Nutzt ihr persönlich Schlagzeugnoten - Privat und/oder als Lehrer

  • Meinte auch nicht, das man in komplexen Situation zwingend alles aufschreiben muss...wenn Du aber komplexere Muster erarbeiten willst (also nicht schon Erarbeitetes runterspielst), brauchst Du ja einen Weg strukturiert zu überlegen, wie z.B. ein interessantes Grundgerüst aussehen könnte. Und da sage ich wenn's wirklich komplexer und nicht mehr intuitiv wird musste aufschreiben.


    Glaube nicht das Gavin Harrison einfach mal ein Buch Rhythmic Illusions so aus dem Bauch rausgehauen hat...da steckt Reflexion dahinter, die über "einfach (drauflos)spielen" weit raus geht. Nimm mal Black Page...das hat nicht einer runtergetrommelt und dann hinterher aufs Papier gebracht...(es sei denn bin der untalentierte Depp in der Klasse bin, der's nur noch nicht kapiert hat...kam durchaus vor ;)

    Auch da irrst du dich, denke ich. Zumindest kann man das nicht so pauschal sagen. Ich weiß das relativ sicher, weil ich mich darüber mit einem Kollegen (Schlagzeuglehrer aus Erfurt) unterhalten hatte. Der ist ein Fan von Jost Nickel und hat sich auch mal persönlich mit ihm über die Entstehung seiner Bücher unterhalten. Die Schwierigkeit bestand wohl darin, das alles fürs Buch so auszunotieren, dass es alle lesen und verstehen können. Die Noten kamen also erst zum Schluss und auch nur, um es für andere schriftlich festzuhalten.


    Und ich denke auch nicht, dass Gavin Harrison seine Ideen durch reines Ausnotieren erarbeitet hat, sondern eher durch kreatives Ausprobieren.

    Man muss nicht per se Noten aufschreiben, um was zu reflektieren und durchzudenken. Hier und da ist das sicher hilfreich, aber allgemein wäre das viel zu pauschal.


    Die Black Page wurde von Zappa als Komponist verfasst, damit es andere Schlagzeuger nachspielen.


    Wenn ich mir komplexe Sachen ausdenke und kreativ bin brauch ich auch keine Noten. Im Gegenteil, da würde es mich nur ausbremsen. Mir schwirren die Ideen auch völlig ohne Noten durch den Kopf und manches entsteht dann auch on the fly beim Improvisieren.


    Z.B. der Polyrhythmus (binär und ternär simultan) in dem 5/4 Takt (siehe Hörzone). Das ist mir auch einfach beim Freispielen und Probieren eingefallen. Dann einfach aufgenommen und fertig. Ich wüsste aktuell gar nicht, wie man so einen Polyrhythmus vernünftig in ein Notensystem kriegt. Das wäre in dem Fall Zeitverschwendung für mich gewesen.

  • Für mich gehören Papiernoten in jeden guten Unterricht, auf jedenfall (wie bereits schon gesagt worde "um Himmels willen" analog!)! ich erstelle eigene Notenarbeitsblätter, Transkriptionen usw. mit Finale, oder auch handschriftlich. So einen Generator würde ich auch deshalb nicht nutzen, da mir garantiert das Notenbild am Ende nicht gefallen würde ;) Da bin ich etwas picky...

    "Die Sprache ist natürlich im ersten Moment immer ein Hindernis für die Verständigung."



    Marcel Marceau (*1923), französischer Pantomime

  • Also ich hätte schon ein eigenes Gegenbeispiel, bei dem ich über die Noten gelernt habe:


    Bei gewissen vertrackten Polymetern in meinen Twisted-Shuffle-Videos habe ich mir den Verlauf durchaus zuerst ausnotiert,

    quasi rechnerisch, und so ausgecheckt, wo was wie landet. Danach gehts dann natürlich irgendwann schon wieder ohne

    Noten, es geht ins Gehör, und im Fall von polymetrischen Verschiebungen lernt man (oder ich zumindest), das Zeugs gleich-

    zeitig gegeneinander zu hören.


    So nebenbei versuche ich aktuell, Camille Bigeaults Buch durchzugehen, da beschäftigte ich mich diese Woche grad mit

    3er-Pattern (o..o.. etc.) gegen 5er-Pattern (o.o..o.o.. etc.) plus Fußostinato dazu. Hier fand oder finde ich den Weg über

    die Notation auch sehr angenehm :) . Das Ziel ist ganz eindeutig, es ohne Noten draufzuhaben und auch nicht "pattern-

    mäßig", sprich mit bestimmtem Anfang und Ende, sondern frei irgendwo starten und enden. Aber ohne Notation fände

    ich so was in der Draufschaff-Phase viel schwieriger oder strenger.

  • ...ja mein Punkt war auch, um bestimmtes Neuland zu betreten ist das (Rationalisieren) eben eine (neben auch anderen) Methoden, strukturelle Klarheit für sich zu erhalten. Es gibt tausende Beispiele, wo Leute falsch greifen zu spät/früh einsetzen oder irgend einen anderen "Mist" bauen und dann merken: Bombe ! Es gibt auch tausende Momente die ich erinnere wo ich denke Bombe!, schreibs nicht auf and gone with the wind...


    Die Welt technischer Innovationen ist voll von diesen Geschichten. Aber auch da sagste dann, irgendwann: Moment, was habe ich da jetzt eigentlich gemacht ? Was macht das eigentlich interessant...und dann wirste automatisch analytisch, ums zu übertragen auf anderes...es ist auch nicht nur das eine oder nur das andere...aber wenn Du nur das eine ODER das andere drauf hast, kannste die Platte eben nicht noch umdrehen und die B-Seite anhören.


    (Interessante Frage: Kennt einer eine LP-Vinylplatte mit nur einer A Seite ... hmm...egal ;)

    "If you don't have ability you wind up playing in a rock band" (Buddy Rich)

  • Möchte noch darauf hinweisen, dass meine Darstellung und Argumentation vielleicht etwas zu einseitig rüberkam. Allerdings wollte ich damit vor allem so einseitigen Darstellungen widersprechen, weil es eben viele Wege und Möglichkeiten gibt und jeder auch Vorlieben für die eigene Vorgehensweise entwickelt.


    Bei kreativen Schaffensprozessen ist die Idee, häufig verbunden mit einer Emotion, eigentlich immer zuerst da.

    Das dann für sich und die Nachwelt festzuhalten ist erst der nächste Schritt. Das muss nach meiner Erfahrung und meines Wissens auch nicht sofort passieren, denn bis etwas wirklich fertig ist, kann es dauern. Meistens ist das Gehirn und der "Flow" des Kreativen ja groß und "fit" genug, um den Erguss in seiner Entstehung weiter zu formen, noch bevor es final niedergeschrieben oder aufgenommen wird. Und genau das sind dann auch die beiden Möglichkeiten, um es festzuhalten.


    (Arbeits-)Aufnahmen oder Notationen können dann während des kreativen Prozesses behilflich sein, um das Ergebnis zu reflektieren und zu perfektionieren.

    Wie man das genau macht ist allerdings Geschmackssache, würde ich mal behaupten.


    Ganz anders sieht das aus, wenn man etwas nachspielt. Da haben Noten eine ganz andere Relevanz. Ähnlich auch, wenn man sich komplizierte Dinge auf dem Papier ausdenkt und man die Noten braucht, um sie zu verstehen. Ich würde aber mal behaupten, dass diese Herangehensweise nicht sehr verbreitet in kreativen Schaffensprozessen ist. Die Kunst ist ja letztendlich auch, das Instrument und die Performance nur als "Träger" einer Emotion zu nutzen.


    Wenn man sich eine Aufnahme anhören kann, kann man es mit entsprechender Gehörbildung aber auch ohne Noten nachspielen!


    Ich denke, dass sehr viel moderne Musik (abseits von klassischer Orchestermusik, die von Komponisten geschrieben wird) ohne Notationen entstanden ist. Arbeitsaufnahmen sind mögliche Zwischenschritte und die finale Studio-Aufnahme dann der Abschluss.

    Und allein die Möglichkeiten der Soundgestaltung sind heutzutage so mannigfaltig - das kann keiner auch nur ansatzweise in Notenform unterbringen. Weder wie jemand groovt und "klingt" noch wie er sein Set zusammenstellt, befellt, stimmt, mikrofoniert usw. - vom Mixdown mal ganz abgesehen.


    Gestern hatte ich wieder den Schüler im Unterricht, der wegen Lehrkräfte-Mangel z.Z. keinen Musikunterricht in der Schule hat.

    Mir ist im Gespräch mit dem Papa dazu eingefallen, dass im Musikunterricht in der Schule i.d.R. gar keine Schlagzeugnoten behandelt werden.

    Schlagzeugnoten sind gegenüber dem klassischen Tonsystem sowieso eine spezielle Randerscheinung und wie ich ja bereits schrieb, oft auch nicht einheitlich. Die Positionen und Symbole variieren da je nach Quelle / Autor durchaus immer mal wieder. Sind das dann unterschiedliche Dialekte oder Schriftsprachen? Wer weiß ... ich halte den Vergleich mit Sprache und Text jedenfalls nach wie vor für relativ weit hergeholt.

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