Eine der Fragen, die den "Profi" - etwas naiv vielleicht - auf ein Podest stellen, auf das 99% aller Profimusiker gar nicht gehören...
Klar, die haben die Songs ja entwickelt und 1000 mal gespielt, das sollte für die keine Hexerei sein.
Profi heißt erstmal nur, dass sie ihre Brötchen damit verdienen. Die wenigsten davon tun das heutzutage mit nur einer Band, sondern man hat ständig wechselnde Programme, die man zuhause vorbereitet und dann meist mit überschaubarem Probenaufwand, je nach Job auch ungeprobt überzeugend auf die Bühne bringen sollte. Als Amateur ist man in "seinem" Programm vermutlich in der Regel sattelfester als mancher Profi. Der Profi hat dafür einen viel umfangreicheren "Werkzeugkasten", aus dem er sich bedienen kann, und wer 7 Tage die Woche Musik macht, weiß in der Regel exakt, wie er welches Werkzeug benutzt.
Am Ende ist es für die meisten Profis ein Handwerk, hinter dem die Kunst zurücksteht. Und wie es beim Handwerk eben so ist, besteht ein Großteil aus Routine, und wie in bürgerlichen Berufen auch verlässt man sich in vielen Situationen auf seine Routine. Wäre ja auch anstrengend, wenn der ganze Arbeitstag dauerhaft nur aus Herausforderungen bestünde.
Müssen die sich so gut wie gar nicht mehr anstrengen wenn sie auf der Bühne sind?
Das hängt von so vielen Aspekten ab, dass man Profi und Profi nicht vergleichen kann. Wer mit klassischem Jazz sein (bisschen) Geld verdient, geht da vermutlich entspannter dran als jemand, dessen Schwerpunkt im Progmetal liegt. Wer wie Vinnie Colaiuta Noten liest wie du und ich die Tageszeitung, hat vermutlich kaum Stress, ein ausnotiertes Programm ad hoc auf den Punkt abzuliefern. Da ein normaler Profi, ich rede nicht von den Topstars, sich in der Regel nicht aussuchen kann, wofür er gebucht wird, sind natürlich auch die Anforderungen jedes Mal unterschiedlich.
Ich selbst betreibe die Musik nebenbei, bin existenziell also nicht davon abhängig, arbeite aber an sich eher "professionell", auch mit anderen Profis, und spiele nicht in klassischen Amateurbands. Stilistisch sind das meist Jobs, die ich mit meinem Werkzeugkasten gut und meist entspannt bedienen kann. Deshalb zu sagen, man müsste sich weniger anstrengen auf der Bühne als reine Amateure, wäre aber imho falsch. Man konzentriert sich eher auf andere Dinge, versucht beispielsweise als Drummer seinen Groove noch "deeper in the pocket" zu spielen und tighter mit der restlichen Rhythmusgruppe zu interagieren. Oder man konzentriert sich darauf, mit den Mitmusikern gemeinsam gute Laune zu verbreiten, um sein Publikum mitzureißen. Die Basics, also die Rhythmen und Fills, die ich spiele, sitzen natürlich schon, denn was ich nicht souverän beherrsche, gehört einfach noch nicht auf die Bühne.
Das ist vielleicht auch der gewisse Unterschied zwischen Amateuren und Profis. Ein Amateur hat keinen großen Druck, wirklich auf den Punkt zu spielen, und ich habe oft genug Bands erlebt, deren Haltung war "ist doch egal, perfekt ist eh niemand". Zuhause geübt wurde dementsprechend wenig bis typischerweise gar nicht.
Als Profi lebst du davon, deinen Auftraggebern zuverlässig Qualität abzuliefern. Wenn ein Profi unvorbereitet zum Job kommt, reicht das eine Mal, um beim nächsten Mal u.U. nicht mehr gebucht zu werden. Deshalb konzentriert sich jeder Profi darauf, ordentlich abzuliefern, man will ja schließlich gebucht und weiterempfohlen werden.
Edit: Weil Lampenfieber angesprochen war, das habe ich so gut wie nie wegen des Publikums. Man muss sich klar machen, das Publikum hat selten Ahnung, und die wenigsten hören und schauen auf mich als Drummer. Wozu also nervös sein? Nervös macht mich eher, mit für mich neuen Leuten zu spielen, deren Ansprüche ich nicht kenne. Das kann schon zur ersten Probe Thema sein, wenn aber mal wieder Probe=Konzert gilt, beschleicht mich gelegentlich leichtes Unwohlsein. Die gute Nachricht: ein fröhliches Auftreten hilft mir dagegen, so merke ich es nicht so stark, und der Rest oft gar nicht.