Was-ist-Jazz-Diskussion (aus der Challenge)

  • Ich hätte mich gefreut, deinschlagzeuglehrer, wenn du bei der Challenge mitgemacht hättest.

    Schau mal auf seinen YT Kanal. Er hat zwar nicht unser Playalong im Programm, aber jede Menge Jazz Stuff. ;)

    Ein großer Teil der handwerklich gewichtigen Musiker und Bands heutzutage hat im Minimum einen "Jazzbackground", also die Bausteine Jazz-Harmonielehre, Traditional-Jazz-Playing, Improvisation, Interaktion, Comping, Swing-Feel sind solid bis vertieft vorhanden. Mit diesem Können und Wissen wird dann aber eine riesige Bandbreite an Musikstilen gespielt, die sich recht erfolgreich klaren Schubladisierungen entzieht.

    Todd Sucherman sagt ja, dass der Swing der Schlüssel zu allem ist.

    es gibt diesen einen Moment nach dem Thema von "So What", wo Jimmy Cobb auf genau das richtige Becken haut und einen sehr langen Ton spielt.

    Ja! Solche Momente kenne ich selber, wo ich zur richtigen Zeit das richtige Crash auf die richtige Weise anschlage. Wenn man das plant, geht es selten auf.

    Four on the floor sind zwei zu viel.

    SONOR Vintage Series: 20", 22" BD; 14" Snare-Drum; 10", 12", 13" TT; 14", 16" FT

    PAISTE 2002, 2002 Big Beat, 602 Modern Essentials, PstX

    Gigs: 23.01.26 Markthalle Freiburg, 21.03.26 Heimathafen Lörrach, 09.05.26 KiK Offenburg, 19.06.26 Haferkasten Kenzingen, 19.09.26 Mehlsack Emmendingen, 03.10.26 Private VIP Gig, 31.10.26 Durbacher Hof Offenburg, 21.11.26 Bierakademie VS, 28.11.26 Heimathafen Lörrach mit >> Blackwood Mary

    >> Mein Vorstellungsthread

  • Ich hätte mich gefreut, deinschlagzeuglehrer, wenn du bei der Challenge mitgemacht hättest.

    Schau mal auf seinen YT Kanal. Er hat zwar nicht unser Playalong im Programm, aber jede Menge Jazz Stuff. ;)

    Das ist mir bewusst. Ich gucke mir das öfter an, auch hier im DF. Deswegen schrieb ich ja, dass ich mich gefreut hätte…

    Und deswegen habe ich ihn auch als Quelle der Inspiration für die Challenge im Thread angeführt.

    "Ambition is a dream with a V8 engine" - Elvis Presley

  • Drum Bee: Erstmal danke für die Blumen und dafür, dass du meinen Kanal als Inspiration verlinkt hast. Das freut mich wirklich sehr!


    Warum ich nicht mitgemacht habe? Ganz ehrlich: Weil ich genau diesen Struggle und die Selbstzweifel kenne, den viele hier beschreiben. Auch nach vielen Jahren mit Jazz sitze ich manchmal am Set und denke: Klingt das jetzt wirklich nach Jazz, oder eher nach einer Kopie Dieser Respekt ist für mich sehr real. Je mehr man sich mit dieser Musik beschäftigt, desto größer wird oft auch der Anspruch an sich selbst. Manchmal sitzt dann im Hinterkopf schon wieder die Jazz-Polizei, die auf jede MIni-Kleinigkeit achtet und plötzlich spielt man weniger frei, zu verkopft, als man eigentlich möchte. Gerade bei einem Playalong ist diese Gefahr wahnsinnig hoch, da das interaktive Element der Mitmusiker fehlt.


    MoM Jovi : Das Zitat von Todd Sucherman unterschreibe ich. Swing ist nun mal i unserer Drummer-DNA. Aber genau dieses Gefühl, von dem Matzdrums bei Jimmy Cobb spricht, dieser eine Schlag zur richtigen Zeit, das ist eben etwas, das man nicht erzwingen kann.


    Ich glaube, wir sitzen da alle im selben Boot: Wir versuchen, eine Musik zu verstehen und vielleicht ist genau das auch der schöne Teil daran, dass man sich in dieser Musik immer als Lernender fühlt.


    Für mich ist Jazz jedenfalls ein lebenslanger Prozess des Hörens, Lernens, Verstehens und Suchens. Genau deshalb finde ich es auch stark, dass sich hier so viele an der Challenge beteiligt haben. Wie ich bereits sagte: Das erfordert Mut.

  • Ich muss jetzt noch mal was zu dieser Sozialisation sagen:


    Ich habe in den letzten beiden Jahren festgestellt, dass ich Songs, die ich bereits als Kind und Jugendliche gehört habe, am besten hinkriege. Selbst wenn sie meinem heutigen Musikgeschmack nicht mehr unbedingt entsprechen.

    Z.B. Honky Tonk Woman. Meine Schwester hat den Song rauf und runter gedudelt. Das Pattern mit der Kuhglocke ist jetzt nicht so gewöhnlich. Ob ihr es glaubt oder nicht…ich konnte das nach 10 Minuten. Mein Schlagzeuglehrer war darüber sehr erstaunt. Mir blieb nur die Erklärung, dass sich dieser Groove in frühester Kindheit wahrscheinlich in mein Gehirn gefressen hat.

    "Ambition is a dream with a V8 engine" - Elvis Presley

  • Für mich ist Jazz jedenfalls ein lebenslanger Prozess des Hörens, Lernens, Verstehens und Suchens.

    Das unterschreibe ich komplett. Im Jazz gibt es eigentlich keinen Stillstand. Es gibt immer eine Weiterentwicklung von Stilistiken, von Arrangements, von Interpretationen aufgrund sich ändernder emotionaler Zustände, menschlicher Weiterentwicklungen, neuer technischer Möglichkeiten.


    Jazz ist dauernd in Bewegung , transformiert sich, verschmilzt, und teilt sich wieder auf. Wer meint er kenne DEN Jazz, der entwickelt sich vermutlich gar nicht weiter, sondern bleibt in einem kleinen Fragment des großen Ganzen verhaftet. Und weil Jazz sich beständig verändert, anpasst neue Wege geht, ist es natürlich schwer das Wesen des Jazz zu fassen. Und das macht das auch sicherlich vielen so schwer, den Jazz für sich zu begreifen und sich darin zu Hause zu fühlen. Dabei gibt es sicher für jeden einen Punkt, wo er den Einstieg in den Jazz schaffen kann. Zum Beispiel über Funk-Jazz.


    Aber wie soll man Jazz anpacken, wenn man nicht weiß wo man anfangen muss? Im Endeffekt braucht man eben irgendeinen Ausgangspunkt, ob Swing, Be-Bob, Dixie, Cool Jazz oder Free Jazz (such es dir nach Gusto aus), mit dem man sich beschäftigt, um dann für diesen Punkt das Wesen des Jazz das Gefühl die Emotionalität zu begreifen und für sich zu adaptieren und zu verstehen, weshalb dieses Lebensgefühl entstehen kann, dass man sagt: ich liebe dieses Lied, diesen Jazz, ich verstehe was die Musiker dort machen wollen, ich weiß wie ich interagieren muss am Schlagzeug.


    Von diesem Punkt aus, wenn ich den wirklich erreicht habe, kann ich die weiteren Schritte machen und mir neue Bereiche des Jazz Stück für Stück erschließen, die im besten Fall von diesem Urkern, von dem ich komme, sich heraus entwickelt haben. Denn dann habe ich halt schon ein Grundverständnis dessen, was gewesen ist und was daraus geworden ist und wie es sich weiterentwickeln kann. Es öffnet die Tür.


    Und dieses ständige "im Fluss sein" beim Jazz, die ganzen vielen verschiedenen Annäherungsarten aufgrund der Weite der Stilistiken, macht es wahrscheinlich auch sehr viel komplizierter beim Jazz als bei manch anderen Musikarten, "Fuß zu fassen", da man bei anderen Genres doch einen vergleichsweise weniger "lebenden Organismus" hat sondern musikalische Strukturen die viel gefestigter sind. Wer Rockdrumming Anno 2026 kann, wird beim Rockdrumming Anno 1970 weniger Probleme haben, das Wesen, den Vibe zu erfassen, als jemand der aus dem Dixie kommt und plötzlich Fusion Jazz mit Weckl und Corea spielen soll. Das sind zwei ganz weit voneinander entfernte Sachen, obwohl beides Jazz ist.


    Ich kann für mich nur sagen, ich kenne Fragmente des Jazz und werde ihn nie in Gänze kennenlernen, begreifen, verstehen, verinnerlichen. Ich habe von Klein auf einiges mit der Muttermilch aufgesogen. Ja, das macht den Einstieg und die Weiterentwicklung leichter. Ich werde aber Zeitlebens immer auf Teilbereiche des Jazz beschränkt bleiben, auch weil sich Jazz ständig erweitert, verändert. Aber das ist normal, das ist nicht schlimm. Finde deinen Sweet Spot und schaue, was dann noch darüber hinaus geht. Ich lerne ich auch beständig weiter. Und wenn man dann z.B. feststellt, mit Free Jazz kann man gar nichts anfangen, was man dazu spielt klingt 100% kagge, dann ist das absolut okay. Man ist deswegen nicht schlechter als Musiker.


    In diesem Sinne nicht vergessen, auch ein renommierter "Jazzer" kann fehl am Platz sein, wenn er im falschen Jazzbereich mitspielen soll. Buddy Rich bei Chick Corea? Brötzmann in einer New Orleans-Combo? Louie Bellsson bei Snarkey Puppet? Wird spannend. 😂

    "You don't have to show off" - Peter Erskine

  • Stilistisch fange ich als Lehrer eigentlich erstmal mit allem an, was das Realbook und seine Varianten so hergeben.

    Darin findet sich sehr viel Medium Swing, etwas Bossa/Afro/Latin und auch ein paar rockigere Nummern.


    Ich finde es sehr wichtig auch die Stücke zu spielen und nicht nur die Stilistik.

    Man lernt so viel dabei sich die wichtigsten Aufnahmen zu jedem Standard anzuhören.

    Paul Motion, Phillie Joe Jones oder Brian Blade spielen das selbe Stück ja auch komplett anders.


    Über das Kopieren, findet man irgendwann seine eigene Stimme.


    Am Kontrabass waren das Charles Mingus, Scott LaFaro und Dave Holland die mich zu gleichen Teilen inspiriert haben und das hört man wahrscheinlich auch:

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    Ich habe jeden der drei kopiert und auch Transkriptionen angefertigt die ich dann gespielt habe. Ich hab eine Solo Nummer von Good Bye Porkpie Hat auf der Zwischenprüfung gespielt und zu Lucky Seven gejammt. Das kontrapuntische Spiel des Bill Evans Trios ist bis heute meine Art Trio zu spielen. Ich musste jahrelang trainieren weniger zu spielen um überhaupt Top40 authentisch spielen zu können.


    Und irgendwo muss man ja anfangen.

    Bei mir war es der große Bruder des Drummers meiner ersten Band, der mir die Platte "Jazz Samba" gebrannt hat.

    Ich hab daraufhin erstmal auf der klassischen Gitarre Bossa Nova geübt. Dann Swing. Dann meinen ersten Kontrabass gekauft, weil ich Mingus so geil fand :D


    Zu keinem Zeitpunkt konnte ich irgendetwas authentisch bedienen. Bossa hab ich erst durch einen Brasilianer im Studium verstanden und Swing durch meine Knechtschaft im Trio mit Fritz Maldener mit Anfang 20. Der war quasi noch bei den Anfängen in Deutschland dabei. Klaus Doldinger etc. war eine Generation.


    Einfach machen. Das liest man aus jeder Jazzbiographie heraus. Das waren alles Typen mit Eiern aus Stahl :D also zumindest Davis, Mingus etc. Die haben denke ich nie daran gezweifelt ob das jetzt authentisch ist.

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