Hm, geht etwas durcheinander:
Klick und Quantisieren haben ja grundsätzlich erstmal nichts miteinander zu tun.
1. Beim Klick gehts ja ursprünglich zunächst nur darum, eine Zeitliche Benchmark zu setzen, um allzu starke Abweichungen zu vermeiden. Eigentlich ist es ja eine einfaches Hilfsmittel, um Tages- und Formschwankungen zu vermeiden. Ob man dann dabei exakt auf dem Klick, hinter dem Klick oder vor ihm spielt, ist dabei ja sogar zusätzlich egal, solange es einheitlich ist. Der Klick verzeiht vieles, da ist "Room to stretch".
2. Problematisch wirds ja erst, wenn der Sequencer ins Spiel kommt, also der Click mit einer exakt getakteten Instrumental-Spur verbunden wird, zu dem der Drummer spielen muss. Erst dann kann man sich Schwankungen nicht mehr recht erlauben, weil die Abweichung brutal hörbar wird.
Beide Formen sind nunmal deshalb modern geworden, weil die Musik insgesamt technischer geworden ist und die ganze "Musik-Machen-Szenerie" sich geändert hat. Früher ging man mit eine ganzen Band ins Studio. Heute gibt es doch fast keine festen Bandformationen mehr: auf Grund der Möglichkeit, dass jeder zu Hause seine Musik entwerfen kann ganz ohne vollständige Backline, ist es doch viel häufiger geworden, dass Dinge vorproduziert werden und man im Studio als Drummer seinen Part einspielt, ohne Teil einer festen Band zu sein. Dies hat sich auch auf Amateur-und Semiprofessioneller Ebene durchgesetzt, so jedenfalls meine Beobachtung und Erfahrung. Und selbst bei festen Bands ist es angesichts von Terminproblemen etc. sehr üblich, die Tracks in Teilen zeitlich versetzt aufzunehmen. Da gehts dann halt nicht anders.
3. Ne ganz andere Geschichte ist dann wiederum das Quantisieren. Ob das sinnvoll ist, hängt ein wenig von der Musik ab. Dass der Groove dabei verloren geht, ist ebenfalls relativ: Ist der Drummer Käse, ist Quantisieren gut, ist er gut, brauchts man nicht und kann vieles kaputt machen. Viel häufiger ist doch aber das manuelle Bearbeiten einzelner Positionen (proTools etc). Ich empfinde diese Möglichkeit als Segen, statt ewig und drei Tage einen Song wieder spielen zu müssen, obwohl nur an einer einzigen Stelle eine Bassdrum eine Terz zu früh ist.
4. Was jetzt konkret das Bonham-Video angeht:
Ich weiß nicht, ob man nun konkret auf 170 den Track auf Click untersuchen hätte müssen, es ist deutlich zu hören, dass Bonham hier im Schnitt etwas langsamer spielt, ich habs mal mit 169 getestet da wirds schlüssiger. Aber es es ging ja auch auch ums Quantisieren.
Und hier muss man einfach sagen, dass es relativ unsinnig ist, ein Groove-Genie wie Bonham mit einer Maschine zu messen. Bonzo hatte einen unfassbaren Groove, schlicht genial, an guten Tage ist er daher einer Maschine natürlich überlegen. Das war aber eigentlich auch vorher klar. Deswegen ist er ja auch einer der wichtigsten Drummer aller Zeiten.
Ich rate sodenn davon ab, einem Zirkelschluss zu erliegen:
Alle Menschen sind Sterblich
Sokrates ist ein Mensch
Alle Menschen sind Sokrates
ist halt "nur bedingt" richtig.
Will sagen: Das Problem ist, dass die meisten von uns eben keine Bonham's sind, und für exakt diese Leute -also dem Fußvolk - ist der Klick eine sinnvolle Geschichte, manchmal eben auch das Quantisieren. Das Genie braucht keine Hilfsmittel. Die Schlussfolgerung ziehen, dass der Bonham-Track besser ohne als mit Quantisieren klingt, besagt eben nur das , was es beweist: Bonham brauchte keine Hilfsmittel. Wer daraus den Schluss zieht, dass Quantisieren, Click etc. allgemein eben Teufelszeug sei und man nur auf den gesunden Groove vertrauen solle, liegt einfach daneben und für den heißen alle Menschen eben auch Sokrates.
Aber was wichtig wäre: Auch ein Bonham hätte heutzutage Probleme im Studio, trotz seine Genialität.
Trotzdem ein Super-interessantes Video, danke fürs Reinstellen !!!
PS: Im übrigen: Auch Genies haben schlechte Tage und so auch Bonzo: Es gibt Live-Aufnahmen und Probeaufnahmen von ihm, da groovt er überhaupt nicht, spielt insgesamt völlig falsche Tempi und eiert rum. Aber egal: Man sollte Musiker wie alle Künstler nur an ihren gelungenen Werken messen, denn - wie Böll schon einst sagte - man hört nicht auf, Künstler zu sein, wenn man was schlechtes macht, sondern dann, wenn man aufhört, ein Risiko einzugehen.