Hmm, da einleitend zu diesem Fred ein Zitat von mir stand, machte ich mir natürlich so meine Gedanken zu dieser Fragestellung. Ehrlich gesagt fällt es mir schwer, zu definieren, was genau für mich einen guten Song ausmacht. Wenn ich das genau wüsste, würde ich wahrscheinlich mehr Zeit mit Songwriting verbringen und nicht ständig Songs anderer Menschen mit meinem Krach untermalen.
Deutlich leichter fällt mir hingegen die Einschätzung, weshalb ein Song in meinen Augen nicht gut geschrieben ist, also weshalb ich häufig bei Bands von eher schwachen Songwriting-Skills spreche. Das erste Indiz für dieses Problem ist bei mir meist schon das bloße Nachdenken darüber. Bei gut komponierter Musik genieße ich nämlich und gebe mich den Emotionen hin, da bleibt wenig Raum für analytische Gedanken.
Hier ein paar Faktoren bzw. Eindrücke, die mich regelmäßig abtörnen:
- es fehlen den Songs gute Melodien mit Mitsummqualität und dazu stimmige Texte. Gerade Amateure finden häufig nix anderes als auf- und wieder absteigende Pentatonik-Lines.
- als Grundlage dienen nicht selten griffige Riffs, um die herum dann irgendwelche Parts in immer wiederkehrender Abfolge gruppiert werden. Um einen Song zu tragen, muss ein Riff aber wirklich herausragend sein. (Beispiel: Back in Black)
- Es gibt keinen schlüssig durchkomponierten Aufbau mit Spannungsbogen, lediglich zueinander irgendwie passende sich wiederholende Teile, die ohne Übergänge wie Eisenbahnwagons eines Güterzuges aneinander gehängt werden
- häufig werden rhythmisch synkopierte Parts erfunden (einfach ist ja langweilig
), statt durch geschickte Kombination unterschiedlicher rhythmischer Phrasen und Ebenen setzen sich dann alle Instrumentalisten einfach drauf. Im Grunde spielen aber alle das gleiche, nur halt jede/r auf seinem Instrument. Komplett eindimensional und langweilig.
- es spielen IMMER alle, und immer ALLE gleich laut.
(Die Aufzählung ließe sich vermutlich noch erweitern)
Ob es nun die "klassische" Struktur aus Verse -Bridge - Chorus sein muss, dazu kann man unterschiedlich stehen, es gibt definitiv gerade aktuell Beispiele, die davon abweichen und trotzdem funktionieren. Auch sollte man nicht voraussetzen, dass jeder gut komponierte Song automatisch ein Mitsing-Hit wird, ebenso wenig wie jeder Hit zwingend kompositorisch gut sein muss. Spontan fallen mir da immer Grönemeiers "Mensch" oder Madonnas "Hung Up" ein, beides imho ziemlich schwache Lieder jener Künstler, aber mit der erforderlichen Marketingmaschinerie im Rücken doch ziemlich erfolgreich.
Und wie schon mehrfach gesagt, spielt das Genre eine große Rolle. Punk kommt aller Wahrscheinlichkeit mit deutlich weniger kompositorischer Tiefe aus als Songwriter-Pop, bei ausreichender Energie und Lautstärke hupfe ich dabei trotzdem begeistert rum. Beim Prog muss man vermutlich andere Kriterien anlegen als bei Jazz, der häufig kompositorisch banal ist (1 bis 2 eingängige Melodiebögen, dazwischen Rumgenudel in teils endlosen Solopassagen), aber von der oft spontanen Interaktion der Musiker lebt. Prog ist mir zu kompliziert, zu kopfig, zu wenig emotional, da bin ich von vornherein raus, deshalb erkenn ich die kompositorische Güte mit höchster Wahrscheinlichkeit gar nicht. Ja mei, und Metal ... da zählt sowieso glaub ich die Lebenseinstellung, nicht so sehr die Musik.
Ach ja, und wenn ich so drüber nachdenke, lebt ein guter Song doch auch wesentlich von ner überzeugenden Stimme bzw. der Persönlichkeit des Interpreten. Wenn ich mich als Sänger auf die Bühne stellen müsste, wär die Resonanz wohl überschaubar, selbst wenn Paul McCartney mir Songs auf den Leib geschrieben hätte.
Ergänzung:
der häufig kompositorisch banal ist
damit ist nicht gemeint, dass ein gutes Jazzthema mit häufig (deutlich) mehr und komplexeren Harmonien nicht auch einen hohen Anspruch hat. Aber die Form ist i.d.R. sehr absehbar und meist wenig originell.