Kompromisslos bis in das letzte Detail - Teil 3
DF: Wie entscheidest Du Dich für ein Mikrofon?
UF: Es muss einfach im Kontext passen. Was die Mikrophonie anbelangt, ist es für mich selbstverständlich, dass ein Drummer sich damit auskennt und sich auch in die Lage des Tontechnikers versetzen kann. Das gehört auch dazu, um einen guten Sound anbieten zu können. Das fängt schon bei der Auswahl der Mikros an und geht bei deren Positionierung weiter.
Ingo! Sei ehrlich! Wann hast du dir mal ausgiebig einen Mikrokatalog angeschaut oder gar ein Grundlagenbuch gelesen? Wann hast Du das letzte Mal ein Physikbuch nach Schallakustik durchsucht? Verstehst Du die Frequenzkurven und die Bilder mit den Richtcharakteristiken? Ich verstand es 1992 auch nicht!
Das hat Jahre bei mir gedauert und ich habe diese Akribie für diese Details entwickelt, weil ich im Studio damals so enttäuscht wurde und mein Sparvertrag auch noch flöten ging. Mein Schlüsselerlebnis war eben dieser Studiotermin in 1992.
Wenn du begreifst, welche Mikros du wie einsetzt, dann bist du auch in der Lage, dass richtige Mikrofon zu kaufen und sowohl im Studio als auch Live die Mikros bestmöglich zu positionieren. Denn nicht immer kommt der Tontechniker die 50 Meter vom FOH auf die Bühne gelaufen, um die Mikros vernünftig hinzustellen und auszurichten. So erklärt sich auch, warum Simon Philipps sein eigenes Mischpult auf der Bühne hat. Er gibt die Signale vor und alle sagen, dass er einen Supersound hat. Er ist eben nicht nur ein super Drummer, sondern er kennt seine Trommeln und Mikros ganz genau. Er kennt sich auch mit der Aufnahmetechnik aus. So hat er damals mit Mike Oldfield produziert und ich war auch super froh, als er mir einige super Tipps bei meinem Studio gegeben hat. Aber ich muss sagen, dass Simon einfach das ganze Schlagzeug an sich lebt und wenn Du siehst, wie sein Drumtech seine Sachen wartet, dann verstehst Du auch, warum ich auch meine Sachen so in Ordnung halte und die Frage der Restauration ein Teil der ganzen Kette ist.
Sie ergibt sich aus dem Versuch, nicht nur spieltechnisch sondern auch soundtechnisch das Beste aus deinem Instrument rauszuholen. Du kannst aus allen Sets, egal welcher Preisklasse, einen im Qualitätsverhältnis "guten" Sound rausholen. Aber genauso kannst du den Klang auch verdrehen. Meine Schüler müssen nicht nur Stimmen lernen, sondern sie lernen auch, wie sie die Trommeln zerlegen und pflegen und müssen sie wieder zusammen bauen. Dann lernen sie Mikrofontechnik und werden auch noch aufgenommen und setzen sich mit der Recordingtechnologie auseinander. Das müssen sie können und ich kann es nur jedem empfehlen.
Natürlich gibt es professionelle Drumtechs und diese haben auch Ihre Berechtigung und ich schätze auch viele von diesen Kollegen. Aber die stehen nicht in jedem Tonstudio zur Verfügung oder Du musst sie zusätzlich buchen, was natürlich auf das Budget geht. Wie gesagt! Das ganze hat dann ein Ende, wenn man im Studio ist und es kein spezielles Studio für Drumrecording ist.
Ich weiß mittlerweile, wie meine Trommeln mit welchen Fellen und Stimmung einen gewissen Klang erzeugen. Ich habe alles durchprobiert und bestimmt über 400 Felle 1998 aufgezogen und 1999 unzählige Snareteppiche ausprobiert.
Klar, nicht jeder hat so ein Budget zur Verfügung. Ich übrigens auch nicht und was meinst du, warum ich so viele alte Felle bei Ebay verkauft habe? J Wir haben hier reichlich gearbeitet, bis wir das hier stehen hatten. Aber vieles in Eigenarbeit ausgetüftelt. Keine meiner Trommeln ist mehr so, wie sie mal das Produktionswerk verlassen haben.
Aber es ist schön, wenn die Musiker hier in das Studio kommen und sie schneller mit den Drumaufnahmen fertig sind, als in herkömmlichen Studios, weil hier einfach alles steht und sofort einsetzbar ist ohne großen Aufwand und wenn sie dann noch unter dem Strich merken, dass es günstiger war als wenn sie im normalen Studio geblieben wären und der Produzent ggf. Samples benutzt hätte, freut es mich, dass der eine oder andere Produzent oder Bandleader die Produktivitätssteigerung erkannt hat. Und das gleiche gilt natürlich auch für den Personenkreis, der für seine Trommel die richtige Fellkombination sucht und nicht mehr immer wieder auf das neue Taschengeld warten will. Die richtige Beratung kann halt auch Geld sparen.
DF: Ich muss nochmals wegen den Mikros nachfragen, hat ein Mikro auch noch so viel Einfluss auf den Klang?
UF: Je nach Frequenzkurve und Aufbau des Mikros ja! Man muss sich darüber Gedanken machen, welche Mikros was übertragen sollen und wie man sie im Raum oder direkt am Set einsetzt. Und ich muss es nochmals sagen, dass man auch Kataloge wälzen muss und sich mit Frequenzkurven und ähnliches auseinandersetzen muss. Manchmal sollte man sich auch Bilder von bestimmten Drummergrößen ansehen. Und zwar nicht nur die aktuellen, sondern auch die des gleichen Künstlers vor 20 Jahren. Selbst da kannst du erkennen, was der Künstler X entsprechend der Musik jeweils verändert hat. Am besten du nimmst Fotos aus Tonstudios.
Es geht mir eben nicht nur darum, den besten Klang aus der Trommel rauszuholen, sondern auch in der Lage zu sein, diesen Klang vernünftig zu konservieren, sprich aufnehmen zu können. Mein Wissen gebe ich gerne weiter und deswegen berate ich auch Produzenten und andere Klangverantwortliche. Das hört aber nicht mit der Mikrophonie auf, es geht weiter mit Mikrovorverstärkern und die Frage, wo fängst du den Kompromiss in Sachen Klang an. Wenn du zu früh diesen Kompromiss machst, musst du dich nicht wundern, wenn das Endergebnis nicht gut klingt. Und was Du am Anfang nicht beachtest, kannst Du am Ende im Klang nicht aufholen!
Du siehst hier sowohl Analogtechnik von Studer als auch die neuste ProTools HD-Technologie, Logic sowie vor allem die super Kabel und die schönen MicPreAmps. Warum gerade diese Sachen? Weil ich mich nach langen hin und her für die hochwertigen Komponenten entschieden habe und weil es betriebswirtschaftlich auch richtig ist, hochwertigere Sachen zu kaufen. Wer billigt kauft, kauft teuer! Und das billige Zeug verliert unheimlich an Wert und für hochwertige Komponenten kriegst Du immer wieder Geld und vor allem hörst Du im elektronischen Sektor die billigen Komponenten. Nicht nur also beim Schlagzeug, sondern auch beim Tontechnikmaterial. Natürlich hat hier der Faktor Mensch auch wieder einen Einfluss und natürlich gibt es auch unfähige Tonleute, aber man sollte sich schon ehrlich die Frage stellen, ob man auch einen guten Sound angeboten hat. Es gibt eben das Klischee, dass Drummer keine Ahnung vom Sound haben. Leider kommt das nicht von Ungefähr und deshalb war es für mich logisch, dass ich die Frage der Restauration, der Modifikation von Trommeln und der Tontechnikkette danach beleuchten musste.
Ein wichtiger Punkt ist aber, auch spieltechnisch einen guten Klang anbieten zu können. Dazu gehört Dynamik und die Fähigkeit auch die Mitte der Trommel zu treffen, bzw. andere Sounds mehr zum Rand hin gespielt anbieten zu können. Wobei rein physikalisch klar ist, dass der beste Klang in der Fellmitte entsteht.
Mir ist allerdings schon klar, dass meine Ansprüche an den Klang hoch sind. Aber ich bin der Überzeugung, dass sich Qualität durchsetzt und ich mache auch die Drumaufnahmen für andere Drummer und Produzenten, weil ich das was ich 1992 im Studio erlebt habe, keinem anderen zumuten möchte.
Mein Studioerlebnis war eben so prägend. Ich dachte, ich hätte das Set ordentlich gestimmt, aber das Ergebnis war eben totaler Frust. Dazu muss ich aber noch an die alten Fotos und das alte Video von damals denken, auf denen zu sehen ist, wie damals die Mikros positioniert wurden. Auch das würde ich heute anders machen. Der entscheidende Faktor war aber natürlich ich selbst! Es ist wie mit dem Haus, das kein vernünftiges Fundament hat. Irgendwann kracht es ein! Ich hatte bestimmte Sachen einfach nicht drauf und da fehlte bei mir und auch beim Tontechniker die Erfahrung.
Darüber und über anderes habe ich mir sehr viele Gedanken gemacht. Klar, es ist nur ein Nebenjob für mich, aber er macht mir sehr viel Spaß und ich bin froh, dass ich nicht davon lebe!
DF: Wie wichtig ist für dich der Austausch mit anderen über das Thema Schlagzeug?
UF: Das ist ein toller Aspekt. Deswegen gebe ich ja Unterricht und nehme für andere die Trommeln auseinander und bearbeite sie und nehme andere Drummer und Percussionisten auf und mische auch deren Produktionen ab.
Es ist schön zu sehen, wenn dann der AHA-Effekt kommt. Die vorausgehende Erkenntnis, dass irgendetwas nicht stimmt und sich der oder die sich bei mir meldet, ist schon die halbe Miete.
Es sind manchmal nur die kleinen Dinge, die den Unterschied machen. Aber in der Summe sind es viele kleine Dinge, die den Klang positiv oder negativ beeinflussen. Wenn der Drummer, der Percussionist oder der Produzent und wer auch immer eine Bereitschaft hat, an einem guten Sound zu arbeiten, dann ist doch alles gut. Dafür bin ich da. Mein Motto ist, dass es keine dummen Menschen gibt, sondern nur unwissende Menschen. Ich bin natürlich auch irgendwie unwissend, deswegen sagte ich ja, dass ich Schlagzeug lerne und nicht "spiele".
Nichtsdestotrotz glaube ich, dass älteres Wissen zuwenig in die Gegenwart transferiert und kommuniziert wird. Warum gibt es Produzenten, die den Sound von gestern haben wollen, aber nicht so richtig wissen, wie sie ihn hinbekommen? Ich sehe darin auch einen Gegentrend zu der jüngsten Vergangenheit, es klang eine Zeit lang doch alles ziemlich gleich.
DF: Wie siehst du die Zukunft der Musikindustrie?
UF: Da gibt es zwei Aspekte:
Erstens ist da die Musikindustrie.
Ich habe die Hoffnung, dass es noch viel mehr handgemachte Musik gerade auf der Bühne geben wird und das die Musikindustrie das mehr und mehr fördert. Ein Trend in dieser Richtung ist da, aber mir reicht das nicht. Früher gab es viel mehr Livemusik und auch Clubs, in denen live gespielt wurde. Ich denke, die Plattenindustrie wäre gut beraten, wenn sie Musik für die Generation anbieten würde, die in den 1980er Jahren aufgewachsen ist. Da fehlt mir was. Seien wir ehrlich, die Kids von heute laden sich alles runter. Wir aber, die so um die Mitte 30 sind, haben das Geld, uns CDs und DVDs zu kaufen. Außerdem hängen wir ja noch nostalgisch vielleicht an der guten alten Schallplatte.
Dann sind da zweitens noch die Hersteller.
Es wäre schön, wenn die Bereitschaft steigen würde, sich ein teureres und vor allem klanglich besseres Instrument zu kaufen. Geiz ist überhaupt nicht geil und die Mentalität schadet diesen Instrumentenherstellern und somit auch den Mikrofonherstellern.
Es klingt jetzt vielleicht hart! Aber ich habe den Eindruck, dass die Leute sich nicht nur als Musikkonsument an Schrott im klanglichen Sinne gewöhnen, sondern auch als Instrumentenkäufer an die zwangsläufig rückläufige Qualität gewöhnt haben.
Als Beispiel fällt mir da die MP3-Version von "Eye of the Tiger" ein, die eine Schülerin neulich zum Unterricht mitgebracht hat. Die Becken waren kaum noch zu hören. Ich habe den MP-3 Player an mein ProTools angeschlossen und mir es nur optisch als Kurve angeschaut. Viele Frequenzen waren gar nicht da. Dann habe ich die Originalversion von "Eye of the Tiger" von der CD und von der LP aufgenommen und verglichen mit der MP3-Version. Das Gesicht meiner Schülerin hättest du sehen sollen. O-Ton: "Das klingt ja viel geiler!" Warum wohl!?
Anderes Beispiel:
Ich habe letztens in einem großen Elektromarkt mir an einer Abspielstation Steely Dan anhören wollen. Ich kannte die Stücke, aber ich wollte mal in eine CD reinhören, die ich in der Zusammenstellung noch nicht hatte. Ich setzte den Kopfhörer auf und ich dachte, mich trifft der Schlag. Auf dem Bildschirm stand oben in der Ecke, dass das, was ich höre, nicht dem Originalklang entsprechen würde.
Allerdings! Denn zuerst wollte ich meinen Ohren nicht trauen. Es klang einfach nur schrecklich! Bei Aufnahmen von Toto klang die Hi Hat nur noch wie ein Quietscheentchen. Wie sollen die Leute so aber eine tolle CD zu schätzen wissen, wenn sie beim Vorabhören einfach nur schrecklich runtergemischt und komprimiert klingt und das Original nicht bekannt ist?! Man wird regelrecht an Schrott gewöhnt.
Und es ist nur logisch, wenn du nur noch so eingeschränkt hörst, dass du dann nicht in der Lage bist, gute Instrumente als solches zu hören. Wenn dann auch noch beim Schlagzeugunterricht das Instrument des Schlagzeuglehrers auch noch wie Pappe klingt, dann ist die Ignoranz perfekt.
Einige Hersteller investieren in die Jugend durch Aktionen wie SchoolJam oder andere gleichartige Projekte und wollen auch unter dem heutigen Kostendruck dem Kunden Qualität bieten. Aber der Kunde muss auch seinen Beitrag dazu leisten, diese Qualität abzufragen. Die Industrie und auch die Customhersteller wie Wahan, Craviotto, Canopus usw. können die Qualität liefern und stellen sie auch schon bereit und bilden ihre Mitarbeiter auch entsprechend aus. Aber der Markt muss auch bereit sein, diese Qualität abzufragen. Es kann nicht sein, dass Bemühungen von Herstellern von den heutigen Kunden ignoriert werden. Diese Bemühungen sind vielfältig von allen Herstellern und ich bin heute noch tief beeindruckt von meiner Betriebsbesichtigung bei der Firma Meinl, wo Herr Meinl mir sagte, dass alle seine Mitarbeiter die Bereitschaft haben müssen, Schlagzeug oder Percussion zu lernen, damit sie sich mit dem Produkt das sie herstellen identifizieren. Richtig so! Dort wird bestimmt keiner sagen: "Das hört doch keiner."
DF: Dein Tipp fürs Drummerforum bzw. junge Schlagzeuger?
UF: Tipp Nr. 1:
Wenn Du ein Schlagzeug kaufen willst, dann kaufe dir lieber weniger Teile aber dafür hochwertige Teile. Weniger ist mehr!
Tipp Nr. 2:
Denk immer daran, wenn du am Schlagzeug sitzt, dass du ein Mensch bist und keine Maschine. Setze dich mit deinem Instrument auseinander, denn du bildest eine Einheit mit ihm. Setze dich aber nicht nur spieltechnisch damit auseinander, denn der Klang geht ja bei der Trommel weiter. Du musst die Einheit mit deinem Instrument nicht nur musikalisch sondern auch physikalisch begreifen. Guck über deinen Tellerrand hinaus, denn nach der Trommel kommen noch viele andere Faktoren, die deine Virtuosität negativ beeinflussen können. Versuche die Kette zu verstehen, genau wie Du weißt, dass ein Motorrad auch auf zwei Rädern läuft. Du weißt aber auch, dass du ohne Profil auf dem Reifen nur schlecht fahren kannst. Deshalb lässt Du ihn reparieren bzw. austauschen. Nun übertrage dieses auf Dein Instrument und denke nach.
Tipp Nr. 3
Höre dir die Geschichte des Schlagzeuges an. Stilprägende Drummer wie Buddy Rich, Tony Williams, John Bonham, Steve Gadd, Billy Cobham, Steward Copeland, Jack deJohnette, Bernard Purdie oder Jeff Porcaro können dich neu inspirieren. Außerdem sollte man sich mit der Art der Studioproduktion auseinandersetzen.
Weitere Infos: http://www.drumrecording.biz