Im Video finde ich z.B. das Sustain des 3. Toms zu lang. Das mag zwar realistisch sein für eine offene und nicht all zu exakte Stimmung, aber ist das erstrebenswert?
Die Bibliotheken der Softwares enthalten die rohen Aufnahmen aus professionellen Studios. Damit kann man dann genau wie bei eigenen Aufnahmen eines richtigen Schlagzeugs machen, was man möchte. Das geht mit den gleichen Tools in der DAW oder in der Software selbst. Das Ergebnis ist dann Geschmackssache. Der Einsatz von z.B. Superior Drummer für E-Drums ist ja eher eine Nische. Eigentlich wird das ja in allen möglichen Bereichen für Musik-Produktionen genutzt. Und da beklagt sich am Ende kaum jemand, dass ein echtes Schlagzeug ganz anders und viel besser geklungen hätte.
Ganz realistisch wäre auch, wenn die Toms mit der Bassdrum mitbrummeln und Bassdrum und Toms den Snare-Teppich zum Rascheln bringen. Da stellt sich mir aber auch die Frage: Will man das überhaupt?
Bei E-Drums ist das in der Regel implementiert und man kann einfach selbst entscheiden, ob oder wie sehr der Teppich rascheln soll.
Mischt man im großen Stil mikrofonierte Akustikdrums auf moderne Weise, sieht man i.d.R. zu z.B. den Bleed auf den Tom-Mikros zu zügeln - wenn nicht gespielt.
Bei E-Drum-Modulen ist es in der Regel genau umgekehrt: Da liegen alle Signale vollkommen getrennt vor und man erzeugt den Bleed künstlich, um den "Kleber" zu haben, der es realistischer klingen lässt.
Akustikdrums klingen aus Drummersicht anders als aus Zuhörersicht. Mit der üblichen Mikrofonierung in einem Rohmix dann schon mal ganz anders und modern abgemischt dann noch mal ganz anders (übrigens "besser", als ein nicht mikrofoniertes Schlagzeug jemals klingen kann).
Ja genau. Und dazu kommt eben auch noch der Geschmack. Realismus beim Klang würde ich so definieren, dass man bei einer Blindverkostung nicht unterscheiden kann, ob es von einem Akustikschlagzeug oder aus dem Rechner kommt. Bei stark manipulierten Mixen ist es sicher leichter, mit Software Drums das gleiche Ergebnis zu erreichen.
Ich verstehe aber nicht, warum man mit Elektronik unbedingt etwas imitieren will.
Weil das Instrument Schlagzeug, so schön es auch ist, einige gravierende Nachteile hat. In den 80ern sind E-Schlagzeuge als eigenständige Instrumente an den Start gegangen. Was anderes war auch gar nicht möglich. Mit besserer Technik wurde es dann herangezogen, um ein normales Schlagzeug dort zu ersetzen, wo dessen Schwächen nicht tolerierbar sind. Da geht man natürlich immer Kompromisse ein und man muss abwägen, wo das sinnvoll ist. Mir zeigt das Video, dass die Kompromisse kleiner werden und es technisch mittlerweile tatsächlich möglich ist, mit so einer Kiste sehr nah an ein richtiges Schlagzeug ranzukommen. Wenn man bedenkt,
Dass ein guter Drums-Sound so mit das Aufwändigste und Komplizierteste ist, dürfte ja bekannt sein.
dann ist das doch umso beeindruckender. Es gibt ja einige Baustellen: Klang, Spielgefühl, Optik, ...
Es geht ja jetzt nicht darum, richtige Schlagzeuge in allen Bereichen zu ersetzen. Aber man kann schon anerkennen, dass so ein Elektrokasten nicht nur für das Kinderzimmer eine sehr gute Alternative sein kann. Wenn man sich mal darauf einlässt, kann es richtig Spaß machen.
Und wenn ich ganz ehrlich bin: Bei dem, was ich und viele andere Feld-, Wald- und Wiesentrommler regelmäßig auf die Bühnen bringen, wäre nicht das Software-E-Drum der limitierende Faktor.
Abgesehen davon, dass ich die ganzen künstlerisch wertvollen Ausdrucksmöglichkeiten auf meinem Ride live nicht nutze, würde sie in meinem Bandalltag auch niemand bemerken, geschweige denn zu würdigen wissen.