Ich bin in vielen Punkten recht nah bei luddie's erstem Post.
Tatsächlich gab es dieses "jetzt steht mir die Welt offen, jetzt kann ich meine Sachen im Netz groß rausbringen" ja früher bei eingeschränkten Verbreitungsmöglichkeiten in kleinerer Form auch schon. Man denke an die Neue Deutsche Welle, Nu Wave, Grunge oder noch viel schlimmer der heute ach so beliebte volkstümliche Schlager (WÜÜÜRRRGGG!!!). Als damals NDW richtig los ging, haben auch sehr viele Leute auf den Zug aufspringen wollen, haben banale Lieder mit albernen Texten gemacht und teilweise auch kleine und mittlere One Hit Wonder rausgebracht, um dann direkt wieder abzutauchen. Und ich möchte gar nicht wissen, wie viele sicher technisch versierte Musiker jetzt in Seattle einem musikfernen Beruf nachgehen, die vor 20 Jahren mal für zwei, drei Jahre in einer Grunge Kapelle auf der Welle mitgeschwommen sind. Nirvana und Nena kennt auch heute noch jeder, tausende andere Künstler sind wieder untergetaucht.
Und diese Illusion, dass man mit kleinen Mitteln Musik machen kann und diese dann im Netz Verbreitung findet, wenn man sich einfach an einen Trend anhängt, gibt es heute halt eben in vielfältigerer Form. Früher musste ein Rapper eben irgendwo ne Auftrittsmöglichkeit für sein Gestotter finden, heute dreht er mit der Handycam ein Video vor dem Lamborghini-Laden, stellt den Rotz ins Netz und meint, er wäre 50 Cent. Es ist halt so, dass man durch die freie Verfügbarkeit dieser ganzen Medien heute nicht mehr daran gehindert wird, auch banale bzw. schlechte Musik der Öffentlichkeit zu präsentieren. Das direkte Feedback vom Publikum hat man dort nicht, eine Million Klicks in der Tube sagen ja noch nix darüber aus, ob das reingestellte eine gewisse Eigenständigkeit oder Qualität hat (erinnert sich noch jemand an Money Boy?).
Ich glaube nach wie vor, dass ein Künstler oder eine Band, die was zu sagen hat, die Sachen aus Eigenmotivation macht und nicht, um einen Trend zu bedienen, und dies auch in einer angemessenen Form präsentieren kann (live spielen idealerweise), heute genau so gute Chancen hat, sich durchzusetzen, wie vor 20 Jahren. Durch die gefühlt fehlende Notwendigkeit, sich auf Bühnen ein Publikum durch gute Performances erspielen zu müssen, kann man halt schnell der Illusion unterliegen, man könne mit Musiksoftware Lieder zusammenbasteln, sie ins Netz stellen und fertig ist der Lack. Diesen Schritt gab es vor dem Web-Zeitalter halt nicht, da haben viele Bands eben nie das Proberaumstadium verlassen, weil es nichts gab, was es wert gewesen wäre, der Öffentlichkeit zu präsentieren. Heute schieben diese Bands oder Einzelkünstler ihre Sachen in die Tube und gehen dort im Wust unter, weil sich nichts aus der Masse heraushebt. Guckt man sich die heute bekannteren Acts im Pop- und Rockbereich an, die etwas längere Verweildauer haben, dann haben die alle eine gewisse Eigenständigkeit, Wiedererkennungswert und in der Masse sind sie in der Lage, auf der Bühne einen unterhaltsamen Auftritt hinzulegen (selbst die sicher kontrovers diskutierbare Lady Gaga kann das, auch wenn man über ihre Authentizität sicher geteilter Meinung sein kann, aber auch die hat früher in Clubs schon ihre etwas eigenwilligen Auftritte gemacht).