Gigs, Gage, Hut

  • Musik soll doch vor allen Dingen Spaß machen und wenn Leute mitgrölen, ist das doch schön

    Achtung: ich formuliere stellenweise bewusst provokativ, und diejenigen, die mich kennen, wissen, dass ich ein sozialverträglicher Typ bin, der Musik aus Leidenschaft macht, nicht aus Geltungsbedürfnis.


    Die obige Aussage habe ich nie verstanden bzw. geteilt. Wenn Musik nur Spaß machen soll, reicht es doch, sich regelmäßig im Proberaum zu treffen, um bei guter Laune und ner Kiste Bier miteinander Krawall zu machen. Für eine Band, die sich in die Öffentlichkeit wagt, sollte im Vordergrund zu mindestens 50% stehen, dass das Publikum Spaß hat. Egal ob beim Straßenfest, der Hochzeit, der politischen Veranstaltung oder der Privatfeier zum 60ten, Livemusik hat den Zweck, das Publikum zu unterhalten.


    Natürlich fühlt sich erfahrungsgemäß das Publikum dann am allerbesten unterhalten, wenn neben toller Musik die Interpreten auch noch Spaß auf der Bühne vermitteln. Je häufiger man als Musiker auf der Bühne steht, umso mehr wird diese Situation erwartungsgemäß zu einer Art "Job", in dem man versucht, sein Bestes zu geben, auch wenn die Stimmung mal gerade nicht so toll ist. Die spielerische Sicherheit gibt einem dafür den musikalischen Rahmen, das Auftreten wird aber ebenfalls mit zunehmender Praxis steuerbarer. Ein bisschen wie Schauspieler, die auch jeden Abend in Rollen schlüpfen, ohne dass man ihnen deshalb vorhält, sie seien "nicht authentisch" oder son Käse.


    Insgesamt ist also ne gute Performance ein hartes Stück Arbeit und Erfahrung, völlig unabhängig von Genre (na gut, Punk kam immer ohne solche Dinge aus), Cover oder eigenes Material, und auch Amateure und Profis unterscheiden sich nicht voneinander. Mein Vorsatz für die Bühne war immer, die beste Performance abzuliefern, die ich abliefern kann, und die Maßstäbe waren immer professionelle. Publikumsresonanz wie "nicht schlecht für ne Amateurband" wäre für mich eher ne Beleidigung als ein Kompliment.


    Aussagen wie die eingangs zitierte drücken für mich in erster Linie folgendes Selbstverständnis aus: "Wir sind scheiße, haben aber keinen Bock, was dagegen zu tun."

    Das ist nicht verboten, da wir glücklicherweise in einem halbwegs freien Land leben. Aber ich persönlich habe auf solche Bands keinen Bock, weder als Mitspieler noch als Publikum. Es gibt viele legitime Gründe, weshalb bei Hobbymusikern nicht jeder Gedanke ums optimale Ergebnis kreist. Die einen priorisieren vielleicht das freundschaftliche Erleben über musikalischer Qualität, andere wollen nach Feierabend gemütlich bei etwas Geklimper entspannen, statt auch in der Freizeit im Leistungs-Hamsterrad zu rennen. Auch da unterscheiden Coverbands sich nicht von komponierenden Kapellen. Außer vielleicht, dass das Schreiben von Songs per se mehr Eigeninitiative voraussetzt als das Nachspielen.


    Bis in die 90er gab es in meiner Heimatstadt drei wirklich etablierte Musikkneipen mit wöchentlichen Konzerten, in denen lokale Bands spielen konnten, eine davon hatte sogar regelmäßig bekannte nationale und internationale Künstler zu Gast. Wir jungen Musiker spielten gegen einen bescheidenen Eintritt, gaben den Wirten die damals gängigen 20% ab, und die Läden waren immer gut besucht. Regionale Bands spielten ihre eigene Musik und nur ganz selten Cover, und alle hatten Spaß. Wenn wir nicht grad selbst spielten, saßen wir in den Konzerten anderer Bands, und den Stars konnten wir aus 3 Metern Entfernung auf die Finger schauen. Die Zeit möchte ich auch nicht missen, aber so isses halt nimmer.


    Und jetzt bin ich wieder bei der Eingangsthese. Wenn dieser Mangel an Auftrittsmöglichkeiten dazu führt, dass Qualität sich durchsetzt, man manchen Wirten dafür aber sanft klarmachen muss, dass es gute Leistung nicht zum Nulltarif geben kann, bin ich zu 100% dabei. Ambitionierte Bands sollten das bestenfalls gaaaaanz am Anfang tolerieren und schnellstmöglich abstellen.

    Veranstalter, die es als gutes Konzept sehen, zum Nulltarif gegen Getränkemarkerl und belegte Semmeln weniger guten Bands ne Auftrittsmöglichkeit zu geben, wären dann sogar ne coole Sache, um wenigstens einen kleinen Chancenausgleich zu schaffen. Vermutlich käme man sich da noch nicht einmal ins Gehege.


    Also Leute, übt, werdet besser, und verlangt faier Gagen!!! ;)

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