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  • »michagottfried« ist männlich
  • »michagottfried« ist der Autor dieses Themas

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1

Mittwoch, 27. März 2019, 17:47

Vollgas oder Zimmerlautstärke - Jeder Stil hat seine eigene Dynamik!

Seit über 30 Jahren spiele ich jetzt Schlagzeug. Und in diesen 30 Jahren war das Thema Lautstärke immer wieder Diskussionsgegenstand. Mit der Zeit habe ich gelernt, dass das wirklich eine Menge Facetten hat. Und habe auch sehr daran gearbeitet, in der Lage zu sein, für jede musikalische Situation eine sinnvolle Lautstärke und einen passenden Sound zu liefern. Das war ein langer Prozess, heute geht wirklich alles zwischen Zimmerlautstärke und Stadion-Wumms. An den Diskussionen hat sich aber nur zum Teil etwas geändert. Und jetzt mein Punkt: Ich meine, jede Musik, jede Stilistik, hat ihren eigenen Sound, verbunden mit ihrer ganz eigenen Lautstärke. Und das trifft in besonderem Maße auf das Schlagzeug zu, denn es ist das mit der, abgesehen von Blechblasinstrumenten, sicher höchsten potenziellen „Naturlautstärke“. Ein E-Gitarrist kann immer noch mit der selben Bewegung einem Metal-Sound erzeugen. Wir können das nicht. Es ist, so meine ich, das größte Missverständnis und auch der größte Knackpunkt in der ewigen Diskussion. Wenn wir Jazz, Bossa, Balladen spielen, dann verlangt die Musik nach einem sanften, weichen Touch. Das fällt dann unter Musikalität. Spielen wir Rock, verlangt das nach Wumms. Und genauso, wie Bill Stuart, Jeff Hammilton oder Bernard Purdie Meister des Leisen, Subtilen sind, weil sie ihre Stile verinnerlicht haben, so sind es Dave Grohl, Roger Taylor oder John Bonham am anderen Ende des Spektrums. Und niemand, aber auch wirklich NIEMAND würde letzteren sagen, sie mögen doch bitte heute mal ihre übliche Musik mit der selben Intensität spielen, aber bitte mit Besen. Genauso wenig, wie man den „Jazzern“ mal eben eine 24“ Bassdrum hinstellen würde. In der Liga der „Normalsterblichen“, fordert man das aber immer noch viel zu oft ein: Miniläden, die eigentlich keine Musik machen dürfen, buchen Rockbands und wundern sich, wenn die Musik laut wird. Auf Jazzsessions stehen die schlimmsten Rock’n’Roll Kits rum und man muss sich damit arrangieren. Man wünscht sich Vollgas-Musik auf Zimmerlautstärke. Ich meine: Hier braucht es mehr Verständnis und Respekt für das Instrument. Ich meine aber auch: Oft sind die Umstände so, wie sie sind. Ich habe über die Jahre eine Menge Techniken und auch ein bestimmtes Equipment entwickelt, um auch in schwierigen Situationen musikalisch etwas zu liefern, mit dem alle glücklich sind. Aber solche Prozesse beginnen beim Arrangement. Klar kann man Rocknummern so spielen, dass sie auch bei niedriger Lautstärke funktionieren. Aber das muss dann so geplant sein. Und klar kann Jazz auch rocken, selbe Sache. Ich wünsche uns, wenn es drauf ankommt, mehr Selbstbewusstsein, uns nicht aus den absurdesten Gründen als unmusikalische Krachmacher degradieren zu lassen. Und unserem Umfeld mehr Verständnis für den ziemlich speziellen Charakter unseres Instruments. Ich denke, dann haben alle etwas davon. Dem Publikum kann und muss es egal sein, die wollen nur schöne Musik hören. Mir ist das am Ende das Allerwichtigste. Egal ob Vollgas, oder Zimmerlautstärke.

Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »michagottfried« (27. März 2019, 17:59)


Rampen

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  • »Rampen« ist männlich

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2

Mittwoch, 27. März 2019, 18:25

In der Tat kann man sich bei manchen Locations fragen, ob es schlau vom Veranstalter ist, eine Rockband zu buchen. Andererseits liegt es finde ich schon auch in der Verantwortung der Band, einen Sound der zur Location passt zu liefern. Das ist für den Drummer natürlich am schwierigsten, aber ein dünner Beckensatz und zurückhaltendes Spiel (auch auf Kosten der Performance) ist halt manchmal unumgänglich. Denn in einer kleinen Location ist ein geprügeltes Schlagzeug mit daumendicken Crashbecken einfach *zu laut* und die Zuhörer werden berechtigterweise die Flucht ergreifen. Man sollte m.E. als Drummer auf solche Situationen vorbereitet sein.
Nix da.

seelanne

Alles, was Recht ist.

  • »seelanne« ist männlich

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3

Mittwoch, 27. März 2019, 19:19

Schönes Thema, mit dem wir uns wohl alle im Laufe unseres Lebens rumschlagen müssen.

Mein 5 Cent dazu:

1. Ein echtes Gespür für Lautstärke entwickelt man erst mit den Jahren bzw mit viel Erfahrung. Erst dann lernt man, die Musik als Ganzes, insbesondere eben als Gesamtsound zu verstehen und nicht nur auf seine Rolle als Drummer bzw. auf sein Instrument zu hören. Ich spiele heute viel kontrollierter als früher und achte darauf,meine Dynamikstufen sinnvoll und geschmackvoll einzusetzen.

2. Die meisten - zumeist jungen - Drummer sind tatsächlich zu laut. Meist liegt es an der mangelnden Technik, bestimmte Sachen auf allen Lautstärkestufen hinzubekommen. Hat auch viel mit der Tagesform zu tun. Wenn ich gut drauf bin, fit und auf der Höhe meines Könnens, spiele ich in der Regel leiser und dynamischer als wenn ich ungeübt, nicht eingespielt oder mich "kalt" ans Set setze.

3. Die meisten Rückmeldungen oder Beschwerden, dass man zu laut ist, kommen in der Regel von SängerInnen. "Mann/frau könne sich gar nicht hören". Ich habe die Erfahrung gemacht, dass in 80 % der Fälle der Grund ist, dass die Sänger nicht gut genug sind, um in einer Band zu singen, zu Hause oder unter der Dusche reichts, aber in der Band als Live-Musik dann nicht mehr. Die Gretchen-frage kann man dann ganz einfach dadurch lösen, dass man den Sängern anbietet, alles ganz leise zu spielen oder aber mit InEars. In fast allen Fällen der falschen Beschwerden kommt dann als Antwort, dass man mit inears nicht spielen wolle oder aber bei den nun leise gesungenen Stücken kommt heraus, dass die Sängerin trotzdem schräg bzw, "gelb" singt. Die Lautstärkenummer ist daher meist nur ein vorgeschobenes Argument, um eigen Unfähigkeit zu verbergen oder aber vor sich selbst schön zu reden.

Zwei kleine Ankedoten hierzu:

Eine SängerIn einer Formation beschwerte sich ständig, dass alles zu laut sei. Irgendwann habe ich 2 Stücke mit nem Handy aufgezeichnet. Ergebnis: Obwohl das Handy direkt hinter dem Drumset platziert, waren die Stimmen wunderbar zu hören. Als ich es der Sängerin bei nächster Beschwerde gezeigt habe, war sie beleidigt.

Eine Sängerin in einer anderen Formation beschwerte sich ebenfalls darüber, dass das Drumset immer so laut sei. Als wir dann mal im Studio waren, sollte der Tontechniker ein Urteil darüber abgeben, ob ich laut spielen würde (der Tontechniker war ein Bekannter von ihr): Als ich mich einspielte, fragte sie ihn. Sie erntete nur Kopfschütteln und die Gegenfrage, wieviele Drummer sie denn schon in ihrem Leben bei der Arbeit gesehen habe. Auch sie war anschließend etwas beleidigt.

Mein Fazit jedenfalls: je besser der oder die Sängerin, desto weniger Klagen hört man über Lautstärke.

3. Aber seien wir ehrlich:
Die meisten Proberäume und Auftrittsorte sind für ein A-Set einfach nicht geeignet, weder in Sachen Frequenz noch in Sachen Lautstärke, das Set ist dann - wir können machen was wir wollen - einfach zu laut. Oft helfen da einfach auch keine leichteren Sticks oder anderes. Ja, leichten Jazz mag man da oft noch spielen können, aber wenn man halt in einer Funk-Rock-Combo in einer 50 Leute fassenden 50qm- Kneipe spielen soll, geht es halt nicht. Wenn es so ist, mache ich mittlerweile kein Federlesen und stelle einfach mein E-drum auf. Bevor ich mit mit Tonnen an Gaffa, Moongel etx. einen halbwegs gedämpften aber unfassbaren scheissigen "Pök"-Sound zusammenwurstel, greife ich dann lieber auf das voll zu kontrollierende und in jeder Lautstärke voll präsente edrum zurück. ich hab letztens sogar in einem kleinen Laden damit ein Gig gespielt.
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trommla

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4

Mittwoch, 27. März 2019, 19:24

"Musik wird oft als Lärm empfunden, da sie mit Geräusch verbunden"
Ich stimme dir inhaltlich vollständig zu. Es gibt durchaus auch Ensembles, denen ich genau diesen Sachverhalt versucht habe zu veranschaulichen. Am Ende bleibt immer das Gefühl, dass wir Schlagzeuger aufgrund der (akustisch) zwingenden Grundlautstärke trotzdem nie aus dieser Zwickmühle raus kommen. Also was soll's bringen, sich zu echauffieren? Ich biete die Lautstärke an, die ich unter Würdigung ALLER Umstände für angemessen halte, wenn aber die "Entscheidungsträger" eine andere - meist leisere - Auslegung erwarten, dann ist das halt so. Einzelmeinungen von Gästen hingegen ignoriere ich geflissentlich, die können ja weiter hinter gehen, wenn es vorne zu laut ist.

Ich halte das ganze Thema aber für keinen Mangel an musikalischem Selbstbewusstsein, denn zum Selbstbewusstsein gehört eben auch, sich bewusst zu sein, dass man mit unserem vergleichsweise lauten und wenig melodiösen Instrument die meisten Ohrenpaare deutlich strapaziert. Wenn auf der Straße mit Presslufthammern gearbeitet wird, nervt mich das instinktiv, und zwar massiv, obwohl das Ergebnis der Bauarbeiten an sich was gutes sein mögen. Diese instinktive Ablehnung unserer Grundlautstärke muss ich jedem Nicht-Schlagzeuger einfach auch zunächst mal zustehen. Wie so oft im Leben sollte das Ziel sein, einen für alle Seiten vertretbaren Kompromiss zu suchen.

Genauso wenig, wie man den „Jazzern“ mal eben eine 24“ Bassdrum hinstellen würde.

Na, da hast du aber in Musikgeschichte nicht aufgepasst ;) Kleine Bass Drums kamen erst mit dem Bebop, bis dahin hatten Jazzer teils irrwitzig große Pauken vor sich stehen. Mussten ja ohne PA große Tanzsäle beschallen können. Und auch heute kann (und darf) man Jazz durchaus mit großer BD spielen, je nach Stilistik ist das sogar zielführender als ne 18er (ein Klischee halt...)

dideldidel

Mitglied

Registrierungsdatum: 23. September 2010

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5

Samstag, 30. März 2019, 05:36

Hey mg,kann ich nur bestätigen!Jeder Stil (aber auch Location ) hat seine Dynamik.Ich war 2017 für ein Rock project im Studio ,und eigentlich garnicht meine Genre ( Art zu spielen ).Nach ca 1 std. konnte ich meine Lite Maple Sticks nicht mehr halten und war kurz vor einem Krampf, aufgrund meiner harten Spielweise.Ich war selbst überrascht wie hart ich zur Sache ging,.Ich passte mich also der Musik an.Schwerere ,dickere Sticks ließen mich dann für eine weiter Std. durchhalten.Auch habe ich meine tollen und gut gestimmten Drums schon komplet mit Tüchern abgedeckt und hatte trotzdem Spass am gesamt Ergebniss.lg

Zunge

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  • »Zunge« ist männlich

Registrierungsdatum: 1. Februar 2008

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6

Samstag, 30. März 2019, 08:25

Wie riesig der dynamische Spielraum eines Schlagzeugers sein muss, der in vielen Stilen unterwegs ist, hat sich mir die letzten Jahre offenbart. Das obere Ende habe ich schon recht früh mit einer "Backbeat=Rimshot" Mentalität ausgefüllt.
Dass Rimshots mit verdammt viel Feingefühl und Zielgenauigkeit auch Dynamisch sein können, habe ich erst letztes Jahr realisiert und damit gut zu üben.

Als ich mich an Jazz rangewagt habe, war mir vor allem Weckl ein Vorbild. Dass er sich auf den großen Bühnen, auf denen er in der Regel spielt, von Dynamischen Grenzen unabhängig macht dämmerte mir damals nicht, und so habe ich mit dieser Lautstärkenmentalität die Jazzfiguren geübt.
Dass das offensichtlich zu kurz gedacht war, merkte ich, als ich mit einem unverstärkten Kontrabass und Piano auf der Bühne stand. Spätestens in dieser Situation merkt jeder Schlagzeuger, wie viel dynamischen Spielraum es tatsächlich gibt.

Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »Zunge« (30. März 2019, 08:34)


Two

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Registrierungsdatum: 28. August 2007

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7

Sonntag, 31. März 2019, 22:49

Die meisten Schlagzeuger können nicht leise spielen, weil sie das einfach nie üben. Das ist aber, genau wie für jede andere Technik, notwendig. Bei mir klappt das nach jahrelangem Üben und Praktizieren gut, dafür klinge ich aber scheisse, wenn ich laut spielen muss...