Ohweh, dass Fass mit dem Kunstbegriff hätte ich vielleicht nicht aufmachen sollen. Ob nun der gemeine Youtuber oder TikTokker Künstler ist oder nicht, hängt glaub ich mehr von der Grundhaltung ab, mit der der Betrachter an die Sache rangeht. Ich kann z.B. dieser virtuellen Vermarktung gar nichts abgewinnen und entdecke für mich tatsächlich auch kaum noch Mehrwert auf den entsprechenden Plattformen. Folgerichtig tu ich mich schwer damit, "überflüssiges" Zeug als Kunst zu akzeptieren.
Meine Sorge ist viel eher, dass die wirklich kreativen Geister sich in Zukunft möglicherweise zunehmend schwer tun könnten, gegen diese Konkurrenz wahrgenommen zu werden und die Kunst an sich weiter zu entwickeln, weil immer mehr Menschen sich der "aufgewärmten" Kunst widmen. Man sieht es teilweise in Großstädten wie München, dass es kaum noch eine kreative Musikszene gibt, weil fast nur noch Coverbands rumlaufen. Wenn diese dann wenigstens noch durch Perfektion überzeugen würden, könnte ich es besser ertragen. Aber auch dabei dominieren die Kolleg*innen, die mit Minimalanspruch den schnellen Erfolg suchen.
Und da schließt sich der Kreis zum Youtube vielleicht wieder. Während es in früheren Jahrzehnten ohne Internet und Social Media in der Kunst noch häufig um den Inhalt des Schaffens an sich ging und Leute teils kompromisslos bis zur Selbstzerstörung ihren Schaffensdrang auslebten, sind Likes (und Dislikes) häufig Selbstzweck, führen aber in einer virtuellen Realität nicht mehr zur Selbstreflexion. Wer heute auf ein Video Dislikes bekommt, wird - wahrscheinlich sogar aus gutem Grund - daraus keine Rückschlüsse auf die eigene Präsentation ziehen, sondern den Verursache als "Hater", "Troll" whatever abkanzeln.
Kunst hat sich schon immer gegen Widerstände entwickelt. Wenn heute die Darbietung überwiegend nur noch dem Geschmack der Masse angepasst wird (=viele Likes), dann stirbt die Kunst.
Ich stelle mir gerade vor, wie unser Schulsystem in Zukunft nur noch darauf aufbaut, dass Lehrer auf Klausuren nur noch Daumen nach oben oder nach unten malen. Keine differenzierten Kommentare mehr, keine Auswertung von Referaten, kein Feedback. Ob das wohl Auswirkung auf die schulische Bildung unserer Kinder hätte? 