Retro Sounds mit veralteter Aufnahmetechnik

  • Moin zusammen!


    Ich habe ein wenig mit über 40 Jahre altem Aufnahme-Equipment experimentiert.


    Bandgerät: Uher Report 4000 IC Mono-Ausführung ( „Halbspur“, Geschwindigkeit 19 cm/s, automatische Aussteuerung auf Level 1).

    Mikrofon: Uher M 537 mit der Einstellung S = Sprache) als Overhead mit einem Abstand von ca. 1 Meter zum Schlagzeug aufgebaut.


    Bei der Digitalisierung mit Audacity wurden die Bässe etwas angehoben und ein Raumklang („mittlerer Raum“) mit hinzugefügt.


    Für mich klingt es wirklich nach Aufnahmen aus den 50er Jahren. Was meint Ihr?


    Zum Hörbeispiel - Videodatei: Swingende-Grooves-17-10-2021 (1 Minute Spieldauer)


    Zur Website: Swingende Grooves – famous drum grooves (redaktioneller Kontext der Aufnahmen)


    Viele Grüße aus Kiel


    Christian

  • In der Tat ziemlich authentisch, find ich toll, gefällt mir 8) :thumbup:


    edith track 2 u. 3 kommt das Ride auch klasse

    ich höre immer du musst, du brauchst.....ist "modern", "out", "in", "trendy" und so....
    ich mach`s wie`s mir passt, schei.. auf die Säue, die laufend sinnbefreit durch
    die Dörfer getrieben werden.



  • Moin, Dank für die Rückmeldungen!


    Das Sizzle-Ride im Track 1 ist weiter am Rand gespielt. Track 2 und 3 näher an der Glocke und mit Sticks mit runden Köpfen. Wahrscheinlich kommt daher der Klangunterschied.


    Als nächstes probiere ich noch ein Electo-Voice RE 20 aus. Allerdings rieselt der mit Nikotin verseuchte Pop-Schutz so nach und nach raus. Das Ding lässt sich wohl leider nicht mehr ohne Schraubstock öffnen und der Staubsauger hat nur vorübergehend geholfen. :)


    Viele Grüße


    Christian

  • Für mich klingt es wirklich nach Aufnahmen aus den 50er Jahren. Was meint Ihr?

    Ja, der Sound ist ziemlich retro. Beim 12/8tel Blues hatte ich allerdings den Eindruck, dass ein Kompressor am Werk ist, weil das Ride nach einem Snareschlag immer etwas leiser wird. Vielleicht irre ich mich auch.

  • also es liegt ganz sicher nicht am Mikrofon. Das M537 kann schon was.
    Dein Pegel ist sehr gering, eventuell hast du durch das Filter am Mikro auch die Bässe und Höhen stark abgesenkt.
    Dann klingts halt nach 40er Jahre.
    Leider ist dein Beispiel nicht downloadbar, dann könnte man mehr sagen.
    Das Tonbandgerät kenne ich nicht und weiss auch nicht was für ein Band du genommen hast.
    Automatische Aussteuerung.. was soll das sein? Entweder Limiter oder präventive großzügige Pegelabsenkung?
    In die Zukunft hören geht ja nicht :-)


    Nette Seite btw.

    don´t panic

  • Ich glaube, der mir nicht aufgefallene Effekt im 12/8 Blues (Track 3) wird durch die automatische Aufnahme-Level Aussteuerung des Bandgerätes verursacht. Wie mc.mod anmerkt.


    Interessant! Man kann natürlich auch den Level manuell einstellen. Bei der Aufnahme habe ich gesehen, dass die Snare durchgehend in den roten Bereich der Aussteuerung gesprungen ist. Jedoch gab es kein hörbare Verzerrung. Bandgeräte sollen ja recht tolerant mit leichten Übersteuerungen umgehen.


    Ein Download der Datei müsste möglichst sein, wenn man auf den 2. Link zur Website geht und dort das Video anwählt.


    Das Band ist ein gebrauchtes BASF Band, welches zu meinem Erschrecken recht stark oxidiert ist. Werfe ich weg. Habe ich nach anschließender Reinigung der Tonköpfe festgestellt.


    Eine Welt für sich. Ach, 40er Sound ist auch ok. 😆 Aber verbessern möchte ich schon noch.


    Mir persönlich gefällt der Sound der Snare gut. So wie ich es mag.


    Dank für die Rückmeldungen!

  • Ich weiß ja nicht was du da wie aufgenommen hast.
    Das alte Band und die Tonköpfe sind mit Sicherheit zum größten Teil für den Sound verantwortlich.
    Hast du den Soundchip vom Rechner genommen ?
    Du hast da noch kräftig das Lowend angehoben und damit auch unerwünschtes zu Tage gefördert ;-)


    In die Bandsättigung darf man mit einem Tonband aber gehen, das gibt schöne harmonische Verzerrungen die meist dem Sound gut tun.


    Der Rest, das es bei 12kHz abfällt, ist einer verlusthaften Komprimierung und/oder dem eventuellen Onboardsoud geschuldet.
    Ohne dein Setup zu kennen ist es schwer alle Schuldigen zu ermitteln.

    Aber ich plädiere auf Freispruch für das Mikrofon, Verbannung für das Band und einer Kur für die Tonköpfe, incl. Reinigung, Entmagnetisierung und Justage.

    Den 40er Jahre Sound nehme ich auch zurück.

    don´t panic

  • Guten Morgen!


    Ich bedanke mich für Eure Antworten.


    Das nenne ich Aufnahme-Forensik. Der ganze gute Blues in einer eiskalten Kurve. :)


    Infos zur Ausrüstung


    • Mein Set wurde mir als Gretssch Renown verkauft. Dazu nutze ich eine Piccolo Snare aus Metall der Marke China-Schrott ohne Namen (kling eunfach in meinen Ohren besser als die Original Holz Renown Snare). Auch die drei restlichen Trommeln (inkl. 24er Bass Drum) alle in einer „offenen“ Stimmung (Resonanzfelle höher gestimmt als die Schlagfelle).
    • Das Bandgerät Uher Report stammt aus den 70er Jahren. Es war sehr beliebt bei Reportern der Rundfunkanstalten, Präsident Nixons Sekräterin sowie Ost- und West-Geheimdiensten zur Aufzeichnung von Telefongesprächen.
    • Zur Digitalisierung nutze ich ein Behringer Interface (untere Preisklasse), einen Mac und die Software Audacity.


    Jetzt endlich zur Frage


    Wie ist der Workflow nach der Übertragung der analogen Aufnahme? Beispiel: Wann sollte man den Raumklang hinzufügen? Vor einer Bearbeitung der Höhen und Bässe? Oder lieber ganz am Schluss? Welche logische Reihenfolge haben die digitalen Bearbeitungsschritte? So, dass ich nicht blind mal hier und mal da schraube und einen vorherigen Schritt damit zunichtemache.


    Viele Grüße


    Christian

  • So, dass ich nicht blind mal hier und mal da schraube und einen vorherigen Schritt damit zunichtemache.

    Das Problem, einen Schritt zu nichte zu machen kannst Du mit einer anderen DAW in den Griff bekommen. Die Anpassungen mit Audacity sind irreversibel. Es gibt eine günstige DAW, die man auch erst einmal intensiv ohne Einschränkungen testen kann: Reaper FM. Damit kannst Du beliebig an Deinem Schnitt schrauben, ohne etwas kaputt zu machen.

    Gruß mc.mod

  • Beim 12/8tel Blues hatte ich allerdings den Eindruck, dass ein Kompressor am Werk ist, weil das Ride nach einem Snareschlag immer etwas leiser wird.

    Kann das nicht auch an der automatischen Aussteuerung liegen?

    Ja, wenn es denn eine solche geben sollte. Ich würde eine autom. Aussteuerung grundsätzlich ausschalten, wenn ich Trommeln aufnehme, denn das Signal besteht hauptsächlich aus Transienten, die ständig die Aussteuerung triggern.

  • Hi Christian,

    bei entsprechenden Pegelspitzen wirkt so eine automatische Aussteuerung, wie ein langsamer Kompressor. Aus meiner Erfahrung ist JEDE Klangbearbeitung im Aufnahmeweg von Übel, man sollte immer das komplett unbeeinflusste Primärsignal aufzeichnen und erst im Nachgang bearbeiten. Wenn man extreme Lautstärkespitzen erwartet, kann man ja einen Limiter einschleifen, aber man sollte sich immer bewusst machen, dass man Bearbeitungen im Aufnahmeweg kaum mehr rückgängig machen kann.

  • Danke, Nils!


    Ok, ich mache es bisher so:

    1. analoge Aufnahme ohne Eingriffe übertragen und als Datei sichern
    2. Kopie dieser Roh-Datei (mit neuem Namen) erstellen
    3. Digitale Bearbeitungen an der Kopie starten


    Zum 3. Schritt fehlt mir das Wissen und die Erfahrung. Ich meine genauer die logische Reihenfolge der Eingriffe: Pegel, Höhen und Bässe, Raumklang, evetuell doch vorsichtig einen Kompressor (?) Mehr will ich ja nicht an den Bandaufnahmen verändern. Das übliche Rauschen und analoge (leichte) Übersteuerungen sind ja Wilkommen.


    Grüße aus Kiel

    Christian


    P.S. Nils, ich habe Dein Buch zum Stimmen von Trommeln vor sehr vielen Jahren gekauft. Lese heute noch öfter darin nach. Damals dachte ich: Das hat ein Jurist geschrieben. Wegen der Art des Aufbaues und der Formulierungen. :-) Habe mich doch nicht geirrt über Deine Berufswahl?

  • Danke, Nils!


    Ok, ich mache es bisher so:

    1. analoge Aufnahme ohne Eingriffe übertragen und als Datei sichern
    2. Kopie dieser Roh-Datei (mit neuem Namen) erstellen
    3. Digitale Bearbeitungen an der Kopie starten


    Zum 3. Schritt fehlt mir das Wissen und die Erfahrung. Ich meine genauer die logische Reihenfolge der Eingriffe: Pegel, Höhen und Bässe, Raumklang, evetuell doch vorsichtig einen Kompressor (?) Mehr will ich ja nicht an den Bandaufnahmen verändern. Das übliche Rauschen und analoge (leichte) Übersteuerungen sind ja Willkommen.

    So würde ich das grundsätzlich auch machen. Ein paar Dinge gebe ich zu bedenken:

    zu 1. Die analoge Aufnahme sollte möglichst so hoch ausgesteuert sein, dass der Pegel in die Bandsättigung läuft, also leicht übersteuert. Bei der Übertragung, also A/D-Wandlung, darf der Eingang des Wandlers NIEMALS übersteuert werden, das klingt richtig übel.

    zu 2. Genau, kein Backup - kein Mitleid.

    zu 3. Ich beginne immer mit einer Normalisierung. Diese entfernt den Gleichspannungsanteil aus dem Signal und hebt den Pegel der einzelnen Spuren an den gewählten Max-Pegel an. Ich arbeite meistens mit -1dB. Der Vorteil ist, dass die nachgeschalteten Bearbeitungen auf einem genormten Pegel stattfinden und sich deshalb besser vorhersehen lässt, was rauskommt. Ich mag Audacity, auch wenn es Schwächen hat, aber der Tipp mit Reaper ist gut, denn damit kann man die Wirkung der Effekte in Echtzeit beobachten. Welche Bearbeitung man wirklich will kann man so gut herausfinden. Audacity rendert ja nur, also muss erst alles berechnet werden und dann kann man es hören.

    P.S. Nils, ich habe Dein Buch zum Stimmen von Trommeln vor sehr vielen Jahren gekauft. Lese heute noch öfter darin nach. Damals dachte ich: Das hat ein Jurist geschrieben. Wegen der Art des Aufbaues und der Formulierungen. :-) Habe mich doch nicht geirrt über Deine Berufswahl?

    Nein, ich bin kein Jurist. Tatsächlich habe ich mal Elektrotechnik studiert, leider nicht erfolgreich zu Ende, hab aber trotzdem etwas daraus mitgenommen. Der Aufbau entspricht meiner Arbeitsweise, zuerst die gesamte Struktur mit allen kleinteiligen Kapiteln festzulegen, also erst mal einen roten Faden zu erzeugen, und dann den Inhalt in passenden Häppchen einzufügen.

    P.S.: Ich habe auch ein Buch über das Aufnehmen von Trommeln geschrieben, vielleicht könnte dir das auch etwas helfen.

  • Der Rest, das es bei 12kHz abfällt, ist einer verlusthaften Komprimierung und/oder dem eventuellen Onboardsoud geschuldet.

    Verlustbehaftete Codierung sollte bei halbwegs gängiger Bitrate nicht unter 16kHz abfallen, und dass ein Soundkarteneingang so bandbegrenzt ist, kann ich mir eigentlich auch nicht vorstellen. Bei den Höhen würde ich schon ganz schwer auf das Bandgerät samt Band tippen.

    Nix da.

  • Fangen wir mal ganz vorne in der Aufnahmekette an.

    Da ist zunächst einmal dein gut klingendes Schlagzeug und..der Raum. Der Raum ist das wichtigste in der Aufnahmekette.

    Klingt der nicht gut, wird auch die Aufnahme nicht gut klingen. Da kann man auch nix mehr gerade bügeln.
    Da du mit nur einem Mikrofon aufnimmst, nimmst du den Klang des Raumes auf. Mit Mikrofonen und deren Positionen kann man experimentieren, der Raum ist wie er ist.
    Grundsätzlich kann man sagen, das wenn die rohe unbearbeitete Aufnahme schon nicht gut klingt, wird es nicht möglich sein einen guten Mix zu bekommen.
    (shit in-shit out)


    Zu den Pegeln: Die analogen und digitalen Pegel kann man nicht vergleichen. 0 dBu (analog) entsprechen -18 dBFS (digital). Warum das so ist würde hier zu weit führen.

    Auf dem Tonband strebt man 0 dB als Pegel an, wobei man bei >3 dB schön in die Sättigung fährt und auch der Abstand zum Grundrauschen des Bandes vergrößert wird.
    Digitalisiert man dieses Signal, sollte man auf jeden Fall hohe Pegel vermeiden. Im allgemeinen sollte das Eingangssignal mit -18 dBfs eingepegelt werden. Dabei ist weniger mehr, da wir kein Rauschen in der digitalen Welt haben, bzw das so weit weg ist das wir da keine Probleme bekommen.
    Auch die Effekte in der digitalen Welt, die ja oftmals analogen Vorbildern nachgebildet sind und sich exakt auch so verhalten, möchten am liebsten einen Pegel von -18 dBfs.


    Ich empfehle dir, wie Uli schon meinte, eine DAW. Ob Reaper oder Cubase oder was auch immer ist Geschmackssache.
    Dort kannst du auch ganz analog arbeiten, mit alten Röhren EQs, Röhrenkompressor und so ziemlich allem was in den letzten 70 Jahren gebaut wurde.
    Diese Plugins gibt es von gut bis sehr gut, von umsonst bis preiswert oder teuer.
    Klanglich gibt es keinen Unterschied, zumindest nicht hörbar ob man analog oder digital arbeitet.
    Audio ist recht unklompliziert und auch die Nachbildung analoger Schaltungen und deren Verhalten ist kein Hexenwerk.
    Das ist eher ein philosophisches Problem. Und auch ein nostalgisches


    Der Signalweg ist in einem klassischen Channelstrip zuerst ein Lowcut zu setzen um Frequenzen die man unten rum nicht braucht abzuschneiden, da sie stören und die weitere Bearbeitung sehr verschlechtern. (warum würde hier den Rahmen sprengen)

    Dann nimmt man in der Regel einen EQ um störende Frequenzen abzusenken und gegebenenfalls die schönen anzuheben.
    Danach kommt ein Kompressor. Der ist notwendig um den großen Dynamikbereich etwas zusammenzustauchen, damit das ganze gut hörbar wird.
    -Wir hören ja später über Lautsprecher und da ist so ein großer Dynamikumfang von Nachteil.
    Dabei rücken die leisen Anteile und die lauten etwas zusammen und das ganze wird besser und deutlicher hörbar.
    Den EQ kann man auch nach dem Kompressor setzen, das hängt vom Geschmack und der Situation ab.
    Ich bevorzuge in der Regel die störenden Frequenzen abzusenken bevor sie durch den Kompressor laufen.


    Da du nur mit einem Mikrofon arbeitest bleibt das ganze sehr übersichtlich und ist sicher gut zum lernen.
    Vielleicht willst du später mal mit 3 oder mehr Mikrofonen aufnehmen und weisst schon wie es geht und worauf du achten musst.


    Dein großes Problem was du vielleicht gar nicht siehst, ist, das du ja wenn du deine Aufnahmen ins Netz stellst sie digitalisiert und bearbeitet werden.
    YT und jeder andere Dienst zb. "normalisiert" die Lautstärke gnadenlos auf eine definierte Lautheit. Wenn du nicht schon so ablieferst wie die es brauchen, passieren schlimme Dinge mit deiner Aufnahme. Da sitzt dann keiner am Limiter und achtet darauf das deine Aufnahmen schön klingen.

    Das was du aus deiner Tonbandaufahme hörst entspricht nicht dem was man in deinen Videos hört.

    don´t panic

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