Nutzt ihr persönlich Schlagzeugnoten - Privat und/oder als Lehrer

  • Nicht mehr.
    Als ich Unterricht gab, war es natürlich einfacher den Stoff so für Schüler festzuhalten als extra Aufnahmen zu machen, auch wenn die Schüler zweiteres wesentlich besser fanden.


    Als ich mir in kürzester Zeit 50 Songs für eine neue Band draufschaffen musste, fand ich das tatsächlich wesentlich einfacher es durch stumpfe Wiederholung und Anhören des Materials als durch das durcharbeiten von Notenblättern.

    50 Songs draufschaffen: Ja (stumpfes Anhören), ist meiner Meinung nach der bessere Weg. ABER: Wenn Du keine amtlichen Aufnahmen hast...dann heißt es schnell..."Ain't Nobody...kennt man...achso aber wir spielen Den zwischenteil doppelt und mit einem Taktwechsel und das Ende wie bei der Liveaufnahme aus 2013 in Oberpfaffenhofen" und das dann bei jedem 3. Stück artähnlich...schönes Leben noch ;)

    "If you don't have ability you wind up playing in a rock band" (Buddy Rich)

  • Jedenfalls finde ich es gut wenn jemand nach Noten spielen kann, allerdings bedenklich, wenn man nur! nach Noten spielen kann. Musik ist für mich hören, fühlen, reagieren.

    Sehr guter Punkt! Ich hatte mal eine Schülerin übernommen, die nur vom Blatt und gar nicht frei spielen konnte. Das konnte ich ihr dann auch teilweise abgewöhnen.

    Wer nur vom Blatt und gar nicht frei spielen kann, hat m.E. nicht gelernt mit dem Instrument zu "sprechen". Noten sind ein Hilfsmittel, nicht mehr und nicht weniger. Das steht so auch in "Modern Drumming":




    Wobei ich großen Respekt vor Musikern habe, die stabil vom Blatt spielen können, ohne sich das Blatt vorher genau angeschaut zu haben. Diese Fähigkeit muss man Jahrelang üben. Ich persönlich hatte dafür bisher keine Nerven. Brauche es aber auch nicht, weil ich kein Orchestermusiker bin.

    Sogar Jeff Porcaro hat über sich selbst gesagt "I'm not a good reader".


    Um Sachen zu analysieren und zu lernen bzw. mich vorzubereiten mach ich mir meistens anderweitig Notizen. Für Youtube-Covers nutze ich bspw. die Marker/Notiz-Funktion der DAW. Ich gehe dabei so weit, dass ich mit dem Analyzer z.B. Tom-Läufe hinsichtlich der Grundtöne analysiere, um rauszufinden wann welches Tom gespielt wird und wie ich das am besten auf mein Set übertragen kann.


    So eine Detailarbeit mach ich bei Vorbereitungen für Cover-Gigs natürlich nicht. Da mach ich mir anderweitig Notizen in Tabellenform. Tippe ich am PC ein und druck's dann aus. Ich suche aber immer noch nach einer Möglichkeit, Ergänzungen in Notenform einfach integrieren zu können. Hinweise zu Grooves und wichtigen Fills lassen sich eben doch besser in Notenform aufschreiben. Allerdings sehe ich meine Notizen dabei auch nur als Brücke. Das eigentliche Ziel ist dabei für mich, die Sachen durchs genaue Analysieren und Aufschreiben schneller auswendig zu können und die Notizen auf dem Gig dann nur noch als Backup dabei zu haben, ohne daran zu kleben.

  • Der Vergleich von Noten mit Schriftsprache / Text hinkt meiner Meinung nach übrigens gewaltig. Schriftsprache ist eine eigenständige Kommunikationsform. Liest man ein Buch, braucht man es nicht laut vorzulesen, um die Information aufzunehmen, zu verstehen und zu verarbeiten. Text hat nicht zum Ziel, vorgetragen zu werden.


    Bei Noten sieht das etwas anders aus. Noten verstehen nur Musiker und nicht mal alle Musiker können gut Noten lesen.

    Die Zuhörer hören nur das Gespielte, aber sehen die Noten nicht. Die verstehen sie sowieso nicht.


    Musikmachen kann man auch ohne Noten. Aber Noten allein sind nicht viel Wert, wenn niemand sie spielt.

    Noten garantieren auch keine gute Performance, die die Zuhörer anspricht.

  • Im Unterricht arbeite ich quasi immer auch mit Noten. Ich denke, es ist von großem Vorteil, wenn man lesen, schreiben und hören kann.
    Die Synergien, die sich daraus ergeben, funktionieren in alle Richtungen.

    Kann ich lesen, kann ich mir Inhalte schneller herleiten und ohne Stress erarbeiten.
    Kann ich schreiben, kann ich mir Notizen machen und Inhalte festhalten.
    Wenn beides läuft, kann ich durch Zuhören Rhythmen visualisieren und schneller verstehen was abgeht.


    Insofern würde ich natürlich nie stumpf einfach nur ablesen lassen, sondern im Dreieck üben:
    Bisschen blattlesen, bisschen selber aufschreiben und z.B. in Form von Rhythmusdiktaten oder Beispielgrooves rausschreiben von Material.

    Schreiben auch immer erstmal händisch, nicht über eine Software die einem das Denken abnimmt. Sich selber zu überprüfen, ob man alle Symbole verstanden hat (grade am Anfang sind z.B. Pausenzeichen oft unklar) oder Rhythmen aufgehen) ist finde ich immens wichtig beim Verstehen von dem, was man am Ende spielen will.


    Auf der Bühne kommt es auf den Kontext an:
    - in der Bigband steht außer Frage, dass ich nach Noten spiele. Das geht nicht ohne (jeden Song by heart zu kennen wie in Whiplash ist eher die Ausnahme und nur bei einfachen Stücken möglich oder bei denen, die man schon seit Jahren im Repertoire hat). Noten hier definitiv analog!
    - in der Coverband, wo ggf. mal 3-4 Stunden netto ohne Probe gespielt werden, sind es zu 99% Leadsheets (Ablauf, Cues) übers Tablet, ggf. mit skizzierten Grooves oder Fills

    - Bands mit selbst geschriebener Musik begleite ich blind, da ich die Tracks in der Regel selber geschrieben habe und hier mehr Übezeit reingeflossen ist

  • Natürlich habe ich öfter versucht, in die Geheimnisse dieser eigenartigen Punkte auf den Linien einzudringen. Aber no way. Gar nicht. Never.

    Ich bin mittlerweile zu der Überzeugung gekommen, dass das eine fast schon körperliche Aversion gegen Noten ist. Dafür gibt es bestimmt auch einen fancy Namen :)

    Notdurft. ^^

  • Der Vergleich von Noten mit Schriftsprache / Text hinkt meiner Meinung nach übrigens gewaltig.

    Das sehe ich anders.

    Der Unterschied liegt darin, dass wir von kleinauf den ganzen Tag sprechen und idR als Kind bereits schreiben lernen (notierte Sprache) und das auch ständig nutzen. Unsere Fähigkeiten sind deshalb sehr viel grösser, als es bei Musik normalerweise der Fall ist.

    Zitat

    Liest man ein Buch, braucht man es nicht laut vorzulesen, um die Information aufzunehmen, zu verstehen und zu verarbeiten.

    Musikalisch sehr fähige Menschen können das. Beethoven wird diese Fähigkeit zB zugeschrieben.

    Der Durchschnittsmensch, ja nicht einmal die Mehrheit der Musizierenden, kann das nicht, das ist richtig. Weil unsere Fähigkeiten mittels Musik zu kommunizieren eben sehr viel geringer sind als es bei Sprache der Fall ist.

    Text hat häufig zum Ziel, vorgetragen zu werden ZB bei vorbereiteten Reden oder auch Vorlesebüchern.


    Zitat

    Bei Noten sieht das etwas anders aus. Noten verstehen nur Musiker und nicht mal alle Musiker können gut Noten lesen.

    Die Zuhörer hören nur das Gespielte, aber sehen die Noten nicht. Die verstehen sie sowieso nicht.

    Text verstehen nur Menschen die lesen können, und das auch nur in einer Sprache die beherrscht wird. Analphabeten gibt es auch in Ländern mit hohem Bildungsniveau.

    Im Normalfall sieht man auch beim Hören von Sprache keinen Text.


    Zitat

    Musikmachen kann man auch ohne Noten.

    So wie man sprechen kann ohne Schrift zu beherrschen.


    Zitat

    Aber Noten allein sind nicht viel Wert, wenn niemand sie spielt.

    Das ist so, für die Mehrheit von uns. Und träfe mE auch für Sprache/Schrift zu, wenn unsere diesbezüglichen Fähigkeiten ebenso eingeschränkt wären wie bei Musik und ihrer Schrift, den Noten.


    Zitat

    Noten garantieren auch keine gute Performance, die die Zuhörer anspricht.

    Was bei Sprache auch so ist. Hört man bei Reden von Politikern 😀 und noch öfter wenn ungeübte Menschen zB Geschichten vorlesen.


    Ich finde, das ist ein interessantes Thema, nur etwas OT.

    Blaukraut bleibt Blaukraut & Brautkleid breibt Blaubtkreid

  • Musikalisch sehr fähige Menschen können das. Beethoven wird diese Fähigkeit zB zugeschrieben.

    Der Durchschnittsmensch, ja nicht einmal die Mehrheit der Musizierenden, kann das nicht, das ist richtig. Weil unsere Fähigkeiten mittels Musik zu kommunizieren eben sehr viel geringer sind als es bei Sprache der Fall ist.

    Sorry, aber ich finde diese Argumentation ziemlich gewagt. Beethoven war nicht nur ein Genie und Komponist, sondern wurde im Verlauf seines Lebens auch taub. Die Taubheit fing schon in seinen 20ern an und verschlimmerte sich dann kontinuierlich. Dieses Beispiel ist wohl eine Nadel in einem gewaltigen Heuhaufen. ;)


    Wahrscheinlich liegt die Wahrheit wie immer irgendwo in der Mitte. Ein Vergleich von Noten und Schriftsprache ist sicherlich naheliegend, aber verdeutlicht bei näherer Betrachtung eben auch die Unterschiede.


    Die Unterschiede liegen da auch durchaus in der Epoche bzw. dem Zeitalter und der Art der Musik. In klassischer Musik wird zunächst notiert bzw. komponiert und dann gespielt.

    Moderne Rockmusik bspw. entsteht dagegen häufig "spielerisch" im Proberaum und wird dann mittels Studio-Aufnahme in Stein gemeißelt. Dadurch ist ja auch erst das Phänomen entstanden, dass Lieder transkribiert werden. Weil es halt keine offizielle Notation vom Urheber gibt.

  • Guten Morgen,


    ich heiße zwar nicht Beethoven, kann aber beim Lesen der Schlagzeugpartitur mir durchaus vorstellen, wie das klingen könnte oder wird.

    Auch von moderner Rockmusik gibt es Noten, nämlich dann, wenn Leute das, was auf die Platte gemeißelt wurde, mühsam heraus hören und aufschreiben.

    Und an der Qualität dieser Transskriptionen sieht man schnell, dass es - wenn man etwas korrekt kopieren will - einfacher ist, die richtigen Noten zu haben im Gegensatz zum zeitaufwändigen Heraushören. Wenn es nur um "ungefähr" geht, ist das natürlich egal. Aber auch da ist Zettel aufs Pult und Herunterklöppeln schneller als erst mal fünf Minuten die Platte anhören, zumal man vielleicht nicht überall einen Platttenspieler dabei hat.


    Grüße

    Jürgen

    Kampf dem Analphabetismus!

  • Auch von moderner Rockmusik gibt es Noten, nämlich dann, wenn Leute das, was auf die Platte gemeißelt wurde, mühsam heraus hören und aufschreiben.

    Genau das habe ich doch geschrieben:


    Moderne Rockmusik bspw. entsteht dagegen häufig "spielerisch" im Proberaum und wird dann mittels Studio-Aufnahme in Stein gemeißelt. Dadurch ist ja auch erst das Phänomen entstanden, dass Lieder transkribiert werden. Weil es halt keine offizielle Notation vom Urheber gibt.


    Aber ist halt ein großer Unterschied, ob erst die Noten da sind (klassische, komponierte Orchestermusik) oder erst die Musik da ist und sich dann Leute hinsetzen und das Gehörte transkribieren. Solche Transkriptionen sind nach meiner Erfahrung auch häufig fehlerhaft, weshalb ich mir immer alles selbst rausgehört habe.


    Und Musiker, die nicht so viel mit Noten arbeiten, als Analphabeten zu bezeichnen, halte ich auch für gewagt. Was wären "Nichtmusiker" dann überhaupt? ;)

  • Sorry, aber ich finde diese Argumentation ziemlich gewagt. Beethoven war nicht nur ein Genie und Komponist, sondern wurde im Verlauf seines Lebens auch taub. Die Taubheit fing schon in seinen 20ern an und verschlimmerte sich dann kontinuierlich. Dieses Beispiel ist wohl eine Nadel in einem gewaltigen Heuhaufen. ;)

    Ich glaube nicht, dass seine Gehörlosigkeit bzw. Schwerhörigkeit die Vorraussetzung für seine Fähigkeiten war. Ohne die Fähigkeit musikalischen Text im "inneren Ohr" hören zu können wäre sein Werk kleiner gewesen.

    Ich behaupte, wenn wir Musik und ihre Schrift in gleichem Ausmass wie Sprache und die dazugehörige Schrift verwenden würden, wären diese Fähigkeiten sehr weit verbreitet. So wie eben bei Sprache und Schrift.

    Blaukraut bleibt Blaukraut & Brautkleid breibt Blaubtkreid

  • Ich glaube nicht, dass seine Gehörlosigkeit bzw. Schwerhörigkeit die Vorraussetzung für seine Fähigkeiten war. Ohne die Fähigkeit musikalischen Text im "inneren Ohr" hören zu können wäre sein Werk kleiner gewesen.

    Seine Taubheit hat aber definitiv dazu beigetragen, dass er die Musik ab einem gewissen Zeitpunkt lesen musste, um sie imaginär hören zu können.

    Seine Skills dafür waren sicher schon vorher da, klar. Diese Notenskills waren aber auch nur ein Hilfsmittel, um seine Musik zu Papier zu bringen.


    Ich behaupte, wenn wir Musik und ihre Schrift in gleichem Ausmass wie Sprache und die dazugehörige Schrift verwenden würden, wären diese Fähigkeiten sehr weit verbreitet. So wie eben bei Sprache und Schrift.

    Das ist aber nicht der Fall. Der Regelfall ist, dass ein kleiner Anteil der Bevölkerung "richtig" mit einem Instrument Musikmachen kann und dieser kleine Anteil dann dem Großteil der Bevölkerung was vorspielt. Durch Tonträger, moderne Musikproduktion, Radio und moderne Medien hat sich das ja auch noch mal erheblich verändert. Da muss man nicht mehr zu einem Konzert gehen, um Musik zu hören. Und dem Zuhörern ist sowohl beim Hören von Studio-Aufnahmen als auch Konzertbesuchen egal, ob und wie Noten beim Musizieren zum Einsatz kamen.


    Noten haben immer das Ziel, gespielt zu werden. Text hat nur selten das Ziel, gesprochen zu werden. Man kann ein Buch lesen und verstehen, ohne es laut lesen zu müssen.

  • Noch mal wegen den "Analphabeten" ... da könnte ich ja auch Leute, die fehlerhafte Transkriptionen von bekannten Liedern brauchen, um sie nachzuspielen, als "Hörbehindert" oder "Gehör-dumm" oder "Gehör-ungebildet" bezeichnen. :/

    Für mich bedeuten Noten oft unnötige Umwege. Ich kann mir dafür halt sehr schnell Dinge raushören und brauch mir nur das nötigste aufzuschreiben, um einen Fahrplan zu haben. Und ich hab auch schon ohne Noten bei Bigbands ausgeholfen.


    Werde aber auch weiterhin an meinen Notenskills arbeiten, nicht nur weil Noten zu seriösem Unterricht dazu gehören.

  • Ich denke das Sprache und Musik schon sehr ähnlich ticken, Sprache aber dennoch eine sehr viel höhere alltägliche Bedeutsamkeit hat. Spätestens da hängt das Bild dann etwas schief...


    Das Thema ist in der Tat super spannend, weil es auch weit über die nackte Fähigkeit Musik zu schreiben/lesen weit hinausgeht.


    Es gibt viele Drummer/Musiker deren rhythmische Ausdrucksweise auf klaren und damit auch niedergelegten Strukturen basiert.

    Ich denke auch das geschriebene Musik, eben auch anders gedacht ist als "einfach gemachte" und damit auch zu anderen Ergebnissen führt (nicht besser oder schlechter...anders). Wenn ich mir Jemanden wie Virgil Donati anhöre, hab ich nicht den Eindruck, dass der aus einem emotionalen Impuls metrisch moduliert oder polyrhythmische Strukturen einfach mal so aus dem Gefühl heraus spielt, sondern der sich das sehr strukturiert zurechtgelegt (um nicht zu sagen zurechtnotiert) hat.


    Hinzu kommt, dass auch viele Komponisten schon im Ausdruck was anderes sagen wollen wenn sie eine Viertelnote oder eine Achtelnote mit Achtelpause hinschreiben...denke Leute, die mit Zappa (denn dafür brauch es keinen alten Meister) Musik machen durften/mussten könnten davon ein paar schöne Geschichten erzählen.

    "If you don't have ability you wind up playing in a rock band" (Buddy Rich)

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