Gigs, Gage, Hut

  • Alter Thread, aber die Fakten werden immer blöder:

    1. Im letzten Jahrtausend sagte ein Restaurant-Besitzer: Bands haben doch Dienstags eh keine richtigen Gigs, dann können sie statt Probe auch bei mir gegen 500 DM plus lecker Essen und Getränk spielen. Hat geklappt: Nette Werbung, guter Umsatz; tolles Publikum (auch für Nicht-Mainstream), wertschätzende Ab-Moderation. Ok, die 500 DM, später 250 EUR wurden nie an die umsatzsteigernde Inflation angepasst, aber immerhin lässt der Wirt seit wenigen Jahren zusätzlich den Hut rundgehen. 250 EUR fest plus etwa 250 EUR Hut sind für uns dort typisch.
    2. Benachbarte Lokale führten dann auch Live-Musik ein, aber bei denen gibt es nur den Hut und Verpflegung.
    3. Mittlerweile gibt es Läden, bei denen die Musiker zum Hutgig nicht mal ein vernünftiges Essen, sondern nur abgezählte Getränke bekommen.
    4. Der letzte Schrei ist, dass die Band für Werbung und Publikum zu sorgen hat. („Ihr müsst Werbung machen und Leute mitbringen!”.) Nein, ich bringe meine Frau und meine Freunde nicht mit, damit sie was in den Hut werfen und den Umsatz für den Wirt steigern.

    Ich habe schon immer gegen Hut-Gigs gestimmt, mich aber der Mehrheit gebeugt. Letzteres stelle ich jetzt ein.


    Es ist ja zu verstehen, dass Wirte Kosten haben und ihr Risiko minimieren wollen, aber:

    • Wenn ein Laden nicht sicherstellen kann, dass die Band Getränk und eine Kostenpauschale (z.B. 250 EUR) bekommt, dann soll er halt kein Konzert machen. Ein bisschen unternehmerisches Risiko gehört zu jeder Unternehmung. Wenn eine Konzert-Location auf risikofreie Hut-Gigs angewiesen ist, dann sind deren Konzerte nicht überlebensfähig und sie sollte das sein lassen. Klar gibt es dann weniger Konzerte, aber dafür sind die Verbleibenden besser besucht und die Musiker sind keine 100% Almosen-Empfänger.
    • Wenn eine Band von solchen Hut-Gigs abhängig ist, dann sollte sie halt nur auf privaten Partys spielen; kommerziell ist sie nicht überlebensfähig. Auch ein Profi wird merken, dass er u.U. Geld drauf legt und seine Zeit besser anders nutzt, als sich hier zu entwerten.

    Das ganz große Problem ist für mich: Veranstalter, die bisher halbwegs fair bezahlt haben, kommen sich jetzt veräppelt vor. „Beim X spielt Ihr doch auch für den Hut.” Wir liefern mit Hut-Gigs den guten Wirten die Motivation zur Gagen-Senkung. Zudem sind viele Wirte faul geworden: Null Risiko für den Wirt heißt auch, dass er sich zurücklehnen kann: Die Band trägt das Risiko und wird daher schon selber Werbung machen. (Dabei könnte ein Wirt seine Gäste ja z.T. besser erreichen/ansprechen, als die Band.)


    Vielleicht wäre es an der Zeit, dass Musizierende sich wieder sozialisieren und Mindestbedingungen schaffen, unter denen man einfach nicht spielt. Ob das 200 EUR fest („Fahrtkostenpauschale”) plus Verpflegung plus Hut sind oder sonst was, sei dahingestellt.


    Ich denke manchmal dran, wie solidarisch Tanzbands in den 1980ern waren: Da gab es quasi eine Mindestgage pro Kopf und es galt als unehrenhaft, diese zu unterbieten; das gab Ärger. Ok, die war wegen einer anderen Angebot-Bedarf-Ratio recht hoch; man muss realistisch bleiben.


    Es lassen sich m. E. Mindest-Konditionen finden, mit denen solide arbeitende (rechnende) kleine Locations auch leben können. Ich fände das mit allen Nachteilen (ein paar lausige Veranstaltungen weniger) und Vorteilen (engagiertere Wirte, Fairness) wünschenswert.


    M.

  • Die Problematik ist hinlänglich bekannt: deswegen ist seinerzeit auch in den USA die Musiker Gewerkschaft AFM gegründet worden. Aber auch diese gewerkschaftliche Bündelung hat wieder ihre Nachteile gezeigt, so dass nach und nach deren Einfluss - natürlich auch wegen anderer Faktoren - auch wieder zurückgegangen ist.

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