wolle70: Yamaha Recording Custom Restaurationsorgie oder "Support your local Music Club" (Seite 30)

  • Lange nichts mehr geschrieben. Quasi mehr als ein Jahr. Es ist aber nicht so, als wäre nichts passiert. Im Gegenteil. Es ist quasi so alles passiert, was in so einem Jahr passieren kann. Unter anderem ein Umzug vom einen Haus in ein anderes Haus, obwohl nur 4 Kilometer vom alten entfernt. Aber das wirklich wichtige: Neues Haus, neue Drum Kabine. Und das mit den Erkenntnissen, die ich aus der alten von vor 11 Jahren mitgenommen habe: Die gröbsten Schnitzer bei der alten Konstruktion waren sicherlich, dass es keine Raum-In-Raum Konstruktion war. Zu allem Übel haben sich die Reihenhäusschen die Bodenwanne geteilt. Es hat also ordentlich bei den Nachbarn gerummst. Außerdem war die Konstruktion nur einfach innen und aussen beplankt. Die Tür war ein Eigenbau, hat zwar ganz gut abgedichtet, aber eine richtige Schallschutz Tür ist schon schicker. Die folgende Fotolovestory hat sich über ca. 8 Wochen bzw. 100 Arbeitsstunden gezogen.


    Das Fundament
    Wohlan.... Die neue Box ist eine Raum-in-Raum Konstruktion. Kein Wand und (ausser 5 Sicherheitsdübel) kein Deckenkontakt und auf Sylomer Pads stehend. Basis ist ein Raster aus Dachlatten. Unter jeden Rasterpunkt wird ein Sylomer Pad gelegt. Und nein, ich habe nichts berechnet. Reines Bauchgefühl. Ich hatte das Sylomer noch von der alten Konstruktion zu hause liegen:



    Auf das Raster kommen dann 12mm Verlegeplatten. Die Grundfläche ist etwa 3,5m x 2,5m abzgl. der kleinen Ecke, wo die Tür hinkommt.


    Wände und Decke
    Das Gerippe ist ein 50mm Ständerwerk. Da Rigips von außen angeschraubt werden muss, dies aber an (Außen) Rück- und Seitenwänden ,mangels Zugänglichkeit nicht möglich ist verwende ich dort Verlegeplatten. Der Abstand zur Mauerwerk und Betondecke beträgt etwa 10cm.




    Die Platten für die Decke werden mit je einem Dübel in der Decke verankert. Insgesamt 5. Andernfalls wäre mir (als Nicht-Trockenbau Profi) vermutlich das Dach während der Montage entgegengeflogen. Die Klötzchen verhindern, dass die frisch verleimten Feder-Nut Platten wieder auseinanderrutschen.




    Innen und außen, dort, wo es möglich ist, wird mit 12,5mm Rigips Platten doppelt beplankt. Also je zwei Schichten innen und außen. Macht eine Gesamt Wandstärke von 100mm. Der Hohlraum wird obligatorisch mit Steinwolle ausgefüllt. Vor dem Beplanken werden noch Leitungen für Steckdosen, Lampen und Lüfter gezogen. Das Fenster ist ein 30dB Schallschutzfenster. Apropos Elektrik: Ich habe spezielle Schallschutz Hohlraumdosen (Kaiser 9096-01) verwendet. Teuer, aber bevor man am falschen Ende spart... Ein Fenster zum Öffnen ist eine schöne Sache!






    Boden
    Als zusätzliche Trittschalldämmung dienen 120cm x 80cm Quartzsand gefüllte Platten aus dem Baumarkt. Sauschwer, aber das ist ja auch der Sinn der Sache. Darüber wieder eine Schicht Verlegeplatten (ohne Wandkontakt), da später der Teppich nicht direkt auf der Trittschalldämmung verlegt werden kann.


    Innenwände
    Wenn's nach mir ginge hätte ich das ganze Haus mit Pyramidenschaumgummi ausgekleidet. Das macht einfach eine schöne Proberaum Atmosphäre :-D
    Aber die Frau hat nicht mitgespielt... 30mm Noppe und 40mm Pyramide standen zur Wahl. Ich habe den etwas teureren 40mm Pyramidenschaum gekauft, weil der bis in etwas tiefere Frequenzen absorbiert. Eine (1m x 1m) Platte kostete 8,99.- im Baumarkt mit den drei Buchstaben und war damit konkurrenzlos günstig. Der 30mm Noppenschaumstoff hätte sogar nur 4,99.- gekostet (zum Vergleich: Beim großen T kostet eine 30mm Noppenschaum Platte 11,90.-, also mehr als das doppelte). Kann man bei Bedarf im Markt oder im Netz bestellen und im Markt abholen. Vorrätig haben die das zumindest in diesen Mengen eher selten. Verklebt habe ich mit Patex Universam Teppich Kleber. Super zu verarbeiten, auch und vor allem bei der Decke.


    Lüftung
    Lüftung ist wohl das spannendste Thema. Ich habe viel recherchiert. Am Ende ist es trotzdem nur ein (leiser) 100mm Badlüfter geworden, der in der Wand montiert wurde. Dieser saugt die Luft aus der Kabine ab. Eine einfache Öffnung gibt es diagonal am Ende der Wand, über die Zuluft in die Kabine gelangt. Damit über diese Öffnungen möglichst wenig Schall nach aussen dringt habe ich für Zu- und Abluft jeweils eine Art Schalldämpfer gebastelt. Diese sind mit Noppenschaum gefüllt und dämpfen durch den indirekten Weg der Luft ganz gut. Ein Lüftungslabyrinth innerhalb der Trockenbau Wand habe ich auch in Erwägung gezogen, aber ich war da etwas unsicher, ob die fehlende Steinwolle da nicht eher mehr Schall durchlässt. Keine Ahnung... Hier auch wieder Bauchgefühl



    Und da is dat Ding
    Wie bereits gesagt: Etwa 100 Stunden später und rund 3k ärmer ist die Kabine fertig. Die teuersten Einzelpositionen waren die Schallschutztüren, die alleine 700.- / Stk. gekostet haben und deren Türblätter alleine ca. 60 Kilo wiegt. Zwei, weil der Kellerraum an sich auch gleich eine bekommen hat, damit die Wohnzimmerlautstärke, die maximal aus der Kabine dringt, spätestens an der Kellertür abgefangen wird. Der Härtetest muss noch erfolgen, da noch vieles in Umzugskartons steckt und die diversen G.A.S. Auswüchse noch auf diverse Proberäume und Keller befreundeter Menschen verteilt sind. Aber schick ist das schon geworden. Mal sehen was ich dann andersmache, wenn ich in 10-20 Jahren wieder umziehe.



    Edit: Die Familie, die unser altes Haus übernommen hat, hat sich über die alte Kabine sehr gereut, auch wenn dort niemand Musik macht. Der Patriarch hat schon angekündigt dort die Playstation und eine Mausikanlage aufzubauen

  • Hallo Wolle,


    ich will nach der Weihnachtszeit auch mit dem Projekt "Box" in Raum anfangen. Wie groß ist denn Deine Box geworden ? Könnte ich mir das mal bei Dir anschauen kommen ? Ich komme aus Bonn und nach Leverkusen wäre ja nur ein kurzer Weg.


    Gruß
    rsbusch

  • Toller Photoreport. :thumbup:


    Wobei das dominierende Schwarz natürlich etwas trist ist. Du hättest für die Seele zur Stimmungsauflockerung und optischen Aufhellung zumindest ein umgedrehtes Kreuz aufhängen können. Nur so als Tip. :D

  • Man schließe die Augen und stelle sich folgendes vor:
    Ein Yamaha Recording Custom, Baujahr etwa Mitte/Ende 80er (Pre-YESS), schwarz lackiert. Es fristet seit über 20 Jahren sein Dasein in einem kleinen Jazz Club in Leverkusen (in dem ich selbst schon Leute wie Art Blakey oder Pete York sehen durfte). Es hat seit dem etwa 1000 Auftritte hinter sich gebracht. Drummer aus aller Herren Länder. Nie hat sich jemand gekümmert. Die Felle scheinen nie gewechselt worden zu sein und werden teilweise nur noch von Gaffa zusammengehalten. An allen trommeln fehlt mindestens 1 Stimmschraube.


    Der Club möchte ein 3 tägiges Festival veranstalten und fragt:
    Club: "Ey Wolle, kannste uns für die 3 Tage ein Schlagzeug leihen?"
    Ich: "Ja, ööhhmm" -rumdrucks- (ich möchte ja nicht, dass mein Set danach so aussieht wie das Club Yamaha)
    Ich: "Ihr habt doch selbst eins? Warum nehmt Ihr denn nicht das?"
    Club: "Das ist nicht mehr so schön"
    Ich: "Ich habe kein Set, welches ich verleihen möchte, aber ich kann ja mal nach Eurem Set schauen und zumindest mal neue Schlagfelle draufmachen"
    (Ich spüre die Begeisterung am anderen Ende der Telefonleitung)
    Ich: "Ich komm das die Tage mal holen und für die Übergangszeit stell ich Euch ein anderes Set hin"


    Gesagt getan. Das Problem: Meine Eitelkeit. Wenn ich nur die Felle wechsel sieht es zumindest für das Publikum (zu dem ich mich auch zähle) immer noch so bemitleidenswert aus wie vorher. Und wenn ich da schon Hand anlege, dann soll es besonders werden. Ganz besonders. As besonders at it can be besonders. Wie neu. Oder sogar besser. Showroom eben. Und nachhaltig.




    Bestandsaufnahme: Bis auf die letzte Schraube wird alles zerlegt. Was fehlt? Was ist kaputt?





    Das Recording Custom in Steve Gadd Schwarz. 2 Shells haben noch runde Originalgratungen. Das wurde später bei STdrums vereinheitlicht





    Am Kick Bein war ein Gewinde ausgefranst. Das Bein hielt die letzten Jahre nur durch großzügen Einsatz von Gaffa, dessen Entfernung bereits schwierig genug war. Ein Ersatzteil habe ich zwar noch gefunden, allerdings in Japan für horrendes Geld und die absehbare Lieferzeit war zu lang, also...





    ... ab zu meinem Bruder, dem gelernten Schlosser. Der hat ein M10 Gewinde reingeschnitten, mit Loctite Metallkleber eine M10er Schraube reingeschraubt und in diese wiederum ein M5er Gewinde geschnitten. Eine Stimmschraube habe ich mir dann selbst nachher von 1/4" auf M5 geschnitten. Wie neu.





    Kunststoffunterlagscheiben aus dem Baumarkt. Kosten nur einen Bruchteil dessen, was die großen Drum Firmen dafür ausrufen





    Auftragen... Polieren... Auftragen... Polieren... Alle Chromteile werden mit Caramba Politur und Nevr Dull auf Hochglanz gebracht





    Natürlich fehlten an den Füßen auch die Gummi Spitzen. Die hab ich tatsächlich noch bei Bax Shop bekommen. Aber auch hier: Lieferzeit 4 Wochen





    Die Floortombeine haben die letzten Jahre kalte Füße gehabt. Nun stehen sie auf Gummifüßen von Pearl. Passt





    Derweil kommen nach 10 Tagen die Kessel vom Graten und Folieren von STdrums zurück: Delmar red Glitter. Ein Traum! Warum rot? Das schwarze RC kam vor dem schwarzen Molton der Club Bühne nie zur Geltung. Ich hatte dort während der Restaurationsphase ein rot lackiertes Pearl WLX hingestellt. Und siehe da, auf einmal merken die Beteiligten, dass da ÜBERHAUPT ein Schlagzeug auf der Bühne steht. Daher die Idee mit dem rot. Rot Glitter ist natürlich nochmal um ein vielfaches schärfer





    und da ist das erste Tom auch schon fertig montiert





    und das zweite und dritte





    QC Check





    Keine Schraube fehlt, keine ist übrig. Passiert auch nicht immer :-)





    Das (fast) fertige Shellset





    auch das alte Frontfell war schwarz und sogar ohne Logo. Als Sahnehäubchen gab es dann ein Motiv aus dem Illustrationsarchiv des Club Betreibers und Gründungsmitglieds. Danke an Drumsigns!





    Und nun ist's endlich fertig. Nach ca. 4 Wochen und weiteren 2 Wochen Planung





    Das Set hatte 2 verschiedene Tom Arme. Einen alten und einen neuen. Das geht ja aus Symmetriegründen GARNICHT. Also wurde der alte auch noch ausgetauscht und fungiert nur noch als Ersatzteil. Ach ja: Da die schwarzen Bassdrum Rims auch ziemlich runtergerockt waren, gab es auch hier 2 neue von STdrums in Ahorn klarlackiert





    Aus Gründen der Haltbarkeit haben die Toms Evans G2 (2 lagig) als Schlagfelle bekommen. G1 als Reso Felle. Das sollte Rocker, Blueser und Jazzer gleichermaßen zufrieden stellen





    Und wenn doch mal was kaputt geht können die Drummer gleich den QR Code scannen und den Mangel an mich reporten 8)





    Die Ständer werden auch nochmal aufgemöbelt: Neue Filze und Muttern und was so im Laufe der Jahre an Hardware eben so kaputt und verloren geht





    Übergabe im Club: Tobi vom Jazz Club





    Und so sieht's aus. Leider etwas dunkel mangels aktiver Bühnenbeleuchtung





    Ach ja! Die Snare! Eine alte Premier Royal Ace, ich tippe auf 70er. Kannte ich bis dahin garnicht. Parallelabhebung und solche Spannreifen sind mir zuvor auch nie persönlich begegnet.





    2 fehlende Stimmschrauben, erhöhter Flugrost Befall, alte Aufkleber und eingetrocknete Gaffa Reste. Alles nicht so wild





    Die Böckchen werden jeweils nur von einer Schraube gehalten. Hm... es ist wie's ist





    Die Parallelabhebung. Interessanterweise kaum Verschleißerscheinungen. Und sie funktioniert sogar recht ordentlich





    Wieder alles auseinandergebaut. Nur die Abhebung habe ich gelassen. War mir zu friemelig die auszubauen





    Vorsichtig mit dem Ceran Schaber an die Aufkleber. Die Kratzer gehen mit Auto Politur wieder raus





    Die Gewindebüchsen und Stimmschrauben stehen vor Dreck, aber...





    ...was mit Basssaiten funktioniert sollte doch auch hier gehen, oder? Kochen der Metallteile in Essig. Und den Snareteppich kochen wir gleich mit. Der hat nämlich auch schon reichlich Patina angesetzt





    alles schön sauber geworden. Nach der Montage bekommen die Gewindebüchsen alle noch einen kleinen Kleks Silikon Fett mit





    Und nun wird alles wieder zusammengeschraubt





    Natürlich kommen auch hier neue Pellen drauf: Ambassador mit Dot auf der Schlag-Seite...





    ... und Hazy auf der Reso-Seite. Übrigens ein Pure Sound Teppich. Sicher nicht original (behaupte ich mal)





    Und fertig ist die Hütte. Eine echt interessante Snare. Klingt sehr ordentlich. Mit neuen Fellen und sauberem Teppich sowieso. Was mich begeistert hat war der laute Cross Stick Sound, der von diesen Rims kommt




    Das Set hat im Club voll eingeschlagen. Es gab sogar einen Zeitungsbericht darüber. Auch das kurze Zeit später stattfindene Festival war ein riesen Erfolg. Und ich freue mich, dass der Club, eine der heute selten gewordenen Quellen für "Qualitätskultur" wieder ein Drumset hat, welches für die kommenden Jahre gerüstet ist. Ich habe die Patenschaft für das Set übernommen und werde regelmäßig nach dem rechten sehen bzw. Service leisten, wenn's klemmt. Support your local Music Club!

  • So ein Zeitungsbericht ist völlig berichtigt(es Lob).


    Statt viel 'rumzulabern und passiv zu bleiben, wie es oft andere tun, hat mal jemand (Du) die Sache einfach ohne großes Aufhebens angepackt.
    Finde ich klasse. :thumbup:


    Man ahnt es schon: Agieren finde ich oftmals besser als phlegmatisches Aussitzen.

  • Ich habe in dem Club damals zur Schulzeit viel Zeit verbracht. Zum einen war das (abgesehen von schlechten Discotheken) der einzige Ort in Leverkusen, der am Wochenende bis 3 Uhr morgens offen hatte. Und auch eigene Bandprojekte haben oft von diesem Club profitiert. Nicht zu vergessen, dass da seit 40 Jahren ehrenamtlich jedes Jahr um die 100 Auftritte veranstaltet werden (nicht ehrenamtlich für die Bands, die bekommen nämlich fast den kompletten Eintritt und müssen auch nicht zahlen, um überhaupt zu spielen!). Techniker, Booking, Kasse, Buchführung: Alles ehrenamtlich. Seit 40 Jahren! Dagegen ist so eine Schlagzeugüberholung wieder fast ein Fliegenschiss

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