Was erwartet man ? Musik ist ein reines Geschäft geworden, was demzufolge auch denselben Mechanismen unterworfen ist. Je "größer" der Künstler, desto größer das Geschäft. Konzerte bilden da keinerlei Ausnahme, sondern sind eigentlich nur das komprimierte Extrakt dessen, was ohnehin abläuft:
Ein herkömmliches Konzert ist ein von Anfang bis Ende durchgestyltes Event, bei dem jedweder Fill, Joke oder Gitarrensolo exakt so gespielt wird, wie hundert Male zuvor auch. Ein Konzert ist keine Musik, ein Konzert ist eine Show. Warum ? Gerade um dem Zuschauer eine Garantie für sein ach so bitter erspartes Geld zu geben, gerade weil der geneigte Zuschauer das haben will, wofür er bezahlt hat. Keiner will einen Abend voller Unwägbarkeiten, ein jeder will das berechenbare Event, das Ereignis, den Kick. Dafür haben wir bezahlt und das wollen wir dann auch, bitteschön. Musik im eigentlichen Sinne ist da eher hinderlich, weil nicht steuerbar, nur eine Show liefert Bewährtes, ist die Nummer "Sicher".
Soweit so gut, alles fabelhaft, aber alles hat nunmal seinen Preis, der Belzebub treibt zwar den Teufel zuweilen in die Flucht, aber auch er hat seinen Pferdefuß: Auch der geilste Song fängt halt an, den erotischen Charme einer verspäteten Steuererklärung zu entwickeln und den Brechreiz zu stimulieren, wenn man ihn das 1768te mal spielt. Und da bedarf es eben auch keinerlei böser Absicht der Musiker: die Dimensionen und absolute Anzahl der Auftritte, gerade bei den "ganz Großen", sind derart immens, dass Abnutzungserscheinungen nunmal derart folgerichtig sind, das man sich fragt, warum sie eigentlich nicht noch öfters passieren.
Sicher, sie alle verdienen ihre Kohle damit und das nicht zu knapp (auch wenn Konzerte nun sehr wahrscheinlich die kleinsten Einnahmequellen sein dürften, jedenfalls bei aufwendiger Bühneshow). Aber nicht alles ist eben mit Kohle zu kaufen, insbesondere eben nicht Stimmung, gute Laune und schon gar nicht Inspiration und Feeling: Musen sind keine Huren.
Eigentlich weiß man das ja auch; eigentlich weiß man um das Risiko dieser berechenbaren Routine, die da heißt Langweile. Oder erwartet jemand ernsthaft, dass ein Frontman sich extra für dieses tolle Publikum in Klagenfurt oder Pirmasens diesen wirklich einmaligen Witz spontan aus den Rippen schwitzt (man mag rechnen, bei ca. 250 Konzerten auf so einer WeltTour: naja, wenns mit der Musik irgendwann nicht mehr reicht, kann der Mann ja immerhin noch Komiker werden) ? Erwartet jemand ernsthaft, dass der Gitarrist gerade jetzt in diesem Moment - und ey, eigentlich das allererste Mal, oder ? - so richtig den Schmerz im Song fühlt, den seine Axt aufheulen läßt ?
Die Antwort ist noch erschreckender als die Frage: Ja, man erwartet das tatsächlich --- und ist ernsthaft persönlich enttäuscht, wenns ausbleibt. Menschen sind so. Menschen wollen Einmaligkeit. Es ist halt schwer zu glauben, dass das, was man selbst als einmalig empfindet, in diesem Fall Musik, ins Große quantifiziert so durchschnittlich wird wie Regen, Durchfall oder eine 6 in Mathe.
In diesem Sinne: Wenn so ein Konzert in die Hose geht, okay, schön ist es nicht, aber tröstlich, fast wie Todesanzeigen: warum soll es andern - "großen" Künstlern - anders gehen als uns. Nur weil wir ihm Geld zahlen ? Der Clown tanzt für uns, wenn wir meinen, er soll dabei auch noch lachen und das auf unser Kommando und zwar immer, überschätzen wir - glaube ich - einfach die Wirkung von Geld.
See