Hallo,
in einigen Beiträgen oben ging es ja um den "Gegensatz" von "Kunst" gegen "Kommerz", eigentlich um "Kunst" gegen Publikums-Wirksamkeit von Musik.
Pop-Musik, bei der die Drums auf "Bumm-Tschack-Bu-Bumm-Tschack" programmiert sind, also noch nicht mal von einem Drummer gespielt sind, hat durchaus Publikumserfolg. Das heißt, diese Songs bedeuten dem Publikum etwas.
Wieso schaffen es nicht die Jazz-Musiker, die wohl allesamt so gut ausgebildet sind, dass sie alle Stile der Pop-Musik unausgeschlafen mit leichtem Kater noch ohne Mühen früh morgens perfekt spielen könnten, nicht, gute Pop-Songs mit guten Grooves selber zu erschaffen?
Um damit die Massstäbe der Pop-Musik anzuheben?
Es wird einerseits geklagt, dass gute Kunst kein Publikum fände. Aber simpelste Harmonien, simpelste Drum-Patterns ohne richtig Groove oder Drive Kohle einführen. Und man sich als Jazzer "unter Wert verkaufen" müsse, oder Musik "unter seinem Niveau" spielen müsse, wenn man Kohle machen wolle.
Die erfolgreiche Pop-Musik sei einfach so simpel und "blöd", dass sie einfach unter dem Niveau der Jazzer sei.
Das erscheint mir irgendwie widersprüchlich.
Wieso schaffen es Jazz-Drummer nicht, einen richtig geilen tanzbaren Jazz-Groove zu entwickeln, der zwar vordergründig und beiläufig gehört, völlig bekannt und eingängig klingt, aber tatsächlich all die spieltechnischen Fertigkeiten der Jazz-Drummer ausnutzt und voraussetzt, um wirklich zu grooven? Und der, wegen der viel besseren Ausbildung der Jazz-Drummer, auch viel geiler und heißer groovt als all das Simple der Pop-Drum-Maschinen?
Wieso schaffen es die besseren Musiker, die Jazzer, nicht, bessere Musikstücke zu machen, die besseren Publikumserfolg haben als das simple eintönige Gemache der Pop-Musik? All die Voraussetzungen, all die Akkorde, Harmonielehre, Grooves und Drum-Patterns haben sie doch alle intus und parat.
"Take Five" ist für mich ein Stück, was sowas, was ich "propagiere", in gewisser Weise umgesetzt hat: Es klingt eingängig für all diejenigen, die es nur oberflächlich hören. Es klingt interessant für die oberflächlichen Hörer, weil es unterschwellig, ohne mit dem 5/4-Takt zu "protzen", eben was anders macht als all die 4/4-Swing-Stücke. Ohne die oberflächlichen Hörer mir "krummen Takten" zu verwirren oder abzutörnen. Im Gegenteil, es entwickelt daraus seinen Groove und Drive. Der aber erst mal bekannt und eingängig klingt.
Umgekehrt, kann kaum ein im Rock-Beat gelernter Drummer das Stück wirklich nachspielen. Da wäre also der Vermarktungsvorteil der gut ausgebildeten Jazz-Drummer. Wenn 5/4-Swing eine Mode wäre, könnten nur die guten Jazz-Drummer sie bedienen.
Als Hobby-Pop-Musiker, der zum Glück nicht von seiner Musik leben muss, und sich alles selbst beigebracht hat, macht es mir bei eigenen Songs immer wieder Spaß, an den Drums für mich neue Rhythmen zu lernen, die eher ungewöhnlich für Pop sind. Und solche Einflüsse in Kleinigkeiten in die Grooves einfließen zu lassen, sodass es insgesamt immer noch leicht durchhörbar klingt, aber wegen der Kleinigkeiten in den Details besser swingt oder groovt.
Als Songschreiber versuche ich immer mal wieder, "ungewöhnliche" Akkorde zu verwenden, um die Mondschein-Harmonien zu durchbrechen, ohne aber den Songfluss zu stören. Es soll eher wie vordergründig Stillstand klingen, aber untenrum passiert was in Details, was die Sache unterschwellig interessanter macht.
Die Jazzer würden über meine kleinen Tricks lachen, so simpel werden sie ihnen erscheinen. Für mich aber ist das die Methode, "Anspruch" mit Eingängigkeit zu verbinden, um die Eingängigkeit zu verbessern und gleichzeitig die Individualität der Musik zu erhöhen.
Ich frage mich deshalb, wieso schaffen es Jazzer denn nicht, mit ihrer ganzen Ausbildung an Harmonielehre und Grooves und Rhythmen nicht, wirklich gute groovende Jazz-Pop-Songs mit ungewöhnlichen Harmonien zu machen, die deswegen individuell sind, aber trotzdem oder deswegen, eingängig und sehr tanzbar sind, und gleichzeitig "anspruchsvoll" sind und den Maßstab für gute Pop-Musik höher legen...? Und somit auch eine neue Welle oder Mode guter künstlerisch wertvoller Jazz-Pop-Tanz-Musik loszutreten...?
Das ganze Handwerk dazu, all die Spiel- und Kompositionstechniken haben sie doch eigentlich im Überfluss gelernt...?
Gruß