Mit der Autostory triggerst Du bei mir (indirekt) was... 
Vielleicht ist der Hinweis nicht unwichtig, dass es in Bands und ganz allgemein "um das Musikmachen herum", viele Seitenstränge gibt, die von weitem betrachtet garnix mit der Musik zu tun haben (ja beinahe Off-Topic anmuten), unter dem Brennglas bzw. akribisch betrachtet aber eben doch in Zusammenhang - zuweilen fatalem Zusammenhang mit der Musik und ihrer Akteure stehen. Teambildung, Kumpels, Freundschaft, Spaß oder auch in Krisenzeiten helfend füreinander da sein ??? Ein großes Faß, dem mancher mit Brachialgewalt den Boden ausschlägt...
Prolog:
Welche Situation war die peinlichste, ungemütlichste oder unverhoffteste Wendungen nehmende im Leben? Eine Gesprächssituation, der ich an einem hier nicht näher spezifizierten Tag/Jahr (nur der vage Hinweis: ich war noch sehr jung) mehr oder weniger unfreiwillig beiwohnte, erhebt Anspruch darauf, gleichermaßen alle 3 Kategorien zu erfüllen, streift aber eher peripher das Thema Musik und ist verbal oder textlich eigentlich nur unzureichend wiederzugeben. Das untenstehend Beschriebene mal Faktor 10 nehmen, dann hat man in etwa eine annähernde Vorstellung in Bezug auf den Streß bzw. die xenophobe „Atmosphäre“ während folgender Begebenheit.
Akt 1: Ein fantastischer Sänger hatte abseits der Musik immer wieder Probleme, einem geregelten Job nachzugehen. Als wieder mal ein Zeitarbeitsvertrag gelöst wurde, standen noch gewisse Restzahlungen an ihn aus. Er bat mich eindringlich, ihm bei einem bevorstehenden Gespräch mit der Chefin der Zeitarbeitsfirma (deren Name und Firmenstandort hier keine Rolle spielen soll und darf) als „Freund“ und „Zeuge“ beiseite zu stehen. Er hatte sichtlich Angst das noch ausstehende Geld, welches er dringendst für die Miete und den Unterhalt seines Autos (welches ihn bislang stets zuverlässig zur Bandprobe beförderte) benötigte, vorenthalten zu bekommen oder, neudeutsch formuliert, “abgezockt“ zu werden. Ich befürchtete von vornherein, dass es ein sehr schwieriges Gespräch werden würde. Insofern definierte ich mit ihm genauestens die Spielregeln an die er sich zu halten habe. Wir spielten sogar mehrere Gesprächsverlaufsoptionen durch. Als Worst-Case-Scenario bestand ich darauf, dass, wenn er sich in sehr ungeschickter Weise im Gespräch mit der Chefin äußert, ich ihm unter dem Tisch als unmissverständliches „Erkennungszeichen“ auf den Fuß treten werde. Dadurch würde er sofort gewahr, dass er sich verbal falsch verhalten hat und hätte die Chance, seine Argumentation zu verändern - nötigenfalls würde ich dann das Wort ergreifen und das Gespräch in eine andere Richtung lenken. Ganz wichtig war mir aber, dass er mich der ehemaligen Chefin nicht als „Zeuge“ vorstellt, sondern als Freund, der ihm als Ausländer hilft, die schwierigen, verklausulierten deutschen Vertragsbedingungen zu lesen und inhaltlich zu verstehen! Vier mal… nein fünf mal vor dem Gespräch, letztmalig im Aufzug, wenige Sekunden bevor wir im Büro ankamen, sagte ich „benutze NIEMALS das Wort Zeuge“. Denn das würde der Chefin sofort klar machen, dass wir sie quasi vorab kriminalisieren bzw. ihr übles, vertrauensunwürdiges Treiben unterstellen und somit unsere Erfolgsaussicht, durch ein konstruktives Gespräch das Geld zu erhalten, mindern. Ich machte meinen Bandkollegen außerdem darauf aufmerksam, dass sie als Chefin Hausrecht hat und mich gar nicht einlassen muß bzw. jederzeit rauswerfen kann und selbiges sicher sofort tun wird, wenn die Vokabel „Zeuge“ fällt. Das hatte er offensichtlich verstanden und mir mehrfach mit eigenen Worten versichert, dass er die Strategie versteht und befolgen wird.
Akt 2: Die Fahrstuhltür öffnet sich, wir kommen in einen Vorraum und begegnen wenige Sekunden darauf der Chefin (die unsympathischste Frau, die ich bis dato je erblicken „durfte“ und für die ich selbst beim höchsten Honorar der Welt niemals und in keiner Form – dazu später mehr - arbeiten würde). Bereits bevor wir dazu kamen, an ihrem Tisch Platz zu nehmen, stellt mich der Sänger mit folgenden „diplomatischen“ Worten vor: „Ich bin hier, weil ich noch Geld von dir kriege, und das ist Gerald, den habe ich als Zeugen mitgebracht“. Ich dachte mich trifft der Schlag. Das war wirklich jenseits meiner pessimistischsten Horror-Szenarien, dass bereits in der ersten Sekunde alle Dämme brechen. Sofort (wie von mir befürchtet) rief sie: „Raus“ und deutete mit ihrem Finger in meine Richtung bzw. die der Tür. Und immer wieder und wieder: „Sie verlassen sofort mein Büro.“ Ich hatte im Vorfeld dem Sänger versprochen, nach Möglichkeit nicht von seiner Seite zu weichen, bis wir das Geld haben, und nun das. Da der Sänger zu großer emotionaler Instabilität neigte (auch körperliche Aktionen/Reaktionen nicht vollends auszuschließen waren), schoß mir sofort durch den Kopf: „Wenn hier irgendwo andere Männer in Büro-Räumen sind und versuchen sollten, uns zu entfernen, gibt es womöglich eine zerlegte Einrichtung bzw. die sprichwörtlichen Toten auf der Tanzfläche.“ Glücklicherweise eilte keiner herbei, der sich gegen uns stellen wollte/konnte. Es waren scheinbar nur 1 - 2 andere Damen in weiterem Abstand bzw. angrenzenden Büroräumen anwesend, die sich interessanterweise nicht einmischten. In gewisser Weise sicher auch bezeichnend für jene Firma bzw. den „Beliebtheitsgrad“ der Chefin. Somit nutzte ich die Chance (zugegebenermaßen widerwillig und beschämt) in Richtung Diplomatie zu agieren und möglicherweise dadurch das vorab angestrebte Ziel doch noch zu erreichen. Ich redete mit Engelszungen auf diese Frau, Chefin oder was auch immer sie sein mochte ein und sagte, der Sänger sei gerade sehr unbeherrscht gewesen, hätte totalen Quatsch geredet, „es wäre doch schön, wenn wir in Ruhe über die Sache reden können“ etc. etc. Immer wieder, geradezu inflationär ihre postwendende Antwort: „Raus!!!!!!!!!!“ Ob es eher meiner sportlich-stoischen Geduld und Trotzköpfigkeit oder ihrer fehlenden Ausdauer zuzuschreiben ist, dass ich mich keinen Millimeter in Richtung Ausgang bewegte und die Büroräume NICHT VERLASSEN habe, vermag ich bis heute nicht zu erklären. Ich gebe zu, einen kleinen Filmriß gehabt zu haben, bis wir uns plötzlich sitzend in einer Unterhaltung an ihrem Bürotisch wiederfinden. Was zwischen ihrem vielfachen „Raus“ und dem Platznehmen an ihrem Tisch stattfand ist wie ausgelöscht – ein Blackout meinerseits. Ich gelobe feierlich sie weder bedroht noch geküsst zu haben. Alle anderen Handlungsformen zwischen Mann und Frau, die sonst noch existieren mögen, kann ich nicht ausschließen. Ich weiß es wirklich nicht. Ich kann mich nur daran erinnern, dass mir im Anschluß an das Gespräch unser Sänger neben unendlich vielen Dankesworten übermittelte, ich würde unzweifelhaft der beste Psychologe
Deutschlands werden oder so ähnlich und mir in Sachen Verhandlungsführung kein zweiter Erdenbürger das Wasser reichen könne. ( Gleichwohl bedeutete mir der überschwängliche Dank nichts in Anbetracht dieses Horrormeetings mit "Lady Evil" und war in keinem Fall eine angemessene Wiedergutmachung. Das ein oder andere ergraute Haupthaar ist sicherlich jenem unvergesslichen Nachmittag zuzuordnen. Zurück zum Verhandlungstisch!
Akt 3: Die Chefin hat sämtliche Vertragsunterlagen auf dem Tisch. Verhandelt werden Arbeitstage, Anfahrtswege und Kilometerpauschalen sowie (als wäre die ganze Vorgeschichte nicht schon lächerlich genug gewesen) Arbeitskleidung insbesondere Arbeitsstiefel. Immer wieder dutzt der Sänger die Chefin und mir kommen übelste Phantasien zotigster Prägung, ob in diesem Raum vielleicht noch etwas gänzlich unausgesprochenes eine Rolle spielt(e), von dem ich nichts weiß. Gleichwohl läßt der Sänger kein Fettnäppchen aus. Immer in jenen Momenten, in welchen sich annähernd eine Entspannung in Sachen Verhandlungsführung der Chefin andeutet, verhält er sich falsch, wird immer wieder anmaßend wirft ihr u.a. mehrfach im Gespräch vor, mehr Geld als er zu verdienen (kein Wunder, sie ist Chefin einer Firma, er ist Zeitarbeitsnehmer), beruft sich auf die Arbeitsbedingungen seines Herkunftslandes, wo alles viel besser und fairer sei als hier usw. Immer wieder trete ich mit meinem Fuß auf seine Zehen. Nicht einmal, nicht fünfmal… unzählige Male, teilweise je nach Wortwahl von ihm gemäß deutscher Silbentrennung. Ein Mitzählen war schon bald nicht mehr möglich. Ich hielt mich verbal weitestgehend zurück, da die Chefin mehrfach ein lasziv-debiles Grinsen in Richtung des Sängers auflegt und plötzlich ansetzt, private Situationen zu schildern, wo sie ihn gesehen haben will. Völlig irre und zusammenhangslos sowie überhaupt nicht in Übereinstimmung mit den heftigen Worttiraden wenige Minuten vorher vor ihrem Büro in Einklang zu bringen.
Akt 4: Formale Verabschiedung. Der Sänger bekommt bis auf vernachlässigbar geringe Abzüge sein Geld (die Arbeitsstiefel wurden meiner Erinnerung nach nicht bezahlt). Wir haben gesiegt. Kann man das sagen? Ich weiß es nicht – das, was wir als Zielsetzung definiert hatten, haben wir zu 99 % erreicht. Alle besprochenen Gesprächsstrategien und Spielregeln wurden von mir strikt befolgt. Vom Sänger in keiner Minute des Gesprächs. Er dankt mir wie bereits erwähnt überschwänglich, auch Tage später betont er, dass sich niemals zuvor in seinem Leben jemand so stark und entschlossen für ihn eingesetzt hat, beklagt aber auch mehrfach, wie schlimm ihm seine Füße wehtun. Ich hätte unter dem Tisch immer wieder übelst und mit großer Kraft auf ihn eingetreten. Kein Wunder, so wie er sich verhalten hat!
Epilog: Trotz mehrmaliger Aufforderung meinerseits, wenigstens im Nachhinein zuzugeben, dass zwischen ihm und der Chefin sexuelle Begehrlichkeiten eine Rolle spielten (jene wiederum ein „Grund“ für die Meinungsverschiedenheiten in Bezug auf die Vertragserfüllung waren) und dies maßgebliche Ursache für die sehr eigenwillige Kommunikation zwischen beiden und dem absonderlichen Gesprächsverlauf sein muß, leugnete er dauerhaft und entschieden jegliche sexuelle Verbindung mit „Lady Evil“.