Ich habe den Ball ja wieder ins Rollen gebracht hier im Thread, und da inzwischen auch andere Videos von Rustemeier inhaltlich rezitiert wurden, will ich nochmal kurz meinen Senf zum „Bücher-Short“ geben.
„Drum-Bücher, sind die gut oder nicht gut? Ich sage es gerade raus, ich finde es mittlerweile heute zum Lernen komplett Quatsch. Warum? Die Videoform zeigt dir ja: Wie soll ich es halten? Wie nicht? … Wenn du auf einem sehr hohen Level bist und Inspiration brauchst … dafür sind Bücher richtig gut. Wenn du aber wirklich besser werden willst, ist es nicht gut, weil dir wird nichts gezeigt. Du liest nur, du weißt nicht, ist das richtig? Ist das falsch? Wie sieht es aus, wenn ich es spiele? Da ist das wirklich der falsche Weg. Nur wenn du Inspiration suchst, ab einem gewissen Level, top Weg – alles darunter, vergiss es.“
Mal abgeshen davon, dass seine Ausdrucksweise recht plump daherkommt, behauptet Rustemeier unter der Überschrift "real talk", dass klassische Drum-Bücher für Lernende unter einem (nichtz näher definiertem gewissen) Niveau komplett ungeeignet und verschwendete Zeit seien.
Die Aussage ist pauschal, absolut gesetzt und ignoriert die Vielfalt von Lehrmethoden, Lerntypen und pädagogischen Ansätzen. Zudem werden Aspekte wie nachvollziehbare Progression, Übungsplanung uva. ausgeblendet. Ganz zu schweigen davon, dass man ja auch mit Buch + Lehrer + X (in Präsenz oder auch online) in Kombination arbeiten kann. Stichwort Methodenvielfalt.
Aus ernstzunehmender Schlagzeugpädagogik heraus ist sein Problem klar und ich verstehe, warum er sie zum Feindbild macht:
Bücher – gerade von etablierten Verlagen (als gewisser Qualitätsfilter) wie Schott, Alfred, AMA oder Leu – folgen bewährten didaktischen Konzepten, die Lernende Schritt für Schritt an Technik, Koordination und musikalisches Verständnis heranführen. Wenn ich dagegen nochmal an sein PDF erinnere … ok lassen wir das.
Rustemeiers Ansatz vermittelt das Gegenteil: Es propagiert sein „Alles-oder-nichts“-Dogma, das Anfänger leicht verunsichert und sie eher auf schnelle Effekte als auf nachhaltiges Lernen ausrichtet. Pädagogisch betrachtet hat er damit kein tragfähiges Konzept, das mit etablierten Standards vergleichbar wäre.
Ich weiß, ich reite darauf rum, aber ich bin selbst großer Drumbook-Fan – seht es mir nach. Print hat für mich in unserer medienüberfluteten Zeit einen eigenen Reiz – sowohl für Unterricht als auch für Selbststudium. Natürlich gibt es heute viele Formate auf YouTube oder Online-Plattformen, die für andere Lerntypen oder in gewissen Situationen hervorragend funktionieren. Ich will kein Schwarz-Weiß-Bild malen, aber für mich bleibt die didaktisch saubere Struktur von Büchern unschlagbar, insbesondere für Anfänger und fortgeschrittene Lernende, die sich systematisch entwickeln wollen.
Aber zurück zu Rustemeier – und danke für die ganzen Einschätzungen hier, die sich mit meinem Bild weitesgehend decken.
Wenn man das Gesamtprofil nüchtern betrachtet, dann entsteht – ganz wertfrei – ein Eindruck, der sich inzwischen in mehreren Punkten herauskristallisiert:
Instrumentalisch wirkt vieles eher grundständig als fortgeschritten. Das ist keine Herabsetzung, sondern dadurch abgeleitet, dass in seinen eigenen Videos (ich habe mal irgendwo einene Schnipsel gesehen, wo er den Anfang von Blackest Eyes von Porcupine Tree spielt – finde ich aber gerade nicht) spieltechnisch nicht das Level sichtbar wird, das man üblicherweise bei Personen erwartet, die mit großen Versprechen oder umfassenden „Systemen“ auftreten. Darüber hinaus findet man auch ansonsten nicht viel an Referenzen. Für manche Lernende mag das trotzdem völlig ausreichend oder sogar sympathisch sein – es erklärt aber die Skepsis derjenigen, die auf ein höheres technisches Niveau achten bzw. schon mehr gesehen und erlebt haben. Auch erzeugt es den faden Beigeschmack hinsichtlich der aufgerufenen Preise für sein Coaching, das ja offenbar nicht unwesentlich durch die leicht skalierbare Verbreitung von einmal aufgenommenen Videos getragen wird.
Ein Punkt, den ich einem frühreren Punkt angeschnitten hatte: Seine Podcast-Gäste stehen in einem deutlichen Kontrast zu seinem eigenen Profil.
Oli Rubow, Claus Hessler, Ulf Stricker sind mir aufgefallen – allesamt Musiker mit jahrzehntelanger Erfahrung, breiter Kompetenz am Instrument und echter pädagogischer oder künstlerischer Reputation (übrigens, die haben z.T. auch Bücher geschrieben, und zwar keine schlechten!).
Dass er sich in dieses Umfeld positioniert, ist natürlich sein gutes Recht. Gleichzeitig wirkt der Abstand zu diesen Namen groß, es hat was von "mit den großen Hunden bellen".
Nach Durchsicht seiner Free-Pdfs etc. ist erkennbar, dass methodisch und pädagogisch vieles recht vage bleibt. Das ist nicht verboten, nur inhaltlich auffällig: Es gibt wenig klar strukturiertes Material, dafür viel Marketing, viel Präsenz und viele starke Behauptungen über „den richtigen Weg“. Gerade wer Erfahrung mit etablierten didaktischen Ansätzen hat, merkt hier schnell, dass die Tiefe begrenzt ist. Einem ernstzunehmenden Verlag bräuchte man mit sowas als Manuskript wohl nicht kommen
Böse Bücher!
In Summe entsteht so das Bild eines sehr marketingorientierten Coaches – jemand, der sich online in Szene setzen kann, dessen fachliche Substanz bei geschärftem Blick aber nicht überzeugt. Das macht ihn nicht automatisch unseriös, erklärt aber, weshalb hier viele mit Vorerfahrung seine Aussagen kritisch hinterfragen.
Ach und zu den rechtlichen Bedenken, ich sehe es so, dass man vor einer sachlichen Kritik an Rustemeiers öffentlichen Aussagen keine Angst zu haben braucht. Solange man nachvollziehbar, argumentativ fair und ohne Beleidigungen bleibt, sollte das rechtlich unproblematisch sein. Kritik an Lehrkonzepten, Methoden oder öffentlich geäußerten Thesen ist doch nicht strafbar. Davon abgesehen (und weil es jemand anschnitt) wird sich vermutlich kein Verlag dieser Weilt die Mühe machen wegen seines eingangs zitierten Reels aktiv zu werden. Wobei mich da eine professionelelle Einschätzung interessieren würde. Ist evtl. jemand aus dem Dunstkreis hier im Forum aktiv?