Hallo zusammen,
eine spannende Diskussion hier! Ich lese jetzt schon eine Weile mit, weil die Frage nach Authentizität vs. Faken im Jazz eigentlich einen Punkt trifft, mit dem wir alle früher oder später konfrontiert werden, egal auf welchem Level wir uns bewegen.
Ich beschäftige mich seit vielen Jahren intensiv mit Jazz und Transkriptionen und ich glaube, das Problem liegt oft genau an der Stelle, die Moe Jorello und Mattmatt schon angesprochen haben: Jazz ist eine eigene Sprache, wie jede andere Musikrichtung für sich auch. Wenn wir eine Sprache anwenden, die wir nicht gut kennen, deren Vokabeln, Grammatik, Hörgewohnheiten und authentische Aussprache fehlen, wird es schwer, sich in dieser Sprache gekonnt auszudrücken und mit anderen zu kommunizieren. Genau diese Unsicherheit beschreibt Lexikon75 ja sehr ehrlich.
Im Rock/Pop ist die Herangehensweise an die Musik eine andere als im Jazz: Aufgabe, Sound, Touch, Patternaufbau, vieles ist anders. Im Jazz sind wir auch nicht selten mehr Gesprächspartner als Patterngeber. Die Unsicherheit bei Jazzneulingen entsteht oft, weil man versucht, ein statisches Pattern (man ist es so eben gewohnt) über ein in sich bewegendes musikalisches Konstrukt zu legen. Aber selbst hier wird es schon schwierig, denn auch ein Swing Pattern kann statisch sein, im Sinne von, es wird wiederholt und wiederholt und wiederholt. Viele Jazzdrummer waren sich nicht zu schade, Taktelang nur dies zu spielen, ohne Variationen und ohne Comping. Die eigentlichen Entscheidungen eines Jazzdrummers liegen daher oft gar nicht in dem Pattern selbst, sondern im Timing, in der Platzierung der Schläge und darin, ob und wie er auf die anderen Musiker reagiert.
Wie Moe schon schrieb: „Too many notes.“ Viele sind der Auffassung, dass Jazz "busy" sein muss, aber genau das ist falsch, es gibt so viele gute Beispiele dafür, dass es das nicht sein muss! Man merkt beim Hören vieler Aufnahmen schnell, wie viel Raum Jazzdrummer oftmals lassen.
trommla hat recht: Interaktion lernt man eigentlich nur im Zusammenspiel mit echten Musikerinnen und Musikern. Gleichzeitig kann und muss man sich das Vokabular natürlich auch erarbeiten. Wenn Dinge technisch selbstverständlich sind, hat man beim Spielen mehr Rechenleistung um Zuhören und reagiern.
Faken ist somit überhaupt nicht negativ, sondern eigentlich nur der erste Schritt zum Lernen. Die meisten von uns haben irgendwann mal angefangen, Jazz nachzumachen, selbst die wenigsten bekannten jungen Jazzdrummer sind nur mit Jazz musikalisch sozialisiert worden.
Respekt an alle, die sich bei der Challenge aus der Deckung gewagt haben! Das war mutig!
Und mir ist ganz wichtig zu sagen: Jazz ist kein exklusiver Club, sondern sollte viel mehr Menschen wieder zugänglich gemacht werden!