Tsia, und da steht man dann eben ganz schnell vor der Frage "Kunst oder Kommerz".
Warum? Wenn die Jazz-Studie beklagt, dass Jazz-Musiker von ihrer Musik schlecht leben können, dann sollte es doch ein Anliegen sein, die Musik mehr Leuten zugänglich zu machen. Wenn das dann funktioniert, und 500.000 Leute ne CD mit einer Liveaufnahme mit Hard Bop vom Jerry Schlabotnik Trio kaufen, ist das dann Kommerz geworden, also abzulehnen? Kunst, die von vielen Menschen wertgeschätzt wird, ist doch trotzdem Kunst, oder? Ich finde diesen Kunst vs. Kommerz Ansatz immer so dogmatisch. Als müsse Kunst einem elitären Zirkel vorbehalten sein, damit sie als solche gelten dürfe.
Gut, dass Du nochmal Annika Nilles erwähnst. Ich sehe da nämlich schon qualitative Unterschiede zu anderen cover-Trommlerinnen.
Anika Nilles ist ja auch keine Cover-Trommlerin à la Meytal Cohen. Sie komponiert und arrangiert eigenes Zeug, und das sehr gut, wie ich finde. Und ihre Zielgruppe ist doch auch eine völlig andere als die von diesen Püppis, die mit High Heels und dem Oberteil auf halb 3 Slayer-Songs nachspielen, teilweise sogar richtig gut.
Beispiel Till Brönner: Der macht halt auch mal 'ne Weihnachts-CD und singt sogar
Auch Till Brönner will Wurst aufs Brot haben, deswegen macht er halt Sachen, wo er ne schnelle Mark machen kann. Aber anscheinend macht er das auch gut, der komponiert ja auch Filmmusik. Wenn die schlecht wäre, würden sich die Produzenten jemand anderes suchen.
Und der Cooperdrummer, Cobus Potgieter usw. schaffen vor allem eins: Sie haben einen Weg gefunden, das was sie machen, an die Leute zu bringen. Wer es Scheiße findet, muss es ja nicht angucken, aber die Klickzahlen dieser Jungs (und auch die von Anika Nilles) belegen, dass da was richtig läuft. Die wollen uns alle das gleiche mit ihren Videos sagen: Guck mal was ich kann!! Und die schaffen das, was der Jazz in seiner derzeitigen Struktur nicht schafft: Sie motivieren andere, sich auch mal hinter eine Schießbude setzen zu wollen. Und daran krankt es beim Jazz, nicht an gendergerechter Sprache oder paritätisch besetzten Jurys
Und zum eigentlichen Thema: Bevor mehr Mädels in den Jazz kommen müssen, sollte die Jazz Union sich mal darum bemühen, seine Eigenvermarktung zu optimieren und seinen Musikern das auch beizubringen, anstatt die Perspektive "wenn du dir jetzt 10 Jahre richtig hart den Boppes aufreißt, dann hast du die Chance, 2 mal die Woche für 80 Euro und ne heiße Wurst in einer Kellerspelunke deine Musik machen zu können. Anders geht das nicht!". Dann kommen von selber mehr Leute zum Jazz, und ja, auch Mädels.