Was mir aufgefallen ist, ist dass ich immer wieder Youtuber sehe, die am Pad irrsinnig große und vermutlich schwere Sticks verwenden.
Warum macht man das? Training der Finger? Ist es nicht besser, mit den Sticks zu üben, mit denen ich dann auch spiele?
Um das Thema ranken sich viele Mythen und viele Vorstellungen bis hin zu der Annahme, dass es sinnvoll wäre, mit Gewichten an den Handgelenken zu üben, damit man ein besserer Drummer wird, daher an dieser Stelle vielleicht mal etwas ausführlicher:
I. Der Gedanke, mit schwereren Sticks zu üben, um dann am Set mit leichteren Sticks schneller und ausdauernder spielen zu können, ist zwar naheliegend, aber zu kurz gedacht:
1. Sicherlich kann man mit dicken Sticks Kraft und Ausdauer und Elastizität der Muskeln, Sehnen und Bänder stärken.
Das Ganze funktioniert aber sinnvollerweise nur dann, wenn ich dann auch tatsächlich das gleiche Trainingsprogramm absolviere, wie mit anderen Sticks.
Beispiel: wenn ich mit normalen Sticks eine bestimmte Übung 30 Minuten mache, mit den dicken Sticks, allerdings – weil sie ja so schwer sind – nur 15 Minuten hinbekomme, ist der Trainingseffekt physiologisch gewissermaßen aufgehoben. Ich hab schlichtweg keinen nennenswerten Zugewinn.
Das gleiche gilt für GeschwindigkeitsÜbungen: wenn ich die Geschwindigkeit von Paradiddles üben will, muss ich halt diese Geschwindigkeit auch üben. Es macht es wenig Sinn, das Geschwindigkeits-Level deshalb drosseln zu müssen, weil es ja schließlich dicke Sticks sind.
2. Drummen ist in erster Linie nicht eine Frage von Kraft und Ausdauer, sondern ein komplexes Bewegungsmuster. Hier spielen neuronale Verknüpfungen und sogenanntes muscle memory eine größere Rolle als die reine Muskelkraft.
A. Dicke und schwere Sticks haben nun ein anderes "Verhaltensmuster", als dünne und leichte Sticks, bsp. ist der Rebound anders.
Dies liegt - neben dem absoluten Gewicht an sich - an der oftmals unterschiedlichen Taper-Form: Die Kopflastigigkeit entscheidet stark über das Rebound-Verhalten und die Anforderungen an den Spielstil.
Dabei geht es nicht um besser oder schlechter. Der eine spielt halt lieber in die Trommel hinein, der andere spielt lieber auf der Trommel beziehungsweise aus ihr heraus.
Es macht nun keinen Sinn, mit einem schweren Stick ein Bewegungverhalten einzuüben, was dem Bewegungsmuster mit einem dünneren Stick vollkommen widerspricht.
(Dabei kommt es hier eben noch nicht einmal auf die Schwere des Sticks an: Genauso wenig Sinn würde es machen, ständig mit einem Kopflastigen Stick zu üben, um dann am Set mit einem Stick mit langem Taper zu spielen: die Bewegungsmuster sind halt unterschiedlich, weil das Verhalten des Sticks unterschiedlich ist)
B. Auch bin ich gezwungen, bei dicken Sticks in der Regel mehr mit der Hand beziehungsweise dem Handgelenk zu arbeiten, als bei dünnen, bei denen vieles mit FingerArbeit erledigt werden kann.
C. Im übrigen sind schwerere Sticks meistens auch deutlich länger als deutlich dünnere Sticks. Die Länge des Sticks ändert aber sein Bewegungverhalten ebenfalls extrem.
Fazit: Ich übe insgesamt konkret einen Bewegungsablauf ein, den ich so mit dünnen Sticks gar nicht benötige und den, den ich benötige, übe ich nicht. Das macht wenig Sinn.
3. Diese Problematik - und die nur eingeschränkte Übertragbarkeit vom üben mit dicken Sticks auf das Drum Set - wird meistens nicht gesehen, weil das Spielen mit dicken Sticks ursprünglich ja aus der CorpsMasters Szene in den USA stammt.
Diese Leute spielen nun aus unterschiedlichen Gründen sehr dicke Sticks, teils aus Lautstärkegründen, teils auch aus optischen Gründen. Sie können sich diese Sticks ja aber auch leisten, weil ihre Trommeln mit ihren starken Kevlarfellen Rebound-technisch hochgestimmt sind, bis der Arzt kommt, und sie im Regelfall die Trommeln direkt immer in der Position Null haben. Das lässt sich auf das DrumsSet alles nur begrenzt übertragen.
Man achte nur auf die Hand-Technik der Drum-Corps- Spieler: während bei DrumSet-Spielern häufig empfohlen wird, zwischen Zeigefinger und Daumen ein "Gap" zu lassen beziehungsweise das als Symptom zu nehmen, ob der Stick auch locker sitzt (was auch so nicht richtig ist) haben die DrumCorpsSpieler zumeist den Stick ganz flach in der Hand und arbeiten extrem viel mit Rebound in Verbindung mit Mikrobewegungen der Finger und der Hand (ähnlich wie der Italiener Merlini mit seiner – ich nenne das mal – "Zitter Technik"), was man sich bei den Trommeln eben halt auch entsprechend leisten kann, was aber eben für das allgemeine DrumSet nicht funktioniert.
Auch hier zeigt sich ja im Übrigen deutlich: auch diese DrumCorpsSpieler üben mit den Sticks, die sie dann auch an ihren Trommeln verwenden: Warum sollte die gleiche Technik bei Drum Set Spielern nicht auch angewandt werden?
4. Im übrigen ist das üben mit dicken Sticks am Practice Pad ohnehin ja schon nur eingeschränkt nutzbar für das Spiel am ganzen Set:
Am Practice Pad/Snare befinden wir uns gewissermaßen in der Pole Position, in der idealen Position. Sobald ich auf Toms, HH oder Ride gehe, ändert sich aber meine Position und damit auch die Anforderungen an meine Technik. Das will geübt sein, weshalb ja gerade bei Anfängern häufig das Symptom zu beobachten ist, dass Dinge, die auf dem Practice Pad oder Snare durch klappen, nicht auf das Set verteilt werden können, weil der Bewegungsablauf dort gewissermaßen "einfriert".
Hinsichtlich dieses Phänomens ist üben mit dicken Sticks dann eher kontraproduktiv: denn auch wenn ich mit dicken Sticks am Practice Pad gerade noch so hinkomme, kann es durchaus sein, dass diese Sticks für das Spiel am Set dann einfach zu schwer sind, weil bsp. allein schon die Fliehkräfte auf das Handgelenk bei Bewegungen über das gesamte Set (beispielsweise bei schnellen Wechsel zwischen Toms) einfach zu stark sind.
II. Ähnliches wird man im übrigen zu anderen ÜbungsMethoden sagen müssen, beispielsweise bei dem oftmals empfohlenen Üben auf Kissen beziehungsweise Pads ohne nennenswerten Rebound:
Ja, ich kann so meine Muskeln, Bänder und sehnen trainieren: insbesondere, was Single Strokes angeht, sind diese Übung Methoden wirkliche Powereinheiten. Und wenn ich dann ans Set gehe, ist der erste Moment verblüffend, weil alles so leicht erscheint. Der Eindruck täuscht aber:
Der Rebound eines Pads, Snare, Toms oder Ride ist nun mal eine physikalische Tatsache, die es in den Bewegungsablauf einzubinden ist. Ich muss lernen, den Rebound zu kontrollieren.
Der Rebound ist ja für sich betrachtet weder gut noch schlecht:
Einerseits bringt er den Stick vom Fell weg und gib mir die Möglichkeit, einen zweiten Schlag zu machen, ohne den Stick vorher anheben zu müssen - was gut ist, zumal die Aufwärtsbewegung des Sticks mittels Rebound in jedem Fall immer schneller ist, als das aktive Heben mit Arm oder Hand.
Auf der anderen Seite ist es halt eine Bewegung vom Fell weg und ich will den Stick ja möglichst schnell wieder auf das Fell zurück bringen.
Mit anderen Worten: Rebound ist nur dann gut, wenn ich ihn kontrollieren kann und - gewissermaßen wie beim Judo – wieder in die entgegengesetzte Richtung lenken kann. Wenn ich nicht lerne und übe, den Rebound in meinen Bewegungsablauf einzubauen, weil der Untergrund, auf dem ich übe, überhaupt keinen Rebound hat, werde ich letztlich mit dieser Übungs-Praxis am Set scheitern.
III. Letztlich wird man daher zusammenfassend, 'm folgendes festhalten können:
Mit dicken Sticks zu üben, kann in Sachen Kraft und Ausdauer Definitiv Sinn machen: Der Nutzen ist aber begrenzt, da Schlagzeugspielen in erster Linie ein komplexer Bewegungsablauf ist und sich nicht auf das Bewegen von Gewichten beschränkt.
Wenn man aber die Bewegungsablauf gar nicht mehr groß üben muss, weil man den aus dem Effeff beherrscht, kann man natürlich beständig mit dickeren Sticks üben (Toni Royster Jr. beispielsweise übt ständig mit dicken Corpsmaster-Sticks, während sein Signature Stick, den er am Set nutzt, letztlich ein 5AB ist (ist übrigens ein grandios Stick).)
Sinn macht es daher sowieso nur, wenn man die gleichen Trainingseinheiten auch tatsächlich absolvieren kann, wie mit anderen Sticks. Das gilt sowohl für die zeitliche Länge der Übungen als auch für deren Qualität (insbesondere Geschwindigkeit). Wenn ich da Abstriche machen muss, nutzt mir das Üben mit dicken Sticks wenig bis nichts.
In jedem Fall sollte man drauf achten, dass die dickeren Sticks ungefähr dem gleichen Typus entsprechen, die man normalerweise am Set spielt. Es ist daher definitiv sinnvoller, sich zum üben einen Stick auszusuchen, der von der Konzeption ungefähr gleich ist als einfach nur beliebig einen dickeewn Stick zu nehmen.
Im übrigen gilt das, was mal ein Schlagzeuglehrer zu mir gesagt hat auf die Frage, welcher Stick am besten ist.
Er hatte geantwortet: "der Stick, mit dem du die letzten 2 Stunden gespielt hast".
In diesem Sinne kommt es nämlich dann auch häufig vor, das Drummer, die ständig mit dickeren Sticks üben, irgendwann auf den Gedanken kommen, auch mit den dickeren Sticks am Set zu spielen. Insbesondere dann, wenn Ausdauer und Kraft nicht mehr das Thema sind, sondern Finesse, ist es besser, hier auch wirklich mit dem Stick zu arbeiten, mit dem man dann am Ende auch spielen will.
In diesem Sinne .....