Hier, wie ich finde, ein sehr guter Nachruf von Ernst Hofacker, der vieles gut auf den Punkt bringt:
Die Heiligsprechung des Lemmy Kilmister
Nun ist er doch gegangen. Der Held, den sie für unsterblich hielten. Das letzte Jahr wird ein schlimmes gewesen sein, voller Leiden und Schmerzen. Man sah ihm das an, zuletzt wirkte die stolze und unnachgiebige Fassade fragil, fast durchsichtig, vielleicht sogar ein wenig verängstigt. Dass es nun so schnell und überraschend geschehen ist, wenige Wochen nur nach den letzten Motörhead-Konzerten, darf man also getrost unter Gnade verbuchen.
Der Mann mit dem charakteristischen Bart und den auffälligen Warzen im Gesicht war keine feinsinnige, von mythischer Genialität umwehte Künstlerseele. Er war ein Instinktmusiker, ein cleverer Bursche und harter Arbeiter, der bis zuletzt für sich, für seine Band und für seine Fans gerackert hat. Alles gegeben, wie man im Fußball sagt. Ein einfacher Kerl aus der Grafschaft Staffordshire, der – ihn selbst dürfte das am meisten gewundert haben – nach bescheidensten Anfängen im Laufe der Zeit zum Superstar aufstieg und als Kultfigur verehrt wurde.
Mit Motörhead hinterließ Lemmy einen Haufen halsbrecherisch schnellen, metallisch harten und vollkommen ungeschminkten Rock’n’Rolls. Laut, lakonisch, verlässlich. Allein dafür gebührt ihm ein Ehrenplatz in der Ruhmeshalle der populären Musik. Lemmy hinterließ aber auch ein Rollenmodell, das genauso kompromisslos wie seine Musik die hedonistische Seite des Rock’n’Roll verkörperte. Er pflegte einen Lebensstil, dessen sinnliche Erfüllung im Rausch lag und dessen Welterkenntnis in zweifelhaften Einsichten gipfelte. Etwa der, dass der Holocaust zur einen Hälfte wohl wahr sein mochte, zur anderen aber erlogen war. Die komplexe Welt konnte er, mit bodenständigem Witz, auf die Sicht eines Kindes herunterbrechen. Auch das machte ihn zum Idol – allerdings nur für jene Gemüter, welche die daraus folgenden, allenfalls flüchtigen Augenblicke der Erleuchtung schon für Weisheit hielten.
Seinen Fans war Lemmy vor allem einer der wenigen glaubhaften Gegenentwürfe in einer Welt der politischen Korrektheit, der Empörungskultur und der gesellschaftlichen Durchformatierung. Das erklärt seine nun auf allen sozialen Medienkanälen einsetzende Heiliggsprechung. Die Absender: fast ausnahmslos zivilisierte Durchschnittsmenschen, denen nicht im Traum einfallen würde, ihre in Watte gebettete bürgerliche Mittelstandsexistenz gegen dieses so konsequent in den Abgrund rauschende Leben ihres Helden einzutauschen.
Es ist die alte Geschichte: Lemmy war der Stellvertreter. Eine Kunstfigur, deren simple Wahrheiten Orientierung gaben in einer Welt, die zu durchschauen so viel anstrengender ist als sich von ein paar Marshallwänden bedröhnen zu lassen. Brot und Spiele. Und die Illusion von Freiheit, Exzess und dem allen Realitäten trotzig entgegengerecktem Mittelfinger. Eine Lüge, die man Rock’n’Roll nennt.
Wie es in Lemmy wirklich aussah, wussten die wenigsten. Man darf aber vermuten, dass einer, der so sterben muss wie er, all diesen hohlen Rock’n’Roll-Mumpitz am Ende zum Teufel wünscht.
Möge seine Seele Frieden finden.