Moin m_tree 
Erst mal großen Respekt vor deiner Offenheit. Hier wurde im Grunde das meiste Wichtige schon erwähnt.
Ich kann dir gerne ein bisschen aus meiner bisher knapp achtjährigen beruflichen Laufbahn als "Berufsmusiker" berichten.
Ähnlich wie du war ich recht spät dran (und ich würde ganz ehrlich auch sagen, dass ich spielerisch nicht so weit bin wie andere, die weitaus früher auf eine Profikarriere hingearbeitet haben) und habe erst mit 28 meinen Abschluss (als Berufsmusiker und Instrumentalpädagoge) gemacht. Spät studieren muss also erstmal kein Hinderungsgrund sein.
Ich habe während des Studiums (bzw. kurz davor) schon angefangen, mir einen Schülerstamm aufzubauen und Covergigs zu spielen, damit ich nach dem Abschluss nicht leer und komplett am Anfang stehe.
Dazu gleich die Anmerkung: In der Regel wirst du ohne Unterricht nicht überleben. Ich habe viele Freundinnen und Freunde, die jetzt die letzten zwei Jahre über richtig einstecken mussten, weil sie vorher rein auf Konzerte und Studio gebaut haben, da sie sich mit Unterrichten nie anfreunden konnten.Mir hat genau das jetzt aber den Arsch gerettet. Ich hatte ursprünglich vor, nach dem Studium auf 50/50 live/Unterricht zu gehen - aktuell ist es halt eher 5/95, wobei es zumindest über den Sommer wieder ausgeglichener werden wird und auch langsam wieder Jobs reinflattern.
Wenn du grundsätzlich aber, wie du ja auch schon schreibst, kein Problem mit Unterrichten hast und auch mit Kindern gut klarkommst, sollte das ja kein Problem sein.
Wenn du also vorhast, dich selbstständig zu machen, ist ein vorweisbarer Abschluss schon mal von Vorteil. Ich habe einige Kollegen, die natürlich auch ohne Studium geile Drummer sind und ebenfalls unterrichten, und das auch ohne Probleme. Es geht also auch ohne.
Da du ja gefragt hattest: In der Regel möchte eine seriöse Musikschule aber schon ein Studium oder zumindest eine pädagogische Ausbildung sehen, die irgendwie nachweist, dass du passende Kompetenzen besitzt. Staatliche Schulen - also vor allem die, die bestenfalls auch eine Festanstellung bieten - müssen das meines Wissens nach sogar fordern. Musikschulen, die kein Studium voraussetzen, zahlen leider auch unfassbar schlecht. Auch das sollte man auf dem Schirm haben.
Unterm Strich ist Privatunterricht aber allemal lukrativer (gerade mit einem Studium in der Hinterhand habe ich das Gefühl, sind die Leute auch eher bereit, noch mal etwas mehr zu zahlen), allerdings erfordert die Aquise und Buchhaltung auch mehr Arbeit. Ich habe mir jetzt über die letzten Jahre einen Privatschülerstamm aufgebaut, der es mir erlaubt hat, meine Musikschuljobs zu kündigen und mit aktuell drei Tagen alle Unkosten zu decken. Donnerstag bis Sonntag habe ich "frei" (also Zeit für Gigs und zum Üben).
Apropo Buchhaltung: Das ist ein pain in the ass. Gerade, wenn du nicht mehr unter die Kleinunternehmerregelung fällst und Ust.pflichtig wirst, ist das echt ein Geraffel ohne Ende. Auf der anderen Seite lohnt sich ein Steuerberater halt fast nicht. Insofern: Sich in Steuerfragen mal eingearbeitet zu haben, ist nicht von Nachteil, auch wenn du mal Rechnungen stellen oder eine GbR aufbauen willst.
Nächstes Thema, das ich noch erwähnen will: Familie.
Wir haben vergangenes Jahr Nachwuchs bekommen. Wundervolle Sache, aber grade wenn du selbstständig bist durchaus eine Herausforderung.
Elternzeit nehmen wäre für mich theoretisch möglich, aber dämlich gewesen - denn wenn du deinen Schüler*innen sagst, dass du mal ein Jahr pausierst, sind die weg und du fängst hinterher von vorne an.
Mit Gigs gestaltet es sich ähnlich. Der organisatorische Mehraufwand aktuell ist enorm. Mittlerweile geht meine Frau wieder drei Tage arbeiten, wir haben aber noch keinen Krippenplatz und Gigs unter der Woche, bei denen ich auswärts schlafe - geschweige denn mehrtägige Touren - fordern uns echt viel ab.
Auf der anderen Seite ist es schön, dass ich Vormittags in der Regel daheim bin und auf unsere Kleine aufpassen kann. Dafür komme ich Abends oft erst heim, wenn sie schon schläft. Es gibt also Vor- und Nachteile.
Thema Altersvorsorge: Da musst du einfach selber früh genug den Finger drauf haben und schauen, wie du neben der normalen Rentenversicherung, die dann in der Regel über die Künstlersozialkasse läuft, noch eine Rücklage für den Ruhestand aufbaust. Ansonsten wird das vermutlich eine knappe Kiste.
Ganz grundsätzlich solltest du dir bewusst sein, dass du mit dem Job in der Regel nicht sonderlich reich wirst und ab einem gewissen Grad auch nicht mehr wirklich Sprünge im Gehalt machst.
Für mich ist das aktuell okay, da ich im Gegenzug eben (aktuell, perspektivisch wieder etwas mehr) bei knapp 30 Schüler*innen an drei Tagen im Soll bin und alles weitere entweder für die Urlaubskasse oder zur eigenen Selbstverwirklichung mache. Und ich kann (konnte...bis das Kind kam) ausschlafen. Klingt albern, aber für mich viel wert
Ansonsten wurde glaube ich vieles schon gesagt. Ich denke, das allerwichtigste ist, dass du dich nicht benimmst wie der letzte Arsch, dass du zuverlässig bist (pünktlich sein, den Kram können, Noten lesen können(!) etc.) und dass du variabel bist. Ich hatte jetzt in den letzten Jahren Metalcore-Shows mit eigenen Bands (eigentlich mein "Zuhause"), Coverjobs mit fünf Stunden Programm ohne vorangegangene Probe, eine spontane Tour als Aushilfe mit vier Tagen Vorlaufzeit, Fernsehgarten, Schauspiel, Bigband und Jazztrio dabei. Einerseits cool, weil man einfach unglaublich viel mitnimmt, auf der anderen Seite hast du fast keine Zeit, um dich auf ein Genre so richtig gut vorzubereiten und einzuarbeiten. Alternativ kannst du dich natürlich auf einen bestimmten Bereich spezialisieren und dort schauen, ob es genug Jobs gibt. Mir persönlich wäre das glaube ich einerseits zu langweilig und zum anderen zu unsicher, was die Auftragslage angeht.
Aber das ist natürlich Geschmackssache.
Über Networking wurde hier schon mehrmals gesprochen und auch hier schließe ich mich an: Das ist essentiell! Du musst in der Lage sein, deinen Namen unter die Leute zu bringen, Kontakte zu knüpfen und auch mal ins kalte Wasser zu springen um einen Job anzunehmen, auf den du ggf. mal nicht gut vorbereitet bist oder Bock hast - nur so schaffst du es über die Zeit an neue Jobs zu kommen. Wenn ich Anrufe bekomme, dann sind das beim Unterricht, seit ich eine Website habe knapp zu gleichen Teilen Leute, die mich im Netz gefunden haben und Leute, die über Mundpropaganda von mir mitbekommen haben; bei Gigs allerdings sind es ausnahmslos Anfragen von Leuten, die ich über zwei Ecken und oft nicht persönlich kenne. Je mehr Leute du kennst, umso wahrscheinlicher ist es natürlich, dass irgendwann mal jemand auf dich zurückkommt. Hier ist wiederum eine aktive Präsenz auf gängigen Social Media hilfreich, auf der man auch erkennt, was du in etwa trommeln kannst (sollte ja aber kein Ding sein, du hast ja z.B. schon einen Youtube-Channel). In der Verbindung ist es immer praktisch, wenn man grundlegende Skills in Recording, Mixing und Bildbearbeitung hat.
Ich glaube, das war für den Moment alles, was mir dazu einfällt. Falls du noch Fragen hast, sag Bescheid