Zwei offene Kopfhörer im Vergleich (Audeze MM-100 vs. Beyerdynamic DT1990 PRO MkII)

  • Ich will heute einen persönlichen Kopfhörer-Vergleich mit euch teilen, der aus dem kurzen Besuch bei Thomann während unseres Urlaubs folgte. Ein Wort vorab: wie auch schon bei früheren Tests (MD 421 Kompakt u.a.) gebe ich lediglich meine persönlichen Eindrücke wieder, und zwar völlig unabhängig von der jeweiligen Herstellern. Ich bekomme kein Geld für den Test und stehe mit den Herstellern in keinerlei Verbindung.


    Zum Test standen mir zwei offene Kopfhörer aus der preislichen Mittelklasse zur Verfügung, die ich in der Vorrunde bei Thomann an der Kopfhörerwand als Kandidaten für einen ausführlichen Test „entdeckt“ hatte: zum einen der Beyerdynamic DT1990 PRO MkII (momentan EUR 539,-) , zum anderen der Audeze MM-100 (EUR 419,-) . Ersterer ist ein normaler dynamischer Kopfhörer, allerdings in der MkII-Version mit „Tesla-Treibern“ – was immer diese Marketing Bezeichnung bedeuten mag. Im Vergleich zu Vorversion wurden die übermäßigen Höhen gezügelt, damit das Teil auch für Mischung und Mastering taugt. Dazu später mehr. Der Audeze dagegen ist ein sogenannter Magnetostat: bei diesem Konstruktionsprinzip arbeitet keine Membran mit Tauchspule im Innern, sondern auf eine dünne Kunststoffmembran ist eine mäanderförmige Leiterbahn aufgeklebt. Die Folie mit der Leiterbahn ist dabei dann praktisch die Schwingspule, die von starken Permanentmagneten umgeben ist. Die ganze Folie wird dann angetrieben, wenn ein Strom durch die aufgebrachte Leiterbahn fließt. Soviel zu den grundsätzlichen konstruktiven Unterschieden…


    (die Testkandidaten in der Mitte - links mein AKG K271 MkII, rechts mein uralter DT990 von 1992)


    Beide Hörer sind sehr massiv und gut verarbeitet – Metall an fast allen wichtigen Stellen. Man merkt den beiden Teilen schon beim ersten Anfassen an, dass es keine Einsteigermodelle sind. Es gibt allerdings Unterschiede bei einigen Details, die ich wichtig finde: so hat der Audeze ein geflochtenes Kabel mit 6,3 mm Klinkenstecker auf der einen Seite und einem 3,5 mm Klinkenstecker auf der anderen Seite. Diesen Miniklinkenstecker kann man dann in die rechte oder linke Buchse in den Hörmuscheln stecken – er versorgt dann beide Kapseln über eine Verbindung über den Kopfbügel. Die freie Wahl der Seite, auf der das Kabel zugeführt wird, finde ich super – aber jeder, der schonmal 3,5 mm Klinkenstecker benutzt hat, weiß, dass diese Steckverbindung nicht besonders haltbar ist und irgendwann zu Wacklern neigt. Vor allem dann, wenn seitliche Kräfte auf den Stecker wirken, ist diese Gefahr groß. Und an einem Kabel des Kopfhörers wirken fast immer seitliche Kräfte – es ist daher für mich fraglich, ob diese Lösung auf Dauer halten wird.




    Beim Beyerdynamic ist das professioneller gelöst – dort wird an der linken Kapsel ein Mini-XLR-Stecker eingesteckt, der verriegelt und gegen mechanische Kräfte geschützt ist. Zum Lieferumfang gehören hier zwei Kabel – ein gewendeltes 5 m langes und ein glattes 3 m langes – beide mit 3,5 mm Klinkenstecker mit aufschraubbarem Adapter auf 6,3 mm. Das ist in meinen Augen eine sehr viel professionellere Lösung als bei dem Audeze Hörer… Auch die sonstige Ausstattung ist bei Beyerdynamic lückenlos: es gibt ein Case zum Transport des Hörers mitsamt dem Zubehör. Letzteres sind die zwei verschiedenen Kabel, und vor allem ein zweiter Satz Ohrpolster. Diese sind aber nicht einfach nur Ersatzteile, sondern beide beiligende Sets haben einen unterschiedlichen Klang: Ein Satz ist weitgehend linear zum Mischen und Mastern, der andere Satz bewirkt eine Bassbetonung und wird zum „Producing“ empfohlen. Tatsächlich hört man einen Unterschied zwischen den beiden Polstersets – ich habe nach einem kurzen Test die M-M Pads montiert, weil ich den Kopfhörer für das Mischen verwenden will und keine Bassbetonung haben möchte. Trotzdem eine sinnvolle und einfache Erweiterung der Abstimmung, die beim anderen Testkandidaten so nicht möglich ist, da dort die allerdings sehr angenehmen Kunstlederpolster fest montiert sind. Gelesen habe ich von verklebt – das ist in meinen Augen nicht so sinnvoll, weil man dann nicht selber wechseln kann, wenn die Polster irgendwann mal durch sind. Statt des Cases kommt der Audeze nur mit einem Stoffsäckchen und einem Kabeladapter von 6,3 mm auf 3,5 mm daher – dafür ist er aber auch 120,- weniger teuer als der Beyerdynamic.



    Im weiteren Sinne kommt von Beyerdynamic noch ein weiteres überaus sinnvolles „Zubehör“ kostenlos mit: es gibt ein VST3-Plugin namens Headphone Lab, dass für den DT1990 MkII eine Kompensation der Wiedergabe-Frequenzkurve auf neutral erlaubt. Dafür gibt man in dem Plugin die Serien-Nr. des eigenen Kopfhörers ein und damit wird die individuelle Meßkurve auf dem Werk abgerufen – getrennt für linke und rechte Kapsel. Schaltet man die Korrektur mit der Factory Calibration ein, erhält man einen linearen Klangverlauf – ein Feature, dass für das Mischen und Mastern wirklich extrem sinnvoll ist! Die Wirkung ist dann auch ähnlich postiv wie das Einmessen von Studiomonitoren – das Klangbild wird mit einem Knopfdruck auf einmal transparent und frei von gefühlten Kammfiltereffekten, die vorher in geringem Maß vorhanden sind. Mehr dazu noch bei der Beschreibung des Klangeindrucks…



    Für mich ist der Tragekomfort eines Kopfhörers ein entscheidendes Feature – ich mag einfach keine drückenden oder nicht passenden Teile auf meinem Kopf. Deshalb sortiere ich Hörer einfach aus, wenn ich nicht von Anfang an ein gutes Gefühl beim Tragen habe. So geht es mir bei Brillen und Schuhen auch – entweder sie passen, oder eben nicht. Im letzteren Fall kaufe ich sie nicht. Beide Hörer unterscheiden sich vom Tragegefühl: der Audeze sitzt schwer und sicher auf dem Kopf und fühlt sich angenehm an mit den kühlenden Ohrpolstern aus sehr weichem (Kunst?-) Leder. Das ist schon ein tolles Gefühl, dass ich als etwas angenehmer als die Velours-Polster des Beyerdynamic empfinde. Letzterer passt mir allerdings auch hervorragend und die Polster sowie alle anderen Teile sind austauschbar – ein nicht zu unterschätzender Vorteil, wenn nach Jahren der Benutzung die Verschleißteile durch sind. Beyerdynamic ist hier sehr nachhaltig und liefert selbst für meinen uralten DT990 von Anfang der 90er Jahre noch Ersatzteile (Polster und Schaumpads).


    Damit geht es jetzt vom konstruktiven und äußerlichen an die Beurteilung des Sounds – und eins muss jedem klar sein hier: dies ist eine sehr individuelle Sache, die bei jedem anders ausfallen kann. Sie ist abhängig von Hörgewohnheiten, der gehörten Musik, dem Anwendungsfall (reines Musikhören vs. Mischen/Mastern) und auch vom Zustand des eigenen Gehörs. Meines hat über die vielen Jahre leider einen Schaden mitbekommen aus der Zeit, wo ich noch ohne Gehörschutz gespielt habe – außerdem pflege ich einen permanenten Tinnitus mit einem Piepton bei ca. 8-9 kHz auf beiden Ohren. Kurz gesagt kommen mir etwas heller abgestimmte Hörer mit einem gesunden Höhenanteil entgegen – allerdings mag ich auch keine überbetonten und damit kreischenden Höhen. Im Bassbereich möchte ich bei einem Studio-Kopfhörer alles hören, was da ist, aber keine mulmende Überbetonung des Bassbereichs haben. Die Mitten dürfen für mich so linear wie möglich sein, um valide Entscheidungen zum EQing treffen zu können und auch die Mixverhältnisse z.B. Vocals zu Band richtig einzuschätzen –ich bin im Team Mitten Flat!


    Was ich auch bei diesem Test gelernt habe: der Klang von Kopfhörern hängt auch von dem Verstärker ab, der zum Anschluss genutzt wird. Ich war bisher davon ausgegangen, dass mein Focusrite Clarett 4Pre über zwei sehr potente Kopfhörerausgänge verfügt, aber ein Vergleich mit einem zum Test bestellten Topping L30 II Kopfhörerverstärker bestätigte mir, dass es immer noch besser geht. Der Topping klingt bei beiden Kopfhörern eindeutig besser – die Bassdarstellung ist straffer und die Transienten z.B. der Snare kommen besser durch. Das Klangbild wird bei beiden KH etwas klarer und „unangestrengter“. Hatte ich so nicht unbedingt erwartet. Falls jemand jetzt fragt: "Was ist ein Topping L30 II?" dann kann ich nur das sagen, was ich im Internet darüber gelernt habe. Es ist ein kleiner Kopfhörerverstärker einer chinesischen Firma, der als „Meßwertwunder“ gehandelt wird und für den Preis von 149,- wohl der „Bang for the Buck-Sieger“ sein soll. Ich kann das meßtechnisch nicht prüfen, aber er klingt sehr sauber, transparent und nebengeräuschfrei. Und besser die Kopfhörerausgänge meines Focusrite Clarett. Also bleibt er…



    Der Audeze hat einen für meine Ohren sehr warmen Klang, der aber auch ein bisschen zum Nuscheln neigt. Dieser Eindruck entsteht zum Beispiel dann, wenn man Referenzstücke hört, wo im Tiefmitten-Bereich sehr viel Input kommt (z.B. Peter Gabriels Mercy Street in der Orchesterversion von der New Blood). Dort klingt es zwar immer stimmig und rund, aber die tiefen Bläser vom gezupften Kontrabass und den tiefen Anteilen der Stimme zu trennen, gelingt hier nicht so leicht. Die Bässe kommen kräftig und dabei manchmal auch etwas verwaschen – nicht so trocken wie beim Beyerdynamic. Auf der anderen Seite ist dieses Klangbild jedoch sehr angenehm und ich kann mir gut vorstellen, mit dem Audeze stundenlang Musik zu hören (nicht: zu Mischen). Mit einer ganz leichten Anpassung des Frequenzgangs (etwas Tiefmitten bei 200-300 Hz raus, etwas Höhenshelving ab ca. 5000 Hz mit bis zu +4 dB bei 20kHz und einer leicht Absenkung des Bassbereichs klingt er sehr viel linearer und damit auch analytischer. Wer also in seinem Abhörweg einen permanenten EQ hat (vielleicht, weil die Boxen auch korrigiert werden), kann den Klang sehr einfach anpassen in Richtung „linear“. Für mich ist das allerdings nicht so leicht, denn meine Monitore sind intern auf den Raum eingemessen und den Summen-EQ in der DAW brauche ich für andere Zwecke. Mein Fazit zum Audeze MM-100: sehr guter Tragekomfort, ohne weiteres Feintuning etwas unausgeglichen im Klang, mechanisch etwas einfachere Lösung z.B. der Kabelanschlüsse, wenig Zubehör. Trotzdem ein toller Hörer, den ich sicher hier behalten würde, wenn Geld keine Rolle spielen würde.



    Der Beyerdynamic DT1990 PRO MkII ist ohne die Korrektur mit dem Headphone-Lab sehr höhenreich abgestimmt und man nimmt im Mittenbereich nicht ganz frei von Verfärbungen. Der Bassbereich ist transparent und knochentrocken – wenn im Stück Tiefbass ist, wird er auch abgebildet, wenn keiner da ist, dann klingt es eben auch flach! Für das Mischen ein sehr wichtiges Feature! Ohne die Korrektur und am Topping L30 (der in sich auch sehr transparent ist) klingt es fast ein wenig anstrengend auf Dauer – ich würde hiermit wahrscheinlich keine CD von vorne bis hinten zum Genießen hören wollen (wohlgemerkt ohne Korrektur). Zum analytischen Arbeiten beim Mischen ist er aber so aus der Box heraus hervorragend geeignet – die Auflösung ist sehr hoch und es fällt leicht, Unstimmigkeiten im Mix oder Störgeräusche zu erkennen. Die Breite der Abbildung ist höher als beim Audeze.



    Kommt die oben beschriebene Korrektur des Frequenzgangs durch das Headphone-Lab zum Einsatz, geht ein bisschen die Sonne auf: die Verfärbungen im Mittenbereich sind wie weggeblasen und die Höhen sind zwar deutlich, aber nicht mehr betont. Der Bassbereich wird etwas stärker, aber bleibt knochentrocken transparent. So ist dieser Kopfhörer für mich ein sehr gutes Tool zum Mischen und Mastern, weil man Fehler oder unausgewogenen Klang sofort hört und sehr gut korrigieren kann. Der Eindruck des Mixes vom Kopfhörer zu meinen KH150 deckt sich sofort – einzig die Lautstärke von Solostimmen im Mix stellt sich anders dar (im Kopfhörer richtig eingestellt sind sie auf den Boxen einen Tick zu leise). Dies ist aber meine ich ein normaler Effekt, der bei jedem Kopfhörer auftritt. Die Korrektur des Freqeunzgangs ist für mich ein Feature, dass ich sehr wertvoll finde und sicher sehr oft bei der Arbeit an Mixen nutzen werde. Der Beyerdynamic ist mit seiner hohen Auflösung nicht unbedingt ein Hörer zum Genusshören einer CD – allerdings macht das mit eingeschalteter Korrektur und einer leichten Höhenabsenkung (Shelve -3 dB bei 20kHz, Einsatz ab 5 kHz) auch sehr viel Freude! Man hört dann Dinge, die einem vorher noch nie aufgefallen sind in den Aufnahmen…


    Mein Fazit: der Beyerdynamic bleibt, zusammen mit dem Topping L30 MkII Headphoneamp. Der Audeze geht zurück, weil er nicht ganz so gut mein Anforderungsprofil erfüllt hat wie der Beyer. Der MM-100 ist aber keinesfalls ein schlechter Kopfhörer – ich kann den jedem auch nur zum Test empfehlen. Bei meiner Entscheidung hat neben dem Klang und Tragekomfort (hohe Gewichtung) auch das Zubehör eine Rolle gespielt, dass beim Beyer komplett ist. Weiterhin war die Nachhaltigkeit (Ersatzteilversorung aus Deutschland und Austauschbarkeit aller Verschleißteile) ein wichtiger Punkt.

  • Wundervoll differenziertes Review! Vielen Dank Oliver. :thumbup: :thumbup: :thumbup:

    Zitat

    Was ich auch bei diesem Test gelernt habe: der Klang von Kopfhörern hängt auch von dem Verstärker ab, der zum Anschluss genutzt wird.

    Hier nur ein banales "Ja". Mitunter gibt es dort gravierende bis massive Unterschiede.

  • Danke! Ich suche zwar keinen KH, aber Dein Bericht liest sich sehr interessant und ausgewogen. Danke!


    Mich würde noch interessieren, wo sie hergestellt werden.

    Rogers, Gretsch und Toontrack beherrschen mein Leben!

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