Ich produziere ja selbst auch und schreibe ab und zu Rechnungen für Produktion - primär für Mixing und Mastering. Das mach ich komplett ITB, alles andere kann ich mir z.Z. nicht leisten.
Das Thema Analog vs. Digital ist meiner Meinung nach sehr komplex - insbesondere wenn man noch die "künstlerische Qualität" der verschiedenen Zeitepochen mit in die Debatte wirft.
Ich verfolge selbst eher einen old school Ansatz bei der Nachbearbeitung. Verzichte z.B. fast vollständig auf Effekte, die nur auf Plugin-Ebene existieren können - z.B. Multiband-Kompression (klingt m.E. sowieso besch...eiden), dynamische EQs, Transienten-Designer u.ä. ... und dass ich kein Freund von Aligning von Schlagzeugspuren bin, wissen einige hier ja bereits.
Ich bin vielmehr ein Freund von "echten Aufnahmen", wo nichts aus der Konserve kommt bzw. programmiert wird und die ohne Timingkorrekturen und Einsatz von Tonhöhenkorrektur auskommen. Diesen Ansatz verfolge ich auch als Schlagzeuger (ein gutes Timing ist das A und O).
Und ich höre auch gern ältere Musik, die noch analog produziert wurde. Es gibt auch wenige Beispiele für Alben nach der Jahrtausendwende, die ganz bewusst komplett analog bis zur Schallplatte produziert wurden. Das "Stadium Arcadium"-Doppelalbum der Red Hot Chili Peppers ist so ein Album. Die Band wollte, dass es komplett analog aufgenommen und abgemischt wird. Leider wurde das Digitalmaster, das natürlich zigfach populärer als das Vinylmaster ist, im Zuge des Lautheitskriegs entsprechend malträtiert.
ABER das Thema ist aus meiner Sicht dennoch nicht ganz so einfach. Analog ist eben nicht gleich besser. Die Digitaltechnik macht vieles einfacher und kann vieles sogar besser. Dass wegen der Einfachheit, Kostengünstigkeit und Schnelligkeit der Digitaltechnik eben auch sehr viel mehr Müll als früher produziert wird - dafür kann die Digitaltechnik aber nichts! Es ist wie mit allen anderen technischen Errungenschaften auch - es kommt einfach darauf an, wer das wie zu welchem Zweck benutzt.
Fakt ist, dass rein digitale Aufnahmen sehr steril klingen und immer von etwas Sättigung (und z.T. sogar Rauschen) profitieren. Fakt ist auch, dass viele klassische Kompressoren und EQs wirklich gut klingen und Charakter haben. Daher sind Plugins, die analoge Effekte simulieren, auch sehr populär. Ich arbeite fast ausschließlich mit solchen Plugins. Und ich benutze auch sehr gern bestimmte Bandmaschinen aus der m.E. sehr gut klingenden IK Multimedia Tape Machine Collection. Hier kann ich den Hype um Bandmaschinen schon verstehen - denn fast alles, was ich da (im "richtigen" Maß) durchjage, klingt am Ende besser. Dabei nutze ich meistens zwei Stufen - ein Multitrack-Band an verschiedenen Stellen im Mix (aber nicht für alles) und ein Master-Band am Ende meiner Mastering-Kette.
Kürzlich hatte ich irgendwo einen Bericht gelesen, dass viele Produzenten, die primär ITB arbeiten, erfolgreicher sind als jene, die vor allem noch analog arbeiten.
Denn wie bei vielen anderen Dingen auch ist eben vor allem das ausschlaggebend, was man mit den Werkzeugen so macht und weniger, welche Werkzeuge man benutzt. Natürlich macht sich auch die Qualität und "Eignung" der Werkzeuge bemerkbar - z.B. welche Mikrofone man für welchen Zweck benutzt. Es gibt aber eine Schwelle, ab der das Equipment m.E. sehr zweitrangig wird und nur noch Quäntchen ausmacht. Damit diese Quäntchen überhaupt hörbar werden, müssen erstmal viele andere Dinge (nahezu) perfekt aufeinander abgestimmt sein.
Und darüber, dass der überwiegende Großteil der Konsumenten solche Quäntchen sowieso nicht wahrnimmt, braucht man auch nicht zu streiten.