Einmal Vollbedienung bitte: The Europe Drum Show
Ich habe mir die komplette Packung gegeben und mir so viel
wie nur möglich eingeschenkt. Anreise Freitag, Show Sa & So,
Abreise heute früh. Hin- und Rückfahrt mit Stau und Umleitung
knapp zehn Stunden. Zwei Tage Urlaub. Unterm Strich ein
teures Unterfangen, aber für mich jeden Aufwand und Cent
wert. Allerdings würde ich es nicht ein zweites Mal machen.
Ich wollte mir nach langen Jahren wieder so ein Nerd-Event geben.
Die Veranstaltung fand in zwei großen Hallen der Messe Friedrichshafen
statt, eine Halle als Ausstellungsraum, eine für die Trommelei. In der
Trommelhalle gab es ein großes bestuhltes Auditorium mit fetter PA
und ordentlich Licht. Auf dieser Main Stage gab es die "Artists" zu
sehen. Eine Etage höher waren zwei etwa je 300 Quadratmeter große
Räume für Masterclasses und Worshops vorgesehen.
Nachwuchs nach vorne
Los ging's am Samstagmorgen um 9:30 Uhr mit dem Nachwuchswettbewerb
unter dem kreativen Titel "Germany's Next Top Drummer". Fünf junge
Trommler zwischen 11 und 18 gaben ihr Bestes und sie haben es alle gut
gemacht. Double Bass ist schwer angesagt bei der Jugend, habe ich festgestellt.
Den ersten Platz heimste der 11-Jährige ein.
Main Stage
Vorweg: Meistens haben die Protagonisten zu Playbacks gespielt. Freie Soli
waren die Ausnahme. Ein anderes Format ist mir auf der Main Stage nicht
begegnet. Allerdings habe ich nicht alle Performances gesehen.
Darby Todd war der erste Act auf der großen Bühne. Er ist der
Trommler von Devin Townsend und Dream-Theater-Tastenmann Jordan
Rudess und The Darkness. Die kenne ich alle, aber ich muss gestehen,
dass mir Herr Todd bis dato unbekannt war. Der Herr hat ordentlich was
abgeliefert, mein lieber Scholli. Groove, Power, Technik – Mannomann.
Und ein sehr freundlicher und netter Zeitgenosse ist er obendrein.
Kategorie: Nettes Monster
Jost Nickel lieferte das, was man von ihm erwarten konnte:
super genagelte Grooves, sehr kreatives Spiel innerhalb der
Songs, super Sound und: ELEGANT. Bei Jost sieht alles ganz einfach
und spielerisch aus. Zudem ist er was die Bewegungen anbelangt
ein Ästhet. Jost Nickel ist für mich eine riesen Nummer.
Kategorie: Elegantes Monster
Auf Greyson Nekrutman war ich sehr gespannt. Auch er lieferte,
was bestellt war: Seine superbe Jazzlicks-Sammlung einerseits
und Sepultura-Geballer (War es Sepultura?) auf der anderen
Seite. Dass er bei den heavy Sachen reinlangt wie ein Holzfäller – ok.
Dass er das bei seinen Jazzdingens auch so macht, hat mich echt
überrascht. Klar, nicht so hart wie bei dem Ballerkram, aber doch
viel, viel mehr, als ich erwartete. Insgesamt sehr unterhaltsam.
Kategorie: Metal-Jazz-Monster
Die Schlange vor Beginn der Darbietung von Eloy Casagrande war
beeindruckend lang. Gemessen daran, war er wohl der unbestrittene Star
der Veranstaltung. Ja, absolut beeindruckend, mit welcher Power und
Geschwindigkeit er seinen komplexen Kram in den Bühnenboden
hämmerte. Wie sacht man so schön auf Neuhochdeutsch: Abgeholt hat
er mich nicht. Ist halt Geschmacksache.
Kategorie: Everything louder than everything else
Am Sonntag war Eric Moore der erste, der die Bühne enterte. Viel,
schnell laut, super Technik & Koordination, netter Kerl. Aber trommlerisch
nicht mein Fall. Genauso Virgil Donati. Dazu schreibe ich nichts.
Jojo Mayer habe ich nur den Schluss gesehen. Er klingt super gut, und groovt
wie die Hölle. Sein Elektrolurch-Kram berührt mich leider nicht. Schade.
Auf Steve Jordan war ich total gespannt. Leider war es für mich die große
Enttäuschung. Auf der Bühne standen zwei Sets, eins davon mit Bassdrum,
Snare, Hihat und Ride. Darauf spielte Steve zu Beginn mehrere Minuten lang
einen Groove: Achtel HH / Ride, BD 1 und 3, Snare 2 und 4. Na klar hat
das gegroovt. Es ist ja auch Steve Jordan. Aber den Witz hat Chad Smith
schon vor 20 Jahren auf einem Modern-Drumming-Meeting erzählt. Macht
ja nix, über gute Witze kann man auch zwo mal lachen. Aber das war's auch
schon, was Steve gespielt hat. Er hat erzählt, dass es um da Grove und da Groove und da Groove
geht. Ja, das ist schon klar, Steve. Das wusste ich bereits und deswegen bin
ich ja in Deine Veranstaltung gerannt. Dann hat er noch viele Fragen aus dem
Auditorium beantwortet, die für mich persönlich vollkommen irrelevant waren.
Die Antworten waren mit der ein oder anderen Anekdote geschmückt und…ja gut.
Ein paar Trommler kamen auf die Bühne, haben was gespielt und selbst
ein Tauber hätte sagen können, woran es mangelt. Steve ist ein cooler Hund
und ein überragender Trommler. Aber das war eine vergebene Chance. Steve
hat eine der - nach meinen Maßstäben – besten Trommel-DVDs produziert:
"The Groove Is Here". Darauf spielt er zu meist bekannten Songs, die er aufgenommen
hat und erklärt – nichts. Muss er auch nicht, weil es total augenfällig ist, um was
es geht. Ach, hätte er wenigstens für zehn Minuten so was gemacht…
Masterclasses
Samstags um 12 Uhr war Bertram Engel an der Reihe. Er hat total abgeräumt.
Ich kenne natürlich viel Kram, den er gespielt hat, habe sein Buch gelesen,
bin aber kein Berte-Fan. Auch weil er manchmal recht breitbeinig rüberkommt
und mir sein Getue von wegen, "es ist einfach, was ich mache, aber brutal schwer",
auf den Senkel geht. Ich bin jetzt bekehrt und erster Vorsitzender der
Berte-Engel-Fan-Clubs Sektion Mitte. Er hat zu ein paar Nummern gespielt und
verklickert, was und wie und warum und man konnte das alles genau hören.
Highlight war ein Stück dass er mit Carl Carlton's Songdogs aufgenommen hatte.
Mit an Bord waren damals Bassist Wyzard und Gitarist Moses Mo von Mother's Finest.
Das war richtig geil. Und schöne Anekdoten gab's auch noch. Hut ab, Berte!
Bei Ralf Gustke hat leider die Technik nicht mitgespielt. Das kann vorkommen
und ich habe sowas als Zuschauer schon oft erlebt. Was ich nicht verstehe:
Warum hat man da keinen Plan B? Ralf hat sich dann mit zwar sehr interessanten
Themen über Wasser gehalten, allerdings waren die nicht sehr gut erklärt.
Seine Herangehensweise an Ungerade Metren waren sehr interessant, hätten
aber für meinen Geschmack etwas langsamer und tiefer erklärt werden
müssen. Wirklich schade. Und Ralf Gustke ist ein absolut tierischer Drummer,
der hierzulande leider etwas unter dem Radar läuft.
Die spanisch-brasilianische Trommlerin Ra Tache kann gut trommeln, allerdings
musste ich nach kurzer zeit gehen, weil es so affig laut war, dass ich es selbst
mit Gehörschutz nicht mehr ausgehalten habe. Hier mal ein Tritt in den
Hintern der Veranstalter: Was erlaubt Ihr Euch?!?! Seid Ihr noch ganz frisch?
Das grenzt an Körperverletzung, was Ihr da treibt!
Rick Latham war für mich auch ein Highlight der Show. Er hat eine blitzsaubere
Technik und groovt noch immer wie die Hölle. Er hat seinen kram super
erklärt und vieles mit einem Bassisten demonstriert. Dazu wurden ein paar
Gadd-Licks und Angeber-Fills seziert – wirklich prima.
Education Room
Mike Johnston ist ein super Lehrer. Er hat beispielsweise Fills und Dynamikkonzepte
erklärt und demonstriert und zwar auf eine Art und Weise, dass es jeder
verstehen konnte. 100 Punkte
Claus Hessler: Ich muss vorweg schicken, dass ich hier nicht objektiv bin und
schon seit Jahrzehnten der Sekte der Clausianer angehöre. Claus Hessler
hat ein neues Buch geschrieben zum Thema Collapsed Rudiments. Die Idee
dahinter ist, Rudiments an bestimmten Stellen auf der Zeitachse zusammenzuschieben
oder zu dehnen. Dabei bleibt das Sticking unverändert. Er hat das an ein paar
Beispielen demonstriert und gezeigt, dass der Blushda, der durch Tony Williams
bekannt wurde, bereits so ein Collapsed Rudiment ist. Claus meinte, dass
Collapsed Rudiments keine Liste ist, sondern ein System. Dazu gab es zum
Abschluss noch ein Solo… pffff.
Dann hat noch der Spanier Miguel Lamas einen aufgerührt, dass einem
Sehen und Hören verging. Nochmal unfassbarer Kram in Lichtgeschwindigkeit.
Und sympathisch ist er auch noch (trotz Cucurella!). Mit Rudiments habe er
nix am Hut meinte er und mit der Doublebass wäre er lausig. Ich hätte
gerne seine Probleme.
Alles in bester Stimmung mit dem unglaublichen Nils
Nils kenne ich schon lange Jahre. Ich habe ich am Adoro-Stand aufgesucht und
nach dem dort angekündigten Stimm-Workshop gefragt. Weil es so laut war
sind wir nach draußen hinter die Messehalle gegangen. Dort gab es für mich
exklusiv einen Stimm-Workshop von Nils. Ich bin mit Nils' Herangehensweise
und Stimmphilosophie bereits durch DF-Workshops, Bücher und auch seine
Ausführungen hier im DF vertraut. Aber es haut mich doch wieder vom Hocker,
wenn er einem das in natura vor Augen führt. Mit minimalen Drehungen stimmt
er ein Tom durch die verschiedenen Zonen. Und von dem abgesehen ist Nils
einer der nettesten und freundlichsten Menschen, die ich kenne. Und ein
schlauer Zeitgenosse ist er obendrein.
Kategorie: Outstanding Planet Nils
Dies & das
Die Veranstaltung war super organisiert und auch der Preis imho vollkommen
angemessen. Ja, nächstes Jahr soll die Show in Frankfurt über die Bühne gehen.
Die riesige Halle 5 sei dafür vorgesehen. Na gut. Ich werde dort sein.
Konzeptionelle Schwächen
Zu Playbacks vor Zuschauern zu spielen ist ein bewährtes Rezept. Es ist aber auch
schon uralt und ich finde, etwas eindimensional. Zumal die Playbacks für meinen
Geschmack im Vergleich zum Schlagzeugsound viel zu leise waren. Ja klar, das ist
eine Trommlerveranstaltung und es ist in Ordnung, wenn die Drums im Vordergrund
stehen, aber so wie es auf der Main Stage war, war es mir viel zu extrem.
Noch mal ein Schritt zurück: Was spricht dagegen, dass mal mehrere Top Acts etwas
Gemeinsames auf die Beine stellen und auf der Bühne zum Besten geben?
Zudem gibt es viele Drums- und Percussion-Acts, die absolut sehens- und hörenswert
sind. Ich finde eine inhaltliche Weiterentwicklung stünde solchen Veranstaltungen bestens zu Gesicht.
Und über die Kategorien "Masterclasses" und "Workshops" sollte man nochmal
nachdenken. Manchmal waren das einfach nur Performances, wie etwa bei
Miguel Lamas. Naja, Rubrizierung wird im Allgemeinenüberschätzt. :I)
Ich hör jezz ma auf, ist schon wieder viel zu lang.
fwdrums