deinem Sammlerwahn und deiner Liebe zu diesen Instrumenten.


    Grüsse

  • Zitat

    Wunderbare Geschichte und köstlich geschrieben, die kannst du noch deinen Enkeln erzählen.


    Schade, dass es den POTM nicht mehr gibt, du hättest ihn verdient!

    Vielen Dank, aber was ist POTM?
    Ich staune oft genug selbst was sich so an Geschichten ergibt. Diese Geschichte habe ich mir ja praktisch selbst "geschrieben", aber die meisten fallen wirklich eher auf mich zu. Echte Kracher. Ich werde bestimmt mal ein Buch darüber schreiben :-)

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