Ich kann mir schon vorstellen, dass jemand, der nicht regelmäßig in der Big Band oder Jazz Ensemble spielt, sich dabei trotzdem "wohlfühlt" - vielleicht auch jemand, der sogar regelmäßig solche Sachen spielt, aber dennoch weit von Moe Jorello entfernt ist.
Oh, danke für die Blumen!
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So, jetzt habe ich mir doch schon alles angehört und viel hier gelesen und möchte einiges hier gerne beitragen. Es ist nicht einfach, alles in Worte zu fassen, denn es ist ja nun ein gaaaanz weites Feld, das wir hier betreten haben, aber ich hoffe, meine Audführungen sind irgendwie nachvollziehbar - wenn auch nicht der Weisheit letzter Schluss.
Erstmal Hut ab, dass sich so viele, die wohl bislang wenig mit Jazz vertraut sind, sich der Challenge gestellt haben. Als "Nicht-Jazzer" ein Jazz-Stück einspielen und hier präsentieren, das macht sicher nicht jeder mit, das erfordert gewissen Mut. Daher: Mein aufrichtiger Respekt an alle.
Was mir aufgefallen ist:
Fast alle probieren ein Swing-Pattern. Der ein oderer andere wandert in einen Backbeat-Modus. Niemand hat probiert, das Stück mit Bossa zu unterlegen, keiner versuchte sich darin, das Stück NUR mit Besen zu begleiten. Bedeutet: Alle haben relativ identische Vorstellungen, wie dazu gespielt werden "sollte". Das ist schon mal Spannend, denn jeder scheint also ein recht festes Bild von "Jazz" bereits vor Augen zu haben. Dass keiner es ausscließlich mit Besen probiert hat (es gab nur einen Teilansatz dazu) ist etwas schade, denn dieses Stück wäre dafür ein sehr guter Kandidat m.E. Ich hatte beim Anhören der Vorgabe übrigens sofort instinktiv zum Besen gegriffen.
Was noch aufgefallen ist - ja, das Timing hat hier und da bei dem einen oder anderen nicht ganz gepasst, aber das ist jetzt nicht soooo wicktig für mich. Wichtiger ist mir, dass die Leichtigkeit und Zurückhaltung teils fehlt. Einiges klingt - Pardon - etwas zu steif (Und damit meine ich nicht die Stickhaltung). Die Ursache dahinter vermute ich in : Es herrschte vielfach zu wenig Relaxtheit am Set, aber dafür war zu viel Konzentration auf "bloß alles richtig spielen" gelegt worden. Manche haben sich also wohl zu viel Stress gemacht. Wer gestresst spielt, verliert meist den leichten, sanften Flow, der gerade solchen Liedern wohltut.
Dann: Viel zu viele Noten, Leute. Die Kunst, weniger zu spielen, diese stärker zu beachten, das hätte dem einen oder anderen gut getan. Jazz, das bedeutet viel compen, viele Noten, tausend Ghostnotes, schnelle Swinpattern auf dem Ride, Hihat-gefrickel. Quatsch mit Soße! Gerade einem solchen Stück muss sich das Schlagzeug mächtig zurüchalten. Der Schlagzeuger ist nur dezente Begleitung (die Side-Percussion) für die beiden tragenden Instrumente, Sax+ Piano. Wenn das Schlagzeug dominant auffällt, sind es zu viele Noten. Un sehr oft wurde der Fokus von den Protagonisten weg zum Schalgzeug glenkt. Macht weniger, Leute. Hat Mut dazu. Gebt der Melodie Luft zum atmen. Lasst es einfach "schön klingen".
Und ... Dynamik - ein viel zu selten beachteter Part des Spiels. Welcher Teil wird lauter gespielt, wo hingegen leiser, welches Instrument, Snare, Bassdrum, Ride, Hihat, Tom, darf wie laut sein im Kontext, um das harmonische Miteinander aller Instrumente in der Band nicht zu stören und im richtigen Moment eine Akzentuierung zu schaffen und die anderen Musiker musikalsich emporzuheben? Man spielt für den Song - für nix anderes. Dessen "Gefühl" muss erfahren, verinnerlicht und harmonisch transportiert werden, zum Leben erweckt. Das ist etwas, woran man arbeiten kann, Erfahrung, Erfahrung, Erfahrung hilft. Stück für Stück. Und viel Jazz hören, in allen Varianten. Und im besten Fall: Disktuieren/beraten mit den Mitmusikern, Feilen, bis es passt.
mattmatt und hebbe haben ja schon einiges geschrieben, was ich so unterschreibe. Aber mal ganz grundsätzlich: Es gibt eigentlich keine Jazzer, Rocker, whatever. Nur Musiker. Das sind wir alle. Der Zufall hat es lediglich ergeben, dass der eine einfach mehr Jazz oder Pop oder Rock oder Metal spielt. Man ist also Musiker mit Schwerpunkt Jazz oder... Jede Stilistik hat natürlich ihre Besonderheiten und ich bin sicher, dass jede/r hier im Forum rein theoretisch genauso ein "Jazzer" sein kann, wie ein Punkdrummer. Es ist halt lediglich eine Frage, wie intensiv man sich mit der Materie beschäftigt, wie beflissen man lernt, experimentiert, weiter dazulernt und Erfahrung sammelt. Was in der Sozialisation prägenden Einfluss hatte macht den nächsten Schritt natürlich einfacher, weil bereits ein Grundverständnis für eine Stilistik da ist. Wer als Kind z.B. Elvis Presley mit der Muttermilch serviert bekommt, versteht eher worum es beim Rock&Roll geht, als jemand, der Vivaldi zu trinken bekam; der muss sich den Elvis eben noch zusätzlich erarbeiten.
Ich hoffe, ihr versteht, was ich meine. Versteift euch nicht zu sehr auf "der ist Jazzer", der das ist "Rocker", der da ist "Metaller". Ich spiele viel Jazz, habe auch sehr viel damit in all den Jahren auf der Bühne gestanden, an Jazzz-Workshops mit renommmierten Jazz-Musikern teilgenommen. Dennoch sehe ich mich primär als Musiker, denn auch im Bereich Blues, Soul, Pop, Funk, Rock und Latin fühle ich mich musikalisch wohl und spiele diese Stile regelmäßig. Ich habe das alles und noch viel mehr als Kind/Teenager regelrecht aufgesogen und davon langfristig profitiert. Und daher sehe ich auch vieles nicht in solchen "Grenzen", sondern denke da oft Genreübergreifend. Wenn Herbie Hanckock Pop Songs verjazzt, und dazu Pop-Musiker wie Pink und Enrique Iglesias dazustellt, warum nicht? Entdecke die Möglichkeiten - nutze die Möglichkeiten.
Was ist Jazz?
Alles ist Jazz. Nichts ist Jazz.
Jazz ist sehr viel Swing. Ja. Aber irre viel Jazz gibt es eben auch mit ganz anderen Rhythmen, auch der 4/4 Backbeat kann da vorkommen.
Jazz ist vor allem eins: Vielseitig.
Und was aus dem immensen Werkzeugkasten der Rhythmen und Spielarten passt, und das oft innerhalb eines Stückes in sehr variierender Form, das diktiert letztlich die Kompostion, dessen Melodie, die Sprache des Stückes also und dann auch was die Musiker in der jeweiligen Konstellation draus machen wollen. Eine Funk-Jazz-Interpretation erfordert eher eine andere Spielweise, Dynamik, Phrasierung als eine Big-Band- als eine Bossa-Interpretation. Ein Trio wird ein Stück gänzlich anders interpretieren und arrangieren, als eine Big-Band oder 10-köpfige Latin-Jazz-Combo.
Lasst die Schubladen mal lieber weg. Denkt weit, entdeckt die Möglichkeiten. Und lasst euch nicht entmutigen, wenn etwas nicht gleich "perfekt" für euch klingt. Erfahrung,, v.a. auch durch das Mitspielen mit anderen, ist das A und O und bringt ans Ziel. Jeder kann jazzen. Ob das aber jeder will, bleibt jedem selbst überlassen. Und ich finde es toll, wenn sich jeder an Jazz versucht - oder Reggae oder was weiß ich was. Hauptsache wir lernen dazu und werden dadurch insgesamt sicherer, relaxter, vielseitiger und damit: interessanter.