Deutsche, folkloristische Musik gesucht.

  • Liebes Forum,


    schon oft stellte sich mir die Frage, was eigentlich unsere musikalischen Wurzeln sind, da wohl fälschlicherweise angenommen wird, dass das volkstümliche Musik bzw. Volksmusik seien.
    Ich bin selbst in einer Generation aufgewachsen, in der Deutsche Musik kaum eine Rolle spielte (mal abgesehen von den eingängigen Kinderliedern).


    Natürlich kenne ich einige Volkslieder, doch gibt es auch noch Kapellen, die aktiv folkloristische Musik spielen?
    Wie sieht es mit den regionalen Besonderheiten aus?
    Was ist das typische Instrumentarium?


    Ich freue mich auf geballtes Fachwissen und eine Sammlung an Liedern, Ensembles oder geschichtlichen Fakten, die wir hier vielleicht gemeinsam zusammentragen können.


    Los gehts. (Hoffentlich...)


    Gruß
    Sven

    "If you don't feel it, don't play it." James Jamerson

  • Lustig, erst letzte Woche hab ich mir das in einer Bierlaune mit einem Freund überlegt. Wir sind drauf gekommen weil wir denken, daß man z.B. mit einer Zither, was glaube ich ein sehr deutsches/mitteleuropäisches Instrument ist, bestimmt supergeil abrocken kann wenn man das Teil elektrifiziert. Wir haben dann überlegt was denn typisch deutsche Musik abseits von Bach, Händel etc. ist. Leider sind wir auf nix gekommen.

    Wo Dummheit herrscht, ist das Selbstbewußtsein König.


    Mein Krempel

  • aus meinem germanistikstudium heraus würden mir die "carmina burana" bzw. der codex manesse jetzt einfach mal einfallen.
    das ist schon sehr frühzeitlich was notationen angeht, aber man entdeckt, wenn ich mich recht entsinne, über den versen eine gewisse punktion, die wohl notenlängen und höhen darstellen soll. -> Stichwort: Neumen
    soweit ich weiß, ist die forschung da aber noch nicht so weit gediegen...



    google sagt
    "Bei einem Teil der Lieder enthält der Codex Buranus auch Notierungen der Melodien, allerdings in Form von linienlosen Neumen, die den melodischen Verlauf nur ungefähr wiedergeben. Zu einem Teil der Lieder lassen sich allerdings auch durch Parallelüberlieferung in anderen Handschriften die originalen mittelalterlichen Melodien rekonstruieren."


    was mir grade noch an folkloristischen instrumenten einfällt wäre ein waschbrett und die teufelsgeige ;)



    edit für dab:
    es gibt folkloregruppen die probieren das ganze orginalgetreu darzubieten. falls du auf dem nächsten stadtfest in marburg sein solletst "wolfenmond" hieß die glaub ich, die machten richtig rambazamba mit diesen alten texten.
    das palästinalied und auch unter der linden sind relativ bekannt, findet man zumindest meist auch zum download ;)

  • Ich würd mich ma in der Mittelalter-Rock Richtung umgucken. Allerdings muss man da filtern, was wirklich authenitisch ist kann ich da leider nicht wirklich sagen. Aber die Band Corvus Corax hat ein Album namens "Cantus Buranus". Das ist ein Version der Carmina Burana mit mittelalterlichen Instrumenten, Orchester und nem großen Chor. Laut eigenen Angaben der Band (hab ich glaub ich bei Laut.de und auf der Homepage der Band gelesen) soll diese Version doch um ein vielfaches näher am Original liegen als die version von Carl Orff, der die Melodie dazu ja eher frei erfunden hat. Ich glaub diehaben sich da auch auf diese mittelalterliche Notation etc. bezogen. So Bands wie In Extremo oder Schandmaul würd ich dabei weitestgehend rauslassen, die sind eher auf modernen Rock mit mittelalterlichen Instrumenten aus. Ausser Corvus Corax würde mir spontan noch Saltatio Mortis einfallen.


    Edith will noch en bissl vom Instrumentarium reden:
    Also was eben diese Bands oft einsetzen sind Sackpfeiffen (Dudelsäcke ;) ), Schalmeyen, Trommeln in verschiedenen Größen, Laiern, Lauten, Fideln, In Extremo hat nen Klangbaum (an dessen Authentizität ich aber irgendwie net glauben will) und Corvus Corax haben so ne riesen Drehlaier gebaut, die es anscheinend wirklich gab. Ansonsten würd ich noch auf Flöten tippen. Becken waren aber relativ sicher nicht dabei.

    Einmal editiert, zuletzt von AsterX ()

  • Ja, es gibt noch aktive folkloristische Bands. Wobei sich auch hier, wie in anderen Genres auch etwas aufsplittet. Im wesentlichen gibt es


    a) die mittelalterliche Fraktion
    (mehr oder weniger ernst zu nehmen, mehr oder weniger starke Versatzelemente aus Rock und Metal)


    b) die "schottisch/englisch/keltisch/irisch" angehauchten, siehe oben


    c) die deutschsprachige Neofolk-Ecke (teilweise mit elektronischen/experimentellen Einflüssen), aber die haben Ihren Horizont auch inzwischen alle überschritten...

  • der beginn der aufgeschriebenen musik, war in der kirchenmusik. dort versuchte man neben dem gesang (z.b. 4st. organum) instrumente einzusetzen, dazu brauchte man dann sehr schnell anhaltspunkte-neumen und später dann kirchentonarten, dur und moll kamen erst viel später mit beethoven und kollegen. was du genau meinst mit unseren "ursprüngen" weiß ich trotzdem nich. um "alte" musik spielen zu können braucht man alte instrumente und vorallem ein anderes gehör. die haben damals meist quarten gesungen, dass klingt alles andere als schön für das heutige gehör. wir hatten aber schon so n ähnlichen fred über die geschichte der musik. so genug gelabert.
    post scriptum:die meiste musik, die unter volksmusik bekannt ist-märsche etc. stammen noch aus der zeit der weltkriege(pickelhaube und kleine österreicher).

    [url='http://www.drummerforum.de/forum/thread.php?postid=382638#post382638']Mein Saturn

  • eher aus der zeit VOR den weltkriegen, zumindest die wirklichen traditionsmärsche (hohen friedberger, königgrätzer, alter dessauer, preussens gloria, marsch fredericus rex, usw.)
    wobei man hier auch in österreichische und preussische unterscheiden muss, die österreicher schnörkeln allgemein mehr ;)
    (in diesem zusammenhang sind die unterschiedlichen formen den locke sicherlich auch interessant)

  • Kontemporär kenne ich mich als Neophobiker natürlich nicht aus. Ich schmeiß aber trotzdem einfach mal das griffige Schlagwort "Hannes Wader" in den virtuellen Raum. Neben seiner politischen Liedermachertätigkeit hat er in den 70ern einige "Volks"-Musik Platten rausgebracht und dabei ein beachtliches Feld von Norddeutscher Folklore über Shanties, Revolutionslieder aus der 1848er Zeit bis zu klassischen Arbeiterliedern des 20ten Jhdt. abgedeckt.
    Eine andere Sache aus der gleichen Zeit ist z.B. Witthüser & Westrupp, die zu Texten der deutschen Romantik von Novalis bis Heine ihre Songs geschrieben haben.


    Die Frage ist, wann wird ein Lied überhaupt zu einem Volksgut, bzw. zur Folklore? Ich gehe die Sache mal regional als Rheinländer an. Jedes Kind in der Köln-Bonner Bucht kennt das Krätzje* "En d‘r Kayjass Nummero Null". Geschrieben worden ist das 1938 und hat seitdem durch verschiedene Textänderungen einige Veränderungen auch im Sinn bekommen. Das Orginal wandte sich mit recht erkennbaren Spott gegen das Spitzeltum und die Denuntiantentum unter der Nazidiktatur. Damals hatte es also einen ganz klaren aktuellen Bezug, heutzutage ist es einfach in das traditionelle Volksgut eingegangen.
    Da muss man nicht bis ins Mittelalter zurückgehen um solche Übereignungen zu entdecken. Für mich, zumindest als Rheinländer, ist "En unsrem Veedel" von den Bläck Fööss ganz einfach auch mittlerweile ein Volkslied.


    *Krätzje: rheinisch für kleine Geschichte, Spottlied oder -gedicht.

    "Diese Tapete ist scheußlich, einer von uns beiden muß jetzt gehen."

    Einmal editiert, zuletzt von newbeat ()

  • Zitat

    Original von Hochi
    Man sollte vielleicht Volksmusik (Folklore) von volkstümlicher Musik unterscheiden... ;)


    Das ist ja klar, aber ist "volkstümliche Musik" nicht eigentlich ein Euphemismus für Schlagermusik aus der Fließbandproduktion mit "Heiler Welt Attitüde?"
    In diesen Sachen kann ich rein gar nix Traditionelles oder Volkstümliches finden.

    "Diese Tapete ist scheußlich, einer von uns beiden muß jetzt gehen."

  • Meiner Meinung nach gibt es in Deutschland, bzw in Mitteleuropa keine klassische "Volksmusik" im selben Sinne wie es in Irland oder Amerika beispielsweise "Folk" gibt. In Deutschland und Mitteleuropa hat sich über Jahrhunderte aus Kirchenmusik dann die sog. "Klassische Musik" entwickelt (siehe Bach, Beethoven, Mozart, Grieg um einige wenige zu nennen).
    Im Gegensatz dazu gab es in Amerika, abgesehen von größtenteils verloren gegangen Indianerkulturen, keine eigene Volksmusik. Der amerikanische Folk ist durch das zusammentreffen verschiedener europäischer Kulturen u.A. mit afrikanischen entstanden. Auf Grund der recht "jungen" besiedlung Amerikas ist diese Musikgattung auch noch relativ Jung.
    Evtl suchst du auch volklorisches Liedgut von beispielsweise vertriebenen Deutschen nach dem Krieg (Donauschwaben, etc...)
    Den klassischen "Folk" wie es ihn in Amerika oder auch Irland gibt wird man wohl in Deutschland nur schwerlich finden können.


    in halbwissendem Sinne
    Grüßle
    Martin

  • Natürlich gibt oder gab es Volksmusik auch in Deutschland und in Mitteleuropa sowieso. Auch hier wurde auf Hochzeiten getanzt, bei der Arbeit gesungen, bei Volksfesten gesoffen und gesungen. Grieg war übrigens Norweger, nix Mitteleuropa. Ich zitier hier mal ganz zwanglos wikipedia.


    Volksmusik bezeichnet zum einen die traditionelle, häufig schriftlos überlieferte Musik verschiedener Völker und Regionen. Sie ist für bestimmte Regionalkulturen charakteristisch oder wird dafür gehalten. Sie umfasst Volkslieder, instrumentale Stücke und Musik für Volkstanz ...
    Volksmusik hat ihren Ursprung in der Musizierpraxis der bäuerlich-dörflichen oder kleinstädtischen Gemeinschaften und hat sich angesichts der sozialen Barrieren auch in relativer Selbständigkeit entwickelt. So blieb sie ein unmittelbarer Spiegel der Lebensweise, eingebunden in die alltäglichen Lebensprozesse oder in die (rituellen) Feste des Dorflebens oder der kleinstädtischen Gesellschaft.
    Das Volkslied verdankt seinen NamenJohann Gottfried Herder (1744-1803), der 1773 vor dem Hintergrund eines sich zu dieser Zeit bereits entwickelnden Nationalbewusstseins erst schottische, dann deutsche Lieder als „Volkslieder“ bezeichnete. Der Begriff „Volkstanz“ stammt sogar erst aus dem 20. Jahrhundert als Abgrenzung zum „Gesellschaftstanz“ ...
    Die oft gehörte Annahme, Volksmusik sei die Musik einer Nation, eines Staatsvolkes, ist in dieser Ausschließlichkeit unhaltbar. Es gibt zahllose regionale Gemeinsamkeiten über Sprachgrenzen, Staatsgrenzen hinaus, wie unter vielen anderen das Beispiel Zwiefacher zeigt. Texte werden dabei übersetzt, Melodien weitergegeben...


    Ein paar links zur weniger gut dokumentierten Volksmusik im Norden Deutschlands.


    Gebrüder Wolf und das Tüdelband. Ein Muß für jeden Hamburger.


    Die Musikwerkstatt Rzeszut


    Wolfgang Meyering & Malbrook


    Zwei Tänze in Noten und mit midi-file. 1 und 2


    gruß rubber


    edit gibt snuten un poten zu Gehör und bittet die jiddische und die Musik der Zigeuner in Mitteleuropa nicht zu vergessen. Das Tüdelband gibt's auch noch.
    Deutsch-türkische Volksmusik? Track Nr.13!


    3 Mal editiert, zuletzt von rubberbeat ()

  • Walther von der Vogelweide, also Stichwort Minnesang. Wobei das ja weniger Musik im eigentlichen Sinne war, sondern eher eine instrumentale Untermalung des gesprochenen/gesungenen Textes. Also weniger, äh "liedhaft", wie auch immer man das jetzt erklären will.


    Wie früh soll es denn sein? Minnesang wär so 12./13. Jhd.
    Walther von der Vogelweide wär da schon so der Bekannteste. Dann gäbs noch Dietmar von Aist, Heinrich von Morungen und der Tannhäuser und natürlich noch viele andere....

  • volksmusik ist musik vom volk fürs volk durch das volk.
    sind wir ein volk?
    daher gibts auch keine volksmusik mehr.


    der letzte, von dem es mir bekannt ist, der seine musik offiziell als volksmusik bezeichnet hat, war rio reiser.
    und der ist auch tot.

    Satellite of Love

  • Zitat

    Original von Katana
    Walther von der Vogelweide, also Stichwort Minnesang. Wobei das ja weniger Musik im eigentlichen Sinne war, sondern eher eine instrumentale Untermalung des gesprochenen/gesungenen Textes. Also weniger, äh "liedhaft", wie auch immer man das jetzt erklären will.


    ....


    :D Naja, zu der Zeit hat man das wohl schon als Musik empfunden.


    Grober Ablauf einer Entwicklungsschiene des deutschen Volksliedes:


    Walther.v.d. Vogelweide -> Meistersinger (unter anderem die Erfinder
    der "Jazz-Standard-Form" AABA ) -> Männergesangsvereine -> Ballermann-Gilde


    seppel : Ab 1.00 Uhr haben Deine Beiträge immer so eine gewisse Schwermütigkeit. Liegts vielleicht am Getränk? Trink doch mal ein Pikkolöchen :D

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